Meral Thoms
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Stellen Sie sich eine ältere Landtag Bewohnerin in einem Pflegeheim vor. Am Abend geht es ihr plötzlich schlechter; sie ist schwach, sie ist verwirrt. Die Pflegekraft kennt sie gut und denkt sich: Hier stimmt etwas nicht. Was ist zu tun? – Die Hausärztin ist vielleicht nicht erreichbar. Jetzt müssen Informationen zusammengesucht werden. Eine schnelle ärztliche Einschätzung fehlt. Dann passiert allzu oft das, was nachvollziehbar ist: Im Zweifel wird der Rettungsdienst gerufen. Die Bewohnerin kommt ins Krankenhaus. Das bedeutet Stress für die ältere Patientin, Sorge für die Angehörigen – ich spreche aus eigener Erfahrung als pflegende Angehörige; ich wurde schon sehr oft angerufen, weil die Person, die ich pflege, mit dem Rettungsdienst in die Notaufnahme kam; da bleibt einem jedes Mal das Herz stehen –, zusätzliche Arbeit für die Pflegekräfte und eine weitere Belastung für Rettungsdienst und Notaufnahme. Dabei wäre dieser Krankenhausaufenthalt vielleicht gar nicht notwendig geworden. Dazu gibt es Studien; Kollegin Oellers hat es auch schon erwähnt. Genau hier setzt unser Antrag an. Wir wollen Pflege und hausärztliche Versorgung stärker zusammendenken, sektorenübergreifende Versorgung stärken und die Potenziale der digitalen Vernetzung nutzen. Dafür wollen wir in einer Pilotphase Pflegeeinrichtungen und Hausarztpraxen als feste Versorgungstandems zusammenbringen, die gemeinsam abgestimmte Abläufe definieren und digital vernetzt sind. Wenn sich der Zustand einer Bewohnerin, eines Bewohners verändert, dann müssen medizinische Informationen schnell und digital verfügbar sein. Pflegefachkräfte sollen die Situation strukturiert einschätzen, wichtige Vitalparameter erheben und diese Informationen digital weitergeben. Während der Sprechzeiten kann dann bei Bedarf die Hausärztin, der Hausarzt unkompliziert telemedizinisch hinzugezogen und außerhalb der Sprechzeiten die 116117 eingebunden werden. Das, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist konkrete sektorenübergreifende Versorgung; Pflege, Hausarztpraxis und ärztlicher Bereitschaftsdienst arbeiten digital und verlässlich zusammen. Dafür setzen wir uns ein. (Beifall von den GRÜNEN und der CDU Am Ende dieses Prozesses der gemeinsamen Bera- tung muss klar sein: Reicht für die Bewohnerin eine telemedizinische Beratung? Braucht es eine ärztliche Vorstellung face-to-face in der Einrichtung? Oder handelt es hier um einen lebensbedrohlichen Notfall, bei dem der Rettungsdienst gerufen werden muss? Bei diesen Versorgungstandems, die wir auf den Weg bringen wollen, setzen wir auf Vorhandenem auf. Die Anbindung der Pflegeeinrichtungen an die Telematikinfrastruktur läuft bereits. Die vorhandenen technischen Möglichkeiten müssen funktionieren 17.09.2026 und verlässliche Praxislösungen sein, die auch im Alltag genutzt werden. Aber abseits der Technik, die wichtig ist, braucht gute Versorgung vor allem die Kompetenz, die Expertise der Menschen vor Ort. Unsere Pflegefachkräfte in den Einrichtungen kennen die Bewohnerinnen und Bewohner am besten. Sie erkennen Veränderungen oft als Erste, und sie verfügen über hohe fachliche Kompetenz. Genau diese Kompetenz der Pflegefachkräfte wollen wir noch stärker nutzen. Wir wollen sie gezielt für eine strukturierte medizinische Ersteinschätzung qualifizieren und in einer Multiplikatorenfunktion in den Einrichtungen verankern. Auch für die Hausarztpraxen wird die Versorgung einfacher. Ihnen wird die Information strukturiert vorgelegt; Ärztinnen und Ärzte können schneller entscheiden, müssen vielleicht gar nicht in die Einrichtung fahren. In einem nächsten Schritt sollen pflegende Angehörige einbezogen werden. Ich habe eben von meiner persönlichen Situation erzählt; ich würde mir das oft wünschen, eine digitale Schnittstelle zu haben. Mit unserem Antrag schaffen wir eine echte Win-win-Situation für pflegebedürftige Menschen, weil vermeidbare Krankenhausaufenthalte verhindert werden können, für Angehörige, weil unnötige Belastung vermieden werden kann, für Pflegekräfte, weil wir sie in ihrer Kompetenz weiter stärken, und für Hausärztinnen und Hausärzte, weil wir sie entlasten. Ich bitte um Zustimmung zu diesem Antrag. – Herzlichen Dank. (Beifall von den GRÜNEN und der CDU)
