Dennis Sonne
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen! Im SPD-Antrag wird es ausgeführt: Die Situation rund um die Kinderbetreuung, die die Voraussetzung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist, ist im Moment nicht gut. In dem Antrag wird jedoch darüber hinweggeschaut, dass man Personal nicht herbeizaubern kann. In der Kita würde man in die Hände klatschen und dabei „backe, backe Kuchen“ singen. Die Kinder wissen gut genug, dass nach dem Singen kein Kuchen auftaucht. Auch neue Erzieher und Erzieherinnen kann man sich nicht backen. Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, Sie werden sich jetzt sicherlich fragen, warum ich als kinderloser Mann zu diesem Thema spreche. Wir alle wissen, wie viel Zeit unser Mandat in Anspruch nimmt. Es ist eine sehr ehrenvolle Angelegenheit für uns alle, die wir aktiv für die Demokratie eintreten und die Bürgerinnen und Bürger in ihrer Vielfalt vertreten. Wir alle sind uns auch darüber im Klaren, dass wir dafür auf etwas verzichten. Ich selbst habe mich entschieden, dieses Mandat in der kommenden Wahlperiode nicht weiterzuführen und mich auf meine Familie zu konzentrieren. Ich möchte gerne Kinder als Teil meiner Familie. Aber was ist, wenn wir, meine Partnerin und ich, das große Glück haben und ein Kind in unser Leben tritt? Meine Frau ist Lehrerin und liebt ihren Beruf. Ich kann nicht in die Zukunft schauen. Wer bleibt zu Hause? Das ist aber auch ganz egal. Denn für uns beide wird es einen Zeitpunkt geben, zu dem wir uns wieder beruflich verwirklichen möchten. Dafür brauchen wir eine gute Kinderbetreuung. Im besten Fall ist das eine gute Kita, in der Kinder mit anderen Kindern spielen können und für das Leben lernen. Ich sitze hier und spreche zu dem Thema, weil es hoffentlich ein Thema ist, das auch mich in Zukunft betrifft. (Beifall von den GRÜNEN) Sie von der SPD denken, gerade wir als grüne Fraktion würden in einem Elfenbeinturm oder wahlweise in einem rosa Montessori-Kindergarten-Stapelturm sitzen. (Lisa-Kristin Kapteinat [SPD]: Das habe ich nicht mit einem Wort gesagt!) So stellt sich vielleicht der ein oder andere aus den anderen Fraktionen uns Grüne klischeehaft vor. Wir sind wohl nicht gerade die Partei, in der Frauen wie Landtag in den 60ern den ganzen Tag mit den Kindern zu Hause auf dem Boden sitzen und sich fragen, was sie heute anziehen und was der Mann zum Nachtisch essen möchte. Wir arbeiten mit Händen und Füßen daran, die Situation für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern. (Beifall von den GRÜNEN) Wir tun das, um gleichberechtigte Partnerschaften auf Augenhöhe zu ermöglichen, weil vielleicht beide einfach gerne arbeiten und gut in ihrem Beruf sind, weil beide in die Rentenkasse einzahlen möchten und im Fall einer Trennung nicht dumm dastehen wollen. Wir tun das, weil unser Bundesland auf Arbeitskräfte angewiesen ist – Stichwort „inklusiver Arbeitsmarkt“. Wir tun das, weil Menschen mit einer guten Ausbildung diese nicht brachliegen lassen und später dann weniger verdienen wollen. Trotzdem möchte ich die Argumentationskette in Ihrem Antrag kritisieren. Mütter treten nicht deswegen beruflich wesentlich häufiger kürzer als Väter, weil das Betreuungsangebot fehlt. Sie tun es, weil sie an vielen Stellen immer noch weniger verdienen als Männer. Da müssen wir ran. (Lisa-Kristin Kapteinat [SPD]: Dazu habe ich gerade auch was gesagt! Du hast bestimmt zugehört!) Wir brauchen mehr als einzelne Instrumente und Pilotprojekte. Wir brauchen strukturelle Veränderungen, verlässliche Betreuung, flexible Arbeitszeitmodelle und genügend Fachkräfte. Wenn wir schon über verlässliche Betreuung sprechen, dann möchte ich noch auf eine Leerstelle dieses Antrags hinweisen: Verlässliche Betreuung muss auch inklusive Betreuung sein. Was ist mit Eltern mit Behinderungen? Was ist mit Familien, die Kinder mit Behinderungen haben? Ein zusätzlicher Kita- und OGS-Platz hilft einer Familie wenig, wenn notwendige Assistenz fehlt, das Gebäude nicht barrierefrei ist oder ein Kind aufgrund seiner Behinderung faktisch nicht teilhaben kann. Wenn wir eine Agenda für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bis 2030 formulieren wollen, dann müssen wir alle Familien mitdenken. Deshalb ist unsere Antwort auf diesen Antrag: Das Problem ist real, das Ziel teilen wir, aber eine richtige Problembeschreibung macht noch keinen guten Antrag. Um das Bild von den singenden Kindern noch einmal aufzugreifen – es ist September; man kann ja schon Weihnachtsgebäck kaufen, und schon bald werden vielen Eltern die Ohren klingeln, denn es darf gerne wieder gesungen werden –: (Der Abgeordnete singt.) „Sind die Plätzchen, die wir stechen, erst mal auf den Kuchenblechen, warten wir gespannt.“ 17.09.2026 Diesen Ohrwurm können Sie jetzt alle mit nach Hause nehmen. (Dr. Julia Höller [GRÜNE]: Danke! – Heiterkeit von Dr. Julia Höller [GRÜNE]) Als regierungstragende Fraktion, als Koalition und im Ministerium haben wir nicht dagesessen und auf „verbrannt“ gewartet, sondern wir haben etwas getan. (Beifall von den GRÜNEN und der CDU – Hei- terkeit von der SPD) Wir wissen, dass Wünsche nicht sofort in Erfüllung gehen, und haben daher bereits Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Gang gesetzt. (Zuruf von Thorsten Klute [SPD]) Daher stimmen wir diesem Antrag der SPD nicht zu. – Vielen Dank. (Beifall von den GRÜNEN und der CDU)
