Lisa-Kristin Kapteinat
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Frau 17.09.2026 Kollegin Gebauer, Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass die größte Sorge, die Familien in Nordrhein-Westfalen umtreibt, ist, dass sie bevormundet werden oder dass sie nicht wissen, welche Hilfeprogramme oder welche Fördermöglichkeiten es gibt, oder? (Beifall von der SPD) Ich weiß nicht, ob Sie in der Anhörung im April dabei waren. Aber die Quintessenz dieser Anhörung war ganz sicher nicht, dass dies die ganz entscheidenden Probleme sind. Ich stimme übrigens in großen Teilen Ihrer Rede zu. Es ist wichtig, dass es Verlässlichkeit gibt. Aber das ist nicht das, was die Familien in Nordrhein-Westfalen aktuell spüren, sondern die Familien in Nordrhein-Westfalen spüren eine Unsicherheit. Sie spüren, dass sie nicht genau wissen, wie lange die Schule geöffnet hat, wann wieder Notbetreuung ist, wie es in der OGS aussieht und wann sie angeschrieben werden, ob man nicht doch vielleicht die Kinder früher abholen kann. Das sind die tatsächlichen Probleme. Wir müssen nicht über die Zahl von Förderprogrammen sprechen. Wir können uns in Nordrhein-Westfalen andere Zahlen angucken, die vielleicht etwas mit Vereinbarkeit zu tun haben. Sie sagten, es gehe nicht darum, sich immer neue Sachen zu überlegen. Die Vertreterinnen des DGB haben in der Sachverständigenanhörung als Allererstes gesagt, sie hätten sich den Koalitionsvertrag von CDU und Grünen angeguckt und wären voller Hoffnung gewesen, weil darin viele gute Ideen enthalten sind, die die Vereinbarkeit stärken können. Der zweite Satz lautete: Schade, dass davon nahezu nichts umgesetzt wurde. (Beifall von der SPD) Deshalb finde ich es nicht ganz überzeugend, zu sagen, dass es eigentlich gar nicht mehr bräuchte, wenn man sich selbst doch offensichtlich mal mehr vorgenommen hat. Die Realität – ich nenne doch ein paar Zahlen – ist folgende: 2024 haben in Nordrhein-Westfalen 91 % der Väter von minderjährigen Kindern in Vollzeit gearbeitet, aber nur 28 % der Mütter. Seit gestern oder vorgestern wissen wir, dass nur 30 % der Führungspositionen in Nordrhein-Westfalen von Frauen besetzt werden, dass nicht einmal jedes dritte Kind unter drei Jahren einen Betreuungsplatz hat und es in der Regel die Mutter ist, die einspringt, wenn Betreuung fehlt bzw. kurzfristig ausfällt. Deshalb müssen wir über Rahmenbedingungen sprechen. Erstens. Wir brauchen eine verlässliche Betreuungsinfrastruktur. Da bin ich ganz bei Ihnen, aber es muss sich auch dafür eingesetzt werden, dass die tatsächlich kommt. Landtag Zweitens. Wir müssen die partnerschaftliche Aufteilung von Familienarbeit ermöglichen. Das hat nichts damit zu tun, dass man den Familien irgendetwas vorschreiben möchte, sondern wir müssen erst mal an den Punkt kommen, dass Familien eine tatsächliche Wahlfreiheit haben. So, wie die Strukturen derzeit sind, haben sie diese nicht. (Beifall von der SPD) Drittens. Wir müssen auch die Arbeitswelt familienfreundlicher gestalten. Warum sollte eine Führungsposition automatisch Vollzeit und permanente Verfügbarkeit bedeuten? Wir sollten deshalb stärker Jobsharing und Tandemlösungen für Führungskräfte ermöglichen, insbesondere im öffentlichen Dienst. Das ist in den vergangenen Jahren vor allem in den Ministerien aber leider sogar zurückgegangen. Man geht dort also nicht mit gutem Beispiel voran. Man vermittelt den Bürgerinnen und Bürgern und auch den Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern nicht, was möglich ist, weil man es gar nicht sehen möchte. Wir müssen auch über faire Bezahlung sprechen. Denn Tarifbindung und ein entsprechend gutes Tariftreuegesetz können dazu führen, dass die Entgeltlücke zwischen Männern und Frauen verringert wird. Viertens. Vereinbarkeit ist für uns als SPD-Fraktion etwas, was nicht bei der Kinderbetreuung endet. Viele Menschen kümmern sich zusätzlich um pflegebedürftige Angehörige. Deshalb ist es uns wichtig, Kurzzeit-, Tages- und Nachtpflege auszubauen und pflegende Angehörige stärker zu unterstützen. (Beifall von der SPD) Die Anhörung hat aus meiner Sicht noch einen weiteren wichtigen Punkt bestätigt. Vereinbarkeit ist auch eine Form von Fachkräftesicherung. Wenn Menschen wegen fehlender Betreuung ihre Arbeitszeit reduzieren müssen, verlieren Familien Einkommen und Unternehmen Fachkräfte. Deshalb ist Vereinbarkeit nicht Sozialromantik, sondern knallharte Wirtschaftspolitik, die es braucht. Wir brauchen deshalb eine verbindliche NRW-Agenda 2030 mit konkreten Zielen, Maßnahmen und einem klaren Zeitplan. Familien dürfen nicht länger ihre Arbeitszeit an den Schwächen unserer Infrastruktur ausrichten müssen. Mütter dürfen nicht länger beruflich zurückstecken müssen, weil Betreuung nicht funktioniert, und Väter müssen die Möglichkeit bekommen, Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen, ohne dass daraus ein beruflicher Nachteil entsteht. Unser Ziel ist deshalb klar: Familie und Beruf dürfen keine Gegensätze sein. Beides muss in Nordrhein-Westfalen möglich sein. Das ist soziale Gerechtigkeit. Das ist Gleichstellung. Das ist gute Wirtschaftspolitik – und vor allem ein Staat, der funktioniert. – Ich danke Ihnen. (Beifall von der SPD) 17.09.2026
