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Dilek Engin

SPD 16.07.2026 Sitzungen 18/128

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wenn wir heute über Mehrsprachigkeit an unseren Schulen sprechen, dann sprechen wir nicht über ein nebensächliches Integrationsprojekt. Es geht um Kinder, ihre Chancen und ihren Platz in unserer Gesellschaft. Stellen wir uns ein Kind vor, das morgens zu Hause mit seiner Großmutter Polnisch spricht, auf dem Schulweg mit seinen Freunden Deutsch und am Landtag Nachmittag im Englischunterricht Vokabeln lernt. Dieses Kind wächst nicht mit einem Defizit auf, sondern mit einem Schatz. Die entscheidende Frage lautet: Erkennen wir diesen Schatz endlich an oder reden wir ihn weiterhin klein? (Beifall von der SPD und Gönül Eğlence [GRÜNE]) Die Realität in Nordrhein-Westfalen ist eindeutig. Über 43 % der Schülerinnen und Schüler haben einen Migrationshintergrund. Mehrsprachigkeit ist in Nordrhein-Westfalen kein Sonderfall, sie ist der absolute Normalfall. Trotzdem erleben wir in der politischen Debatte seit Jahren eine absurde und ungerechte Zweiklassengesellschaft der Sprachen. Wenn ein Kind zweisprachig mit Englisch oder Französisch aufwächst, dann klatschen alle Beifall, und es gilt als elitär, international und absolute Zukunftskompetenz. (Beifall von Gönül Eğlence [GRÜNE]) Spricht dasselbe Kind fließend Polnisch, Türkisch, Spanisch, Arabisch oder Kurdisch, wird jedoch plötzlich gefragt, ob das nicht ein Integrationsproblem sei. Liebe Kolleginnen und Kollegen, warum eigentlich? Warum soll die eine Sprache Stolz und die andere Misstrauen auslösen? (Beifall von der SPD – Vereinzelt Beifall von den GRÜNEN) Ich sage Ihnen ganz klar: Keine Sprache ist mehr wert als eine andere. Jede Sprache öffnet Türen, verbindet Menschen, stärkt Identität und ist in einer globalisierten Wirtschaft ein Gewinn für unser Land. (Beifall von der SPD und von Katrin Lögering [GRÜNE] – Zuruf von Marcel Hafke [FDP]) Wer Sprachen gegeneinander ausspielt, betreibt keine Bildungspolitik, sondern Ideologie auf dem Rücken unserer Kinder. Die Wissenschaft ist hier längst weiter als manche politische Debatte. Sie zeigt seit Jahren eindeutig, dass Kinder, die ihre Erstsprache sicher beherrschen und darin lesen und schreiben lernen, auch die deutsche Sprache erfolgreicher erwerben. Herkunftssprachen sind kein Hindernis, sondern eine Brücke und ein Motor für gelingenden Spracherwerb. Wir begrüßen es ausdrücklich, dass die regierungstragenden Fraktionen unsere Vorschläge nun aufgreifen. Sie wissen: Wir haben bereits im Jahr 2024 einen entsprechenden Antrag vorgelegt. Ja, der vorliegende Antrag enthält noch viele Prüfaufträge. Wir hätten uns an der einen oder anderen Stelle auch mehr Verbindlichkeit gewünscht, aber er ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Ich will sehr ehrlich sagen: Ich bin sehr erschrocken über den Kurs der FDP. Liebe Kolleginnen und Kollegen der FDP, Sie konstruieren hier im Parlament und auf Social Media einen künstlichen Widerspruch, den es gar nicht gibt. 16.07.2026 (Marcel Hafke [FDP]: Na!) Niemand in diesem Haus stellt infrage, dass Deutsch unsere gemeinsame Bildungs- und Verkehrssprache ist. (Zuruf von Ralf Witzel [FDP]) Ihre Videos mit falschen Informationen auf Social Media helfen da auch nicht weiter. (Beifall von der CDU, der SPD und den GRÜNEN – Zuruf von Franziska Müller-Rech [FDP]) Wer aber daraus ableitet, dass jede Anerkennung von Mehrsprachigkeit ein Rabatt auf die deutsche Sprache sei, der verkennt die Realität in unseren Schulen. (Zuruf von Franziska Müller-Rech [FDP]) Es geht doch gar nicht darum, Deutsch zurückzudrängen. (Franziska Müller-Rech [FDP]: Prüfen Sie das doch!) Es geht darum, endlich präzise unterscheiden zu können: Hat ein Kind Schwierigkeiten in Mathematik, oder versteht es lediglich die Aufgabenstellung sprachlich noch nicht vollständig? (Franziska Müller-Rech [FDP]: Was ist denn dann die Folge? Was ist denn dann die Folge?) Der Kollege hat es vorhin gesagt: Wenn ein Kind aus der Ukraine kommt und mit der Sprache Probleme hat, heißt das noch lange nicht, dass er in Mathematik eine schlechte Note verdient, (Franziska Müller-Rech [FDP]: Was ist die Folge?) weil er die Aufgabenstellung nicht verstanden hat. (Beifall von der SPD, der CDU und den GRÜNEN) Diese Unterscheidung entscheidet darüber, ob ein Kind gezielt gefördert wird oder jahrelang unterschätzt bleibt. (Franziska Müller-Rech [FDP]: Nein, sie müs- sen Deutsch lernen!) Das ist moderne Bildungspolitik und auch die Freiheit, von der Sie immer gerne reden. Die empirischen Fakten des wissenschaftlichen Diskurses zur Sprachförderung zeigen es ebenfalls glasklar: Wir müssen uns endlich von der künstlichen Trennung einzelner Sprachen im Schulalltag verabschieden. Sprachen existieren im Kopf eines Kindes nicht in getrennten Schubladen. Sie bilden ein zusammenhängendes System. Wer die Herkunftsspra-Landtag che stärkt, stärkt damit zugleich das Fundament für den Erwerb der deutschen Sprache. Denken wir an das KOALA-Projekt oder an die koordinierten Alphabetisierungskonzepte, bei denen der Herkunftssprachliche Unterricht und der Deutschunterricht Hand in Hand arbeiten. Es geht nicht darum: entweder Deutsch oder Herkunftssprache. Es geht darum: Deutsch durch die Herkunftssprache. (Volkan Baran [SPD]: So nämlich!) Genau das muss künftig der Maßstab sein. Am Ende geht es um eine ganz einfache Frage: Was sehen wir zuerst – den vermeintlichen Mangel eines Kindes oder sein Potenzial?

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