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Dilek Engin

SPD 16.07.2026 Sitzungen 18/128

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Stellen Sie sich ein Kind vor, das jeden Morgen pünktlich im Klassenraum sitzt, leise ist und kaum auffällt. Doch niemand sieht, dass dieses Kind seit Tagen kaum geschlafen hat, dass es Angst vor der nächsten Nachricht auf seinem Handy hat, dass es mit einem Knoten im Bauch zur Schule kommt. Und dann erwarten wir, dass dieses Kind lernt. Wir sprechen in diesem Haus häufig über Bildung, über den Unterrichtsausfall, über den Lehrkräftemangel, über die schleppende Digitalisierung, über die schlechten Ergebnisse der Bildungsstudien, über fehlende Kompetenzen bei Schülerinnen und Schülern. Doch bei all diesen Debatten stellt die Landesregierung viel zu selten die entscheidende Frage: Wie soll ein Kind überhaupt lernen, wenn es morgens mit Sorgen zur Schule geht? (Beifall von der SPD) Wie soll sich ein Kind auf Mathematik konzentrieren, wenn es nachts wegen Cybermobbing kein Auge zugetan hat? Wie soll ein junger Mensch sein Potenzial entfalten, wenn er jeden Tag das Gefühl hat, nicht dazuzugehören? Wir müssen uns doch endlich die Frage stellen, wie es den Kindern und Jugendlichen, die jeden Tag in unseren Schulen lernen sollen, eigentlich geht. Denn Lernen gelingt nur dort, wo Kinder sich sicher fühlen, dazugehören und Unterstützung erfahren. Daran fehlt es noch viel zu oft. Genau deshalb müssen wir heute über die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen sprechen. Die Zahlen sind alarmierend. Das aktuelle Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung zeigt: Der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit seelischen Auffälligkeiten und Problemen ist auf 25 % gestiegen. Jede vierte Schülerin und jeder vierte Schüler weist Anzeichen einer erhöhten mentalen Belastung auf – jedes vierte Kind! Besonders betroffen sind Kinder aus einkommensschwachen Familien sowie Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Die Landesregierung kennt diese Zahlen seit Jahren. Deswegen muss Herr Laumann mir gerade auch nicht zuhören. Sie kennt jede Studie, sie kennt jede Warnung, sie kennt jede Anhörung. Aber sie reagiert immer auf dieselbe Weise: mit Modellprojekten, Prüfaufträgen und schönen Broschüren. Echte Hilfe kommt leider zu selten an. (Beifall von der SPD) Wer ohnehin mit schlechteren Startbedingungen ins Leben geht, trägt häufig auch die größere seelische Landtag Last. Mentale Gesundheit ist deshalb nicht nur eine gesundheitspolitische Frage. Sie ist eine Frage der Bildungsgerechtigkeit, der sozialen Teilhabe und der Chancengleichheit. (Beifall von der SPD) Die Coronapandemie hat viele dieser Entwicklungen verstärkt: Monate der Isolation, fehlende soziale Kontakte und der Wegfall vertrauter Strukturen haben bei vielen Kindern Spuren hinterlassen. Hinzu kommt der wachsende Leistungsdruck. Viele Schülerinnen und Schüler leben von Klassenarbeit zu Klassenarbeit – aus Angst, zu scheitern; aus Angst, den Erwartungen der Eltern oder dem Vergleich in den sozialen Medien nicht zu genügen. Wo Angst den Schulalltag bestimmt, bleibt Neugier auf der Strecke. Seelische Belastungen zeigen sich nicht nur in Diagnosen. Sie zeigen sich im stillen Rückzug, im schweigenden Kind in der letzten Reihe, in Bauchschmerzen vor Klassenarbeiten, im Schüler, der plötzlich keine Hausaufgaben mehr macht, in der Schülerin, die morgens weint, weil sie nicht mehr zur Schule möchte. Viel zu oft sehen wir diese Kinder erst dann, wenn sie längst Hilfe gebraucht hätten. (Beifall von der SPD) Fast jede und jeder dritte Jugendliche erlebt mindestens einmal im Monat Mobbing. Für viele endet das nicht mit dem Schulgong. Das Handy klingelt: die nächste Beleidigung, das nächste peinliche Foto. Mobbing – vor allem Cybermobbing – endet nicht mit der Schulklingel. Deshalb darf Ihre Verantwortung auch nicht nach Schulschluss enden. Wer dauerhaft ausgegrenzt oder schikaniert wird, entwickelt deutlich häufiger mentale Auffälligkeiten. Deshalb gehört Mobbingprävention zwingend zu jeder Strategie für mentale Gesundheit. Kinder müssen sich in der Schule, im Netz und in ihrem sozialen Umfeld sicher fühlen. Dazu gehört auch ein gutes Ganztagsangebot. Gute Ganztagsangebote stärken nicht nur Kinder, sondern auch Familien. Sie schaffen Verlässlichkeit, erleichtern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und eröffnen vielen Kindern Chancen und Erfahrungen, die sie außerhalb der Schule oftmals nicht hätten. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat beschrieben, wie entscheidend das kulturelle Kapital ist, das Kinder von zu Hause mitbekommen, welche Bücher sie kennen, welche kulturellen Erfahrungen sie machen, welche Zugänge ihnen eröffnet werden. All das prägt ihre Bildungschancen. Eine qualitativ hochwertige OGS kann deshalb einen entscheidenden Beitrag leisten. Sie kann Zugänge zu Kultur, Bewegung, individueller Förderung und Gemeinschaft eröffnen, gerade für die Kinder, denen diese Möglichkeiten nicht selbstverständlich offen-16.07.2026 stehen. Deshalb dürfen Qualität und Umfang von Ganztagsangeboten nicht vom Wohnort oder von der Finanzkraft einer Kommune abhängen. Wir dürfen auch diejenigen Kinder nicht aus dem Blick verlieren, deren Bedürfnisse im Schulalltag häufig übersehen werden: Kinder mit ADHS, Dyskalkulie oder Autismus-Spektrum-Störungen. Inklusion darf kein Nebenschauplatz sein. Sie ist Voraussetzung für echte Chancengleichheit. (Beifall von der SPD) Wer über mentale Gesundheit spricht, muss auch die Situation der Lehrkräfte in den Blick nehmen. Sie erleben die seelischen Belastungen ihrer Schülerinnen und Schüler täglich. Schule, Jugendhilfe, Schulpsychologie, Gesundheitswesen und Beratungsstellen leisten wertvolle Arbeit, doch ihre Angebote sind oft nicht ausreichend miteinander vernetzt. Wir brauchen eine landesweite ressortübergreifende Strategie für die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Mentale Gesundheit darf kein Randthema sein. Sie gehört ins Zentrum einer modernen Bildungspolitik. Sie ist eine ihrer wichtigsten Voraussetzungen. Denn wer mit Angst zur Schule geht, kann nicht unbeschwert lernen. Wer sich ausgeschlossen fühlt, kann sein Potenzial nicht entfalten. Wer keine Unterstützung erhält, hat nicht die gleichen Chancen wie andere. Die Probleme sind seit Jahren bekannt. Studien liegen auf dem Tisch. Fachleute benennen immer wieder dieselben Herausforderungen. Was fehlt, ist nicht das Wissen, sondern der politische Wille, daraus endlich eine konsequente Strategie zu machen und ressortübergreifend zu agieren. Deshalb fordern wir: Prävention stärken, Schulsozialarbeit und Schulpsychologie ausbauen, Mobbing wirksam bekämpfen, Qualität des offenen Ganztags verbessern. Jedes Kind verdient die Chance, gesund aufzuwachsen, seine Talente zu entfalten und seinen eigenen Weg zu gehen. (Beifall von der SPD) Nicht Herkunft, Einkommen oder seelische Belastungen dürfen über Zukunftschancen entscheiden, sondern die Fähigkeiten und Potenziale unserer Kinder. Es kommt eben auf äußere Faktoren und Strukturen an, wie die Resilienz gefördert wird und wie wir unsere Kinder auf die Krisen der Welt vorbereiten. Es wird Zeit, zu handeln. Deshalb bitte ich Sie herzlich um Ihre Unterstützung für unseren Antrag. – Vielen Dank. (Beifall von der SPD)

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