Fabian Schrumpf
Guten Morgen. – Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Seitdem ich mich für meine Fraktion intensiver mit Raumfahrt beschäftige, habe ich sehr schnell erlebt: Dieses Thema wird in Deutschland noch immer viel zu oft belächelt. Es dauert meist nicht lange, bis jemand 19.06.2026 fragt: Haben wir denn keine anderen Sorgen? Können wir das viele Geld nicht besser hier auf der Erde ausgeben? Doch diese Fragen beruhen auf einem fundamentalen Missverständnis. Denn Raumfahrt ist nicht das Gegenteil von Verantwortung für die Erde. Raumfahrt ist heute eine Voraussetzung dafür, Verantwortung auf der Erde besser wahrnehmen zu können. (Beifall von der CDU und den GRÜNEN) Denn wer Hochwasser früher erkennen will, braucht Satellitendaten. Wer im Krisenfall sichere Kommunikation braucht, darf sich nicht darauf verlassen, dass irgendjemand anders schon die Infrastruktur dafür im Erdorbit bereitstellen wird. Kurzum: Raumfahrt ist Sicherheit, Raumfahrt ist Katastrophenschutz, Raumfahrt ist Klimaschutz, Raumfahrt ist Wirtschaft, Raumfahrt ist Forschung. Manchmal ist Raumfahrt auch genau das, was eine Gesellschaft braucht, um wieder nach vorne zu schauen. John F. Kennedy fragte 1962 in seiner berühmten Rede an der Rice University – der sogenannten Moon Speech –: Warum der Mond? Warum dieses Ziel? Er fragte weiter: Warum den höchsten Berg besteigen? Warum den Atlantik überqueren? Genau darin liegt die Kraft der Raumfahrt. Sie ist ein kulturelles Versprechen, dass der Mensch nicht beim Bestehenden verharrt, dass Gesellschaften auch in schwierigsten Zeiten Großes wagen können, dass Forschung, Industrie, Wissenschaft und Mut sich auf ein gemeinsames Ziel ausrichten lassen, das größer und für viele Menschen vielleicht auch inspirierender ist als der manchmal graue politische Alltag. Artemis II hat uns dies im April dieses Jahres eindrucksvoll vor Augen geführt. Vier Menschen sind erstmals seit Apollo 17 wieder um den Mond geflogen und sicher zur Erde zurückgekehrt. Das war nicht nur ein amerikanischer, sondern auch ein europäischer Moment. Das Orion-Raumschiff flog nicht allein mit amerikanischer Technik, denn das in Bremen gebaute europäische Servicemodul der ESA versorgte die Crew mit Luft, Wasser, Strom, Temperaturregelung und Antrieb. Europa war bei Artemis II nicht Fußnote, Europa war die Lebensader. (Beifall von der CDU und den GRÜNEN) Genau daraus folgt unser Auftrag. Wenn Europa im All gebraucht wird, dann muss Deutschland mitführen. Und wenn Deutschland mitführt, dann muss Nordrhein-Westfalen ganz vorne dabei sein. Denn Raumfahrt ist heute ein Schlüssel für Souveränität und wirtschaftliche Stärke. Wer das ernsthaft bezweifeln will, muss nur auf SpaceX und Starlink schauen – völlig unabhängig von der Frage, wie man zur Person Elon Musk steht. Starlink allein umfasst inzwischen mehr als 10.000 Landtag Satelliten im Erdorbit. Das ist reale Macht über Verbindung, Datenströme, Infrastruktur und Geschwindigkeit. Und wenn die neue Schwerlastrakete Starship hält, was sie verspricht – nämlich vollständige Wiederverwendbarkeit, enorme Nutzlast, schnelle Startfolgen –, dann wäre das revolutionär und könnte Raumfahrt industriell skalierbar machen. Die enorme Börsenbewertung von SpaceX spricht für sich. Die Frage ist deshalb nicht ernsthaft, ob wir uns Raumfahrt leisten wollen, sondern: Können wir es uns leisten, in der Raumfahrt abgehängt zu werden? (Beifall von der CDU und den GRÜNEN) Unsere Antwort lautet ganz klar: Nein. Nordrhein-Westfalen hat dafür die richtigen Voraussetzungen. In Köln haben wir das DLR, das Europäische Astronautenzentrum der ESA, die LUNA-Anlage, den wachsenden SpaceHub Cologne und mit dem GOVSATCOM-Hub, dessen Spatenstich wir am Dienstag gefeiert haben, entsteht ein zentraler Baustein sicherer Satellitenkommunikation. Außerdem sitzt in Bonn die Deutsche Raumfahrtagentur im DLR. Sie sehen: Unser Land muss nicht selbst vor Ort Raketen starten, um Raumfahrtland zu sein. Nordrhein-Westfalen kann das Gehirn- und das Nervensystem europäischer Raumfahrt sein, und genau darum geht es uns mit diesem Antrag. Wir wollen das Chancenpapier der Landesregierung nicht bloß abheften, sondern zur strategischen Richtschnur machen. Wir wollen GOVSATCOM und IRIS² stärken. Wir wollen den Transfer aus der Forschung zu Unternehmen beschleunigen. Wir wollen Erdbeobachtung besser nutzbar machen, und wir wollen Raumfahrt, Quantentechnologie, IT-Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit zusammendenken. Vor allem aber wollen wir junge Menschen begeistern. Denn die Zukunft der Raumfahrt entscheidet sich auch in Klassenzimmern, Laboren, Werkhallen, Start-ups und Hochschulen. Als ich mit meinen Töchtern die Artemis-II-Mission verfolgt habe, konnte ich es selbst sehen: Begeisterung für Naturwissenschaften und Technik entsteht nicht durch Lehrbücher oder Broschüren, sie entsteht durch Staunen. Unsere Aufgabe ist es, aus diesem Staunen nun Wege zu machen, zum Beispiel mit den DLR_School_Labs, mit unseren Hochschulen, dem Raumfahrtbotschafter des Landes und mit starken Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, Nordrhein-Westfalen soll antreiben und zeigen: Dieses Land traut sich Großes zu. Raumfahrt beginnt vielleicht mit dem Blick nach oben, aber sie entscheidet sich hier unten in unseren Schulen, unseren Hochschulen, unseren Unternehmen, unseren Forschungszentren – und … 19.06.2026
