landtag.nrw.de ↗

Dennis Sonne

GRÜNE 18.06.2026 Sitzungen 18/125

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren der demokratischen Fraktionen. Wenn ein Mensch mit Behinderung sich auf den Weg in das Berufsleben macht, dann entscheidet immer noch zu selten sein Talent über seinen Lebensweg, sondern die Struktur, in die er hineingerät. Noch immer erleben Menschen mit Behinderung getrennte Bildungswege, eingeschränkte Berufsperspektiven und deutlich größere Hürden beim Einstieg in das Arbeitsleben als Menschen ohne Behinderung. Dabei geht es nicht um Einzelfälle, sondern um Hunderttausende Menschen mit Fähigkeiten, Talenten und Potenzialen. Genau deshalb sprechen wir heute Landtag nicht nur über Sozialpolitik. Wir sprechen über Gerechtigkeit, wirtschaftliche Vernunft und über die Zukunft unseres Landes. Denn während Unternehmen in Nordrhein-Westfalen händeringend nach Personal suchen, bleiben die Fähigkeiten vieler Menschen mit Behinderung noch immer ungenutzt. Genau das können wir uns nicht länger leisten. (Beifall von den GRÜNEN, der CDU und der SPD) In etwa die Hälfte aller arbeitslosen Menschen mit Behinderung verfügt bereits über eine abgeschlossene Berufsausbildung bzw. über einen akademischen Abschluss. Die entscheidende Frage lautet also: Wie schaffen wir es, dass diese Menschen ihre Fähigkeiten dort einsetzen können, wo sie gebraucht werden? Ein wichtiger Teil der Antwort sind Inklusionsbetriebe. Inklusionsbetriebe zeigen seit Jahren, dass wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliche Verantwortung überhaupt kein Widerspruch sind. Sie schaffen Arbeitsplätze, ermöglichen Entwicklungsperspektiven und beweisen jeden Tag, dass Inklusion funktioniert. Auch immer mehr Unternehmen gehen neue Wege. Sie schaffen inklusive Teams, bauen Inklusionsabteilungen auf und erkennen, dass Vielfalt kein Risiko, sondern ein Gewinn und ein echter Wettbewerbsvorteil ist; denn unterschiedliche Perspektiven machen Unternehmen innovativer, widerstandsfähiger und auch erfolgreicher. Ein gutes Beispiel für diesen Gedanken ist das sogenannte RouterPrinzip des Unternehmens Projekt-Router in Köln. Dort wird nicht gefragt, in welches System ein Mensch passt, sondern welcher Weg für den einzelnen Menschen der richtige ist. Der Mensch und nicht die Struktur steht im Mittelpunkt. Genau dieses Denken brauchen wir überall in Nordrhein-Westfalen. Immer mehr wird erkannt, dass Menschen mit Behinderung in die Mitte unserer Gesellschaft und nicht an den Rand, in Sonderwelten oder exklusive Strukturen gehören. Davon hat niemand etwas, weder der einzelne Mensch noch die Unternehmen, unsere Wirtschaft oder unsere Gesellschaft. Ich möchte an dieser Stelle auch etwas Persönliches sagen. Nach meinem Unfall im Jahr 2004 wurde mir selbst geraten, in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen Arbeit zu suchen. Dort sei alles barrierefrei und auf meine Bedürfnisse ausgerichtet. Dort sei mein Platz. Zum Glück habe ich mich damals anders entschieden. Ich habe zwei Ausbildungen abgeschlossen, zwei Musikalben veröffentlicht und darf heute sogar mit Ihnen gemeinsam hier als Abgeordneter arbeiten. Was aus meinem Leben geworden wäre, wenn ich damals den Weg in die Werkstatt gewählt hätte, weiß 18.06.2026 ich nicht. Aber vermutlich wäre meine berufliche Laufbahn komplett anders verlaufen. Doch es geht hier nicht um mich, sondern um die Menschen da draußen. Es geht um die Frage, wie viele Talente wir jeden Tag verlieren, weil wir Menschen mit Behinderung noch immer zu oft danach beurteilen, in welches System sie passen, statt sie danach zu fragen, welches Potenzial in ihnen steckt. (Beifall von den GRÜNEN, der CDU und der SPD) Wie viele Fachkräfte, Künstlerinnen, Unternehmerinnen oder Handwerkerinnen erreichen wir nie, weil wir ihre Möglichkeiten einfach unterschätzen? Das können wir uns nicht mehr leisten – wie schon gesagt: weder gesellschaftlich noch wirtschaftlich. Besonders freut mich heute, dass dieser Antrag fraktionsübergreifend von den demokratischen Fraktionen eingebracht wurde. Denn bei allen politischen Unterschieden eint uns die Überzeugung, dass Menschen mit Behinderungen die gleichen Chancen auf Teilhabe am Arbeitsleben verdienen wie alle anderen Menschen. Wir haben erkannt, dass Inklusion kein Randthema, sondern eine Zukunftsfrage ist. Sie ist eine Zukunftsfrage für unseren Arbeitsmarkt, für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt und für die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes. Wenn wir Nordrhein-Westfalen stark halten wollen, dann dürfen wir kein Talent zurücklassen. Die Potenziale von Menschen mit Behinderung sind Teil der Lösung. Lassen Sie uns deshalb gemeinsam daran arbeiten, Barrieren abzubauen, Chancen zu schaffen und eine inklusive Arbeitswelt zur Selbstverständlichkeit zu machen. Was die Reform des Werkstattsystems betrifft, möchte ich an dieser Stelle Jürgen Linnemann für seine Stärke danken. Er arbeitet seit Jahrzehnten in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Heute klagt er auf Mindestlohn. Das ist ein wichtiger Schritt, weil er eine Debatte anstößt, die wir als Politik viel zu lange vor uns hergeschoben haben. Denn die Frage, die Jürgen Linnemann stellt, betrifft nicht nur ihn persönlich. Sie betrifft die grundsätzliche Frage, welchen Wert wir der Arbeit von Menschen mit Behinderung beimessen. Wer arbeitet, Verantwortung übernimmt und einen Beitrag leistet, verdient Anerkennung. Und Anerkennung zeigt sich nicht nur in Worten, sondern auch in Rechten und fairen Bedingungen. Deshalb sollten wir den Mut haben, bestehende und veraltete Strukturen kritisch zu hinterfragen und dort zu reformieren, wo sie Menschen Chancen verwehren, statt Chancen zu öffnen. Landtag In diesem Sinne stimmen wir als Fraktion dem Antrag gerne zu und freuen uns, wenn auch Sie ihm zustimmen. – Danke schön. (Beifall von den GRÜNEN, der CDU und Kirs- ten Stich [SPD])

Alle Reden von Dennis Sonne Protokoll ↗