Christin-Marie Stamm
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Wenn wir über E-Mobilität sprechen, dann sprechen wir häufig über technische Begriffe wie „Ladeinfrastruktur“, „Netzkapazitäten“ oder „Kaufprämien“. Schaut man auf die aktuellen Zahlen, gibt es zunächst durchaus Grund zur Zuversicht. Zum Stichtag 1. Mai 2026 gab es bundesweit 203.951 öffentlich zugängliche Ladepunkte. Das sind 17 % mehr als im Vorjahr. NRW liegt mit 40.322 gemeldeten Ladepunkten an der Spitze, noch vor Bayern und Baden-Württemberg. Doch diese Zahlen dürfen uns nicht blenden. Sie erzählen nicht die ganze Geschichte. Denn das Netz an Ladepunkten ist in unserem Bundesland noch immer ungleich verteilt. Deshalb frage ich Sie: Wo bleibt eigentlich der ländliche Raum? Zur Wahrheit gehört: Ob die Mobilitätswende gelingt, entscheidet sich nicht nur in unseren Großstädten, sondern auch in den Dörfern und Kleinstädten unseres Landes. Die WDR-Datenrecherche aus dem Mai 2026 zeigt schwarz auf weiß, dass E-Auto-Fahrer in zahlreichen Regionen Nordrhein-Westfalens im Nachteil sind. Es fehlen Schnellladepunkte, und allzu häufig ist das Laden nur über teure Abonnements möglich. Gerade dort, wo die Wege zur Kita, zur Arbeit, zum Wocheneinkauf oder zum Ehrenamt lang sind, brauchen die Menschen Verlässlichkeit. Wer so wie ich auf dem Land lebt, ist auf das Auto angewiesen. Deshalb darf die Mobilitätswende nicht an den Bedürfnissen der Menschen außerhalb unserer Großstädte vorbeigehen. (Beifall von Angela Freimuth [FDP]) Wenn die Menschen ihr E-Auto nicht unkompliziert auf dem Mitarbeiterparkplatz, am Supermarkt oder am Sportplatz laden können, dann verlieren wir ihre Akzeptanz für diese Technologie. Das möchte ich als Abgeordnete aus dem Sauerland hier in aller Deutlichkeit sagen. Auf dem Land liegen die Ziele der E-Mobilität noch nicht in Reichweite. Hier muss deutlich mehr passieren. Dafür müssen vor allem die lokalen Verteilnetze massiv ausgebaut werden. Damit komme ich zu einer weiteren zentralen Herausforderung, dem Umparken im Kopf. E-Mobilität bedeutet den Abschied von Gewohnheiten des vergangenen Jahrhunderts: tanken, weiterfahren, tanken, weiterfahren. Ein E-Auto lädt man dann, wenn es ohnehin steht: beim Einkaufen, beim Arbeitgeber oder über Nacht zu Hause. Die Technik ist längst weiter als unsere Gewohnheiten. Aber Vertrauen in neue Technologien entsteht nicht durch politische Appelle, sondern durch gute Erfahrungen. Dafür müssen wir die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. Unsere Aufgabe ist deshalb, bestehende Bedenken auszuräumen und den Umstieg zu erleichtern. Landtag Ich komme zum Schluss. Der vorliegende Antrag enthält einige gute Ideen. Die Unterstützung der Kommunen, die Förderung des bidirektionalen Ladens und die bessere Nutzung landeseigener Flächen gehen in die richtige Richtung. Auch die Unterstützung von Menschen ohne eigenen Stellplatz, etwa in Mietwohnungen, ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer alltagstauglichen Ladeinfrastruktur. Aber der Antrag bleibt hinter dem zurück, was der ländliche Raum braucht. Die besonderen Herausforderungen werden zwar benannt, aber nicht mit der notwendigen Konsequenz beantwortet. Uns fehlt ein deutlich stärkeres Bekenntnis zu einer flächendeckenden und verlässlichen Ladeinfrastruktur – gerade dort, wo Menschen besonders auf das Auto angewiesen sind. Gleichwertige Lebensverhältnisse bedeuten auch: Die Mobilitätswende darf nicht an der Stadtgrenze enden. Deshalb können wir dem Antrag heute nicht zustimmen. Weil er richtige Impulse setzt, werden wir ihn aber auch nicht ablehnen. Wir werden uns einfach enthalten. – Vielen Dank. (Beifall von der SPD)
