Susanne Schneider
Vielen Dank. – Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! Mein Sandkastenfreund, er heißt Karl, hat, als er sechs Jahre alt war, die Frage, was er denn mal werden möchte, wenn er groß ist, mit dem Satz beantwortet: Ich will Archäologe werden. – Ich war total beeindruckt. Ich wusste mit sechs Jahren ehrlich gesagt gar nicht, was ein Archäologe ist. Noch beeindruckender war aber, dass Karl tatsächlich Archäologe wurde. Er leitet heute ein Museum und hat kürzlich einen Bestseller veröffentlicht. Ich freue mich sehr, dass er alles erfüllen konnte, was er für sich geplant hatte. Das ist aber eben nicht bei allen Kindern und Jugendlichen so. Auf eine solche Frage kommt oft die Antwort: Ich muss noch überlegen, was ich machen will. Ich habe so gar keinen Plan. Ich bin für vieles offen. – Es ist schwierig mit der Orientierung. Trotz unheimlich vieler Möglichkeiten und Informationsangebote ist es nicht einfacher geworden. Junge Menschen können aus Hunderten von Ausbildungsberufen, aus Tausenden von Studiengängen wählen. Da kann man schon mal den Überblick verlieren, und das führt dann zu Überforderung und schließlich zu Entscheidungsangst. Was machen viele junge Menschen dann? Sie machen das, was die Freunde machen, was die Eltern empfehlen, was gerade in ist, was durch irgendwelche Medien geistert. Das ist aber definitiv nicht die richtige Entscheidung, denn sie sollten ja genau das tun, was zu ihren Fähigkeiten, zu ihren Talenten passt und woran sie Spaß haben. Daher müssen wir 17.06.2026 die Berufsorientierung in unserem Land dringend modernisieren. (Beifall von der FDP) Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist in Nordrhein-Westfalen auf einem Tiefstand. Erstmals seit Beginn der Erhebung zur Berufsbildungsstatistik in den 70er-Jahren sind es unter 100.000. Die Abbruchquote bei Ausbildungen ist auf einem Höchststand. 35.000 Schülerinnen und Schüler haben im letzten Jahr nach ihrem Abschluss keinen Anschluss ins Arbeitsleben gefunden. Ausbildungsangebote und die Nachfrage bei den Jugendlichen passen einfach nicht mehr richtig zusammen. So kann es in unserem Land definitiv nicht weitergehen, das müssen wir ändern. Bisher genutzte Maßnahmen kommen offenbar an ihre Grenzen. 2012 begann Nordrhein-Westfalen auf die Initiative „Kein Abschluss ohne Anschluss – Übergang Schule-Beruf in NRW“ zu setzen. Das Programm wird jedoch in der bisherigen Form den aktuellen Herausforderungen des Arbeitsmarktes nicht mehr gerecht. Zu viele junge Menschen verbleiben in einem Übergangssystem, mittels dessen es häufig nicht gelingt, sie dauerhaft in Ausbildung oder Beschäftigung zu bringen. Da fehlt häufig auch jeglicher Praxisbezug. Wir schlagen Ihnen daher ein neues Konzept für eine moderne und ganzheitliche Berufsorientierung vor. In regionalen Kompetenzzentren sollen alle relevanten Akteure vor Ort wie Kammern, Verbände, Unternehmen, Jobcenter, Bildungsträger, regionale Experten und private Initiativen eingebunden und ihre Aktivitäten gebündelt werden. Dazu müssen wir restriktive Vorgaben zur Einbindung privater Angebote überwinden und Handlungsspielräume erweitern. Die reine Analyse von Potenzialen soll der Vergangenheit angehören, vielmehr soll die Entwicklung eines persönlichen Lebenskonzepts der praktischen Berufsorientierung vorangestellt werden und diese vorbereiten. Ein freiwilliges Universitätspraktikum soll neben den Betriebspraktika die Entscheidung erleichtern, ob Studium oder Berufsausbildung der passende Weg sein könnte. Hilfen bei der Berufsorientierung müssen aber auch digitaler werden. Eine landesweite App kann Informationsangebote bündeln. Sie kann insbesondere auch den Rollenwechsel von Schule zu Ausbildung bzw. Universität unter Einsatz von Künstlicher Intelligenz begleiten. Hilfsangebote werden so einfacher erklärt und zugänglicher gemacht. Eine integrierte Matchingplattform kann bei der Ausbildungsplatzsuche zwischen Schülerinnen und Schülern und Ausbildungsbetrieben vermitteln. Bewerbungen können mit einer digitalen Assistenz unterstützt werden; grobe Fehler in Bewerbungsunterlagen können so vermieden werden. Landtag Werte Kolleginnen und Kollegen, machen wir also die Berufsorientierung in unserem Land zukunftsfest. Das hilft den jungen Menschen dabei, einen beruflichen Werdegang einzuschlagen, der zu ihnen passt, und eröffnet damit Aufstiegschancen und einen selbstbestimmten Lebensweg. Das bekämpft auch den Fachkräftemangel und damit eines der größten Wachstumshemmnisse, mit dem wir derzeit zu kämpfen haben. Ich freue mich, mit Ihnen darüber im Ausschuss zu diskutieren und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall von der FDP)
