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Dilek Engin

SPD 07.05.2026 Sitzungen 18/122

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Kollegin Frau Teschlade hat es gerade angesprochen, und ich sage es noch einmal deutlich: Die Zusammenarbeit zweier Ministerien könnte eine Chance sein, in Nordrhein-Westfalen ist sie allerdings zum Problem geworden. (Zuruf: Ach!) Beim Übergang von der Schule in den Beruf erleben wir kein Zusammenspiel, sondern ein Zuständigkeitschaos: Bildung hier, Arbeit dort und dazwischen junge Menschen, die den Anschluss verlieren. Statt Klarheit gibt es Reibung, statt Verantwortung gibt es Verschiebebahnhöfe, statt Unterstützung gibt es Lücken – (Beifall von Volkan Baran [SPD]) und das bei einem Thema, das über Lebenswege und über die Zukunft unserer Wirtschaft entscheidet. Herr Laumann, wir als SPD-Fraktion können Ihnen nicht zustimmen. Ihre Maßnahmen, die Sie gerade aufgezählt haben, sind nicht ausreichend, und das hat nun mal fatale Folgen. Aber in einem Punkt gebe ich Ihnen recht: Die Tatsache, dass 33.000 junge Menschen in Nordrhein-Westfalen die Schule ohne gesicherte Perspektive verlassen, ist nicht schön. Im Jahr davor waren es 35.000. Wir reden von jungen Menschen. Meine Vorrednerinnen und Vorredner haben in ihren Reden betont, dass das junge Menschen mit Träumen, mit Talenten, mit dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben sind. Das stimmt. Ich möchte aber vor allem die grüne Fraktion, die das gerade auch betont hat, daran erinnern: Sie sind für die Situation mitverantwortlich; Sie kommen Ihrer Verantwortung nicht nach. (Beifall von der SPD) Unternehmen im Handwerk, in der Pflege, in der Industrie, im Handel suchen verzweifelt Nachwuchs. Junge Menschen suchen eine Chance, Betriebe suchen Auszubildende, und dieses System schafft es nicht, beide zusammenzubringen. Das ist der Skandal: Bedarf und Chancen stehen sich direkt gegenüber und laufen trotzdem aneinander vorbei. Das ist nicht nur politisches Versagen, sondern bildungspolitisch falsch, wirtschaftspolitisch fahrlässig und sozialpolitisch unverantwortlich. (Beifall von der SPD) Die Ursache liegt tiefer. Unser Schulsystem bereitet viele junge Menschen nicht auf das echte Leben vor. Zu oft ist Unterricht lebensfern, zu oft sind Lehrpläne veraltet, zu oft geht es um das Abprüfen von Wissen statt um Orientierung, Perspektiven und Selbstständigkeit, und zu oft fehlt genau das, was junge Menschen brauchen, nämlich eine echte Vorbereitung auf die Zukunft. Landtag Wie sollen Menschen ihren Weg finden, wenn Schule ihnen den Weg kaum zeigt? Drei Tage Berufsfelderkundung sind ein Anfang, aber keine echte Orientierung. Ein paar Projekte hier, ein paar Projekte dort ersetzen kein systematisches, praxisnahes Lernen. Dann wundern Sie sich, dass Tausende Jugendliche am Ende ohne Perspektive dastehen. Statt die Ursache und Wirkung anzugehen, verweisen Sie auf Prozesse, auf Daten, auf Verantwortungsketten. Ich frage Sie: Wer übernimmt Verantwortung, wenn junge Menschen durchs Raster fallen? Wer überprüft, ob Ihre Maßnahmen, die Sie, Herr Laumann, gerade aufgezählt haben, überhaupt wirken? (Karl-Josef Laumann, Minister für Arbeit, Ge- sundheit und Soziales: Machen wir!) Was leiten Sie aus diesen Überprüfungen konkret ab? Die Rückmeldungen aus der Praxis sind eindeutig: Es fehlt an Zeit für berufliche Orientierung; es fehlt an Personal, um die jungen Menschen zu unterstützen; es fehlt an verlässlicher Begleitung, um die Jugendlichen beim Übergang in den Beruf nicht allein zu lassen. Unsere Lehrkräfte arbeiten am Limit. Individuelle Förderung und Begleitung bleiben auf der Strecke. Gute Ansätze scheitern zu oft daran, dass sie befristet, unterfinanziert oder personell nicht abgesichert sind. (Beifall von der SPD) Der Kollege von der CDU hat gerade von Geldtöpfen gesprochen, die weder gut noch schlecht seien. Es wäre schön, wenn wir über Geldtöpfe sprechen würden, die Dauerfinanzierungen ermöglichen, liebe Kolleginnen und Kollegen. (Beifall von der SPD – Zuruf von Kirsten Stich [SPD]) Gerade die Jugendlichen, die mehr Unterstützung benötigen, bekommen davon oft zu wenig. Stattdessen setzt die Landesregierung auf immer neue Programme, Modellprojekte und Förderlogiken. Ich sage Ihnen eins: Junge Menschen brauchen ein Schulsystem, das funktioniert, das Orientierung bietet, das Talente erkennt, das Perspektiven eröffnet. Das heißt: Lehrpläne müssen endlich modernisiert werden. Berufliche Orientierung muss ein verbindlicher Bestandteil des Unterrichts sein – nicht als Randthema, sondern als Kernaufgabe. Schule muss sich stärker am echten Leben, an den Anforderungen der Arbeitswelt und an den Fragen, die junge Menschen wirklich beschäftigen, orientieren. (Zuruf von Mehrdad Mostofizadeh [GRÜNE]) Es reicht nicht, am Ende des Systems nachzusteuern. Wir müssen am Anfang ansetzen, in der Schule und noch besser davor. (Tim Achtermeyer [GRÜNE]: Was heißt das jetzt konkret? Schon in der Kita?) 07.05.2026 Denn wenn dort die Grundlagen fehlen, dann verlieren wir weiter jedes Jahr Tausende junge Menschen. (Beifall von der SPD) Das ist nicht nur individuell tragisch, das ist auch gesellschaftlich und wirtschaftlich fatal. Deshalb sagen wir als SPD-Fraktion ganz klar: Wir brauchen moderne Lehrpläne. Wir brauchen berufliche Orientierung. Wir brauchen mehr Zeit für individuelle Förderung. Wir brauchen dauerhaft finanzierte Strukturen bei den Unterstützungsangeboten zur beruflichen Orientierung. Vor allem brauchen wir mehr multiprofessionelle Teams, mehr Schulsozialarbeit und mehr Unterstützung im Schulalltag, damit die Unterstützung bei der Ausbildungsplatzsuche und die stärkere Kooperation mit den Betrieben auch gelingen kann. Und wir brauchen ein System, das junge Menschen nicht erst am Übergang auffängt, sondern sie von Anfang an begleitet. (Beifall von der SPD) Im Koalitionsvertrag der schwarz-grünen Landesregierung steht: Kinder und Jugendliche stehen im Fokus. – Sie sagen, sie wollen niemanden zurücklassen. Aber Zehntausende junge Menschen erleben genau das: Unsicherheit, Warteschleifen und das Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Das gefährdet Vertrauen, Zusammenhalt und Zukunftschancen. Deshalb geht es heute in dieser Aktuellen Stunde um mehr als Zahlen, es geht um Teilhabe, soziale Gerechtigkeit und die Zukunft Nordrhein-Westfalens. Dieses Problem ist lösbar, aber dafür braucht es starken politischen Willen, verbindliche Strukturen und Investitionen. Investitionen in junge Menschen sind keine Kosten, sie sind die beste Zukunftsversicherung, die wir haben. (Beifall von der SPD) Deshalb frage ich Sie: Wo ist Ihr Plan für die fast 33.000 jungen Menschen? Wo ist Ihre Offensive für echte Anschlusschancen? Nordrhein-Westfalen kann mehr, unsere jungen Menschen verdienen mehr. Erlauben Sie mir an dieser Stelle einen kleinen, wirklich gut gemeinten Hinweis: Sie müssen das Rad gar nicht neu erfinden, Sie haben die Lösungen längst vor sich liegen. Die Enquetekommission „Chancengleichheit in der Bildung“ hat, auch mit den regierungstragenden Fraktionen, genau daran gearbeitet: konkrete, tragfähige Vorschläge sowie klare Handlungsempfehlungen, damit junge Menschen den Übergang von der Schule in den Beruf schaffen, echte Perspektiven bekommen und somit die Zukunft unseres Landes gesichert wird. Man könnte fast sagen: Die Hausaufgaben sind gemacht, Sie müssen jetzt nur abschreiben oder – Landtag besser noch – umsetzen. Kommen Sie Ihrer Verantwortung endlich nach. – Vielen Dank. (Beifall von der SPD)

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