Dr. Martin Vincentz
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Im letzten Jahr haben rund 33.000 junge Menschen nach ihrem Schulabschluss keinen Ausbildungsplatz gefunden. Im Jahr davor waren es sogar 35.000. Das ist natürlich etwas, was uns hier beschäftigen muss. Daher ist es gut, dass wir in einer Aktuellen Stunde darüber reden. Ich habe drei wesentliche Punkte identifiziert, warum das so ist. Über nur einen davon wurde heute gesprochen. Das ist ein wichtiger Punkt. Aber es ist eben nur einer. Ich erkläre Ihnen aber auch, warum Sie sich darüber lieber unterhalten als über die anderen Punkte. Der Punkt „Vermittlung“, der hier in den anderen Reden jeweils Thema war, ist wichtig. Nicht umsonst haben wir dazu auch in dieser Legislatur zwei Anträge gestellt, um berufliche Bildung wieder mehr in die mittleren Bildungsabschlüsse einzuführen, um den Kontakt zwischen Unternehmen und Schülern herzustellen. Denn seien wir einmal ehrlich: Ein müder Kurs in der Schule hat wahrscheinlich niemanden von Ihnen dafür begeistert, einen Ausbildungsberuf zu ergreifen, sondern es war der Kontakt mit einem Beruf, vielleicht über Verwandte. Das Problem ist nur: Ihre Eltern, meine Eltern sind aus einer Welt, in der es viele der Ausbildungsberufe, die es heute gibt, noch gar nicht gab. Wie wollen sie den jungen Menschen Tipps geben? Wie wollen sie ihnen sagen, was sie zukünftig machen sollen, wenn sie in einer Welt groß geworden sind, in der viele der Berufe, die es heute gibt, noch gar nicht existent waren? Daher ist es richtig, dass man den Kontakt zu den IHKs sucht. Es ist richtig, dass berufliche Bildung wieder Einzug in die Schulen hält. 07.05.2026 Aber dazu braucht es keine staatliche Subvention. Doch es ist vollkommen klar, dass sowohl Grüne als auch SPD das wieder fordern. Mit schrumpfenden Umfragezahlen würden sonst viele von Ihnen wahrscheinlich in die Langzeitarbeitslosigkeit fallen. Es ist also gut, dass wir Planstellen schaffen. Zumindest an dieser Stelle schaffen Sie es ja, gegen Arbeitslosigkeit vernünftig vorzugehen. (Beifall von der AfD) Die Versorgung Ihrer Klientel ist allerdings nur eine der drei Säulen, die zu diskutieren sind. Der zweite Punkt und ein ganz wesentlicher ist der Mangel an Ausbildungsplätzen. Wenn in diesem Jahr nur noch 25.000 Ausbildungsplätze in Nordrhein-Westfalen zur Verfügung stehen, es aber 33.000 Personen gibt, die suchen, dann gäbe es selbst bei einem perfekten Matching, also selbst dann, wenn Sie jeden Jugendlichen in einen Ausbildungsplatz bringen würden, 8.000 Ausbildungsplätze zu wenig. Ausgerechnet die Parteien, die in der Vergangenheit dafür gesorgt haben, dass das industrielle Herz Nordrhein-Westfalens schrumpft, dass Jungen keinen Platz mehr als Mechatroniker finden, dass keine Chemikanten mehr angestellt werden können, dass der Industrieschlosser nicht mehr gesucht wird, weil man die Industrie hier mit den Standortfaktoren „Energiekosten“ und „Infrastruktur“, die Sie zu verursachen haben, immer weiter schrumpft, beschweren sich nun darüber, dass es am Ende junge Menschen gibt, die keinen Ausbildungsplatz finden. (Beifall von der AfD) Selbst bei 25.000 Ausbildungsplätzen – ich habe es gerade schon angesprochen – sind persönliche Präferenzen nach wie vor wichtig. Als beispielsweise mein Opa aus Schlesien geflohen ist, ist er nicht Konditor geworden, weil das sein Traumberuf war, sondern weil das eine gute Quelle war, um regelmäßig etwas zu essen zu bekommen. Zum Glück haben wir diese Bedingungen heute nicht mehr. Zum Glück gibt es heute ein Sozialsystem. Aber viele junge Menschen stehen heute vor der Frage: Werde ich beispielsweise Konditor, werde ich Bäcker? Schließe ich mich dem 4-a.m.-Club an? Stehe ich dann auf, wenn viele meiner Alterskollegen vielleicht gerade ins Bett gehen? Das ist für viele nicht unbedingt attraktiv. Wenn der Unterschied zwischen einer Ausbildungsstelle und unserem üppigen Sozialstaat aber immer geringer wird, wenn der Unterschied zwischen morgens früh aufstehen und einfach liegen bleiben immer kleiner wird, dann ist es schlichtweg nicht mehr attraktiv. Sie können die jungen Menschen doch nicht dazu nötigen, Berufe zu ergreifen, die sie überhaupt nicht wollen, wenn Sie nicht die Rahmenbedingungen schaffen, damit das wieder attraktiv wird. Sie sind Landtag dafür verantwortlich, dass morgens früh aufzustehen und zur Arbeit zu gehen, sich das anzutun, um 4 Uhr morgens dort zu stehen, sich vielleicht am Ofen zu verbrennen, morgens früh zu arbeiten, wenn andere noch schlafen, diejenigen abzufertigen, die im Jogginganzug zum Bäcker kommen und sich ihre Sonntagsbrötchen holen, und sich erst dann schlafen zu legen, wieder attraktiv wird. Solange es unter Ihren Rahmenbedingungen nicht gegeben ist, müssen Sie sich nicht darüber wundern, dass sich junge Menschen das nicht antun. (Beifall von der AfD) Der letzte Punkt. Auch das ist ganz wesentlich, und das hören Sie in Anhörungen immer wieder. Wir führen in diesem Haus regelmäßig Anhörungen durch, und wenn das zu etwas Nutze ist, dann, dass wir uns regelmäßig mit Leuten aus der Praxis zusammentun, und nicht, damit Sie Redebeiträge abliefern; es geht darum, dass Sie auch etwas aus der Praxis hören. Dabei begegnen Ihnen doch immer wieder Unternehmen, die Ihnen sagen, dass viele junge Menschen, die von der Hauptschule, von der Realschule kommen, für die Betriebe nicht mehr geeignet sind. Es fehlt an rudimentärer Bildung, beispielsweise allein an der Pünktlichkeit. Das regelmäßige Aufstehen und Erscheinen am Arbeitsplatz ist ein Problem. Das Sprechen der Landessprache ist ein Problem. Das alleinige, selbstständige Erledigen von einfachen Aufgaben ist ein Problem. Unternehmen, Betriebe und IHKs schlagen Ihnen vor, zunächst eine schulische Ausbildung zu schaffen, die für die berufliche Ausbildung qualifiziert. Es sollte Aufgabe der mittleren Schulabschlüsse sein, das zu tun. Genauso wie das Abitur dazu qualifizieren sollte, zu studieren, was es heute in Ihrem Bildungssystem auch nicht mehr tut. In Ihrem Bildungssystem, nach der rot-grünen Bildungskatastrophe gerade in Nordrhein-Westfalen, bereiten die mittleren Bildungsabschlüsse eben nicht mehr darauf vor, eine Ausbildung zu ergreifen. Das ist doch der Kern des Problems. Wenn wir das angehen wollen, dann müssen wir die Schule wieder stärken. Dann müssen wir junge Menschen in der Schule wieder dazu bringen, dass sie ausbildungsbefähigt sind. Dann erst kann ein Matching funktionieren. Dabei helfen keine weiteren Planstellen, kein weiteres Steuergeld, keine weiteren Klientelen, die Sie wie hier morgens früh mit mehr Geld des Steuerzahlers versorgen wollen. Dabei hilft eine vernünftige Ausbildung, ein vernünftiges Schulsystem, das die jungen Menschen, die Hoffnung in Sie setzen, endlich wieder in die Lage versetzt, tatsächlich eine Ausbildung zu beginnen. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD – Mehrdad Mostofizadeh [GRÜNE]: Eine Phrase nach der anderen!) 07.05.2026
