Lisa-Kristin Kapteinat
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Geburtstagsglückwünsche, die hier völlig zu Recht entgegengenommen werden, erinnern mich daran, dass man – gerade mit steigendem Alter –, wenn jemand Geburtstag hat, ganz oft sagt: Naja, Hauptsache, man ist gesund. Das ist eigentlich das, was ich mir am meisten wünsche. Unser Gesundheitssystem hier in Deutschland ist hochkomplex. Das weiß jeder, der auf medizinische Versorgung angewiesen ist, sei er akut krank oder chronisch erkrankt, an der Vorsorge teilnimmt oder einen Angehörigen pflegt. Jede Person, die mit dem Netz aus Arztpraxen, Krankenkassen, Pflegekassen, Krankenhäusern, medizinischen Versorgungszentren usw. in Kontakt kommt, merkt ziemlich schnell: Da tatsächlich durchzublicken, ist eine Riesenherausforderung. Sehr viele Menschen in Nordrhein-Westfalen und in ganz Deutschland verlassen sich deshalb häufig auf eine Person, die Hausärztin oder 19.03.2026 den Hausarzt. Denn ohne gute Hausarztpraxis ist in unserem Gesundheitssystem leider viel zu oft alles nichts. Genau deshalb ist es fatal, dass die Hausarztversorgung in Nordrhein-Westfalen und insbesondere in Westfalen-Lippe bundesweites Schlusslicht ist. Unter den 17 Regionen Kassenärztlicher Vereinigungen liegt Westfalen-Lippe auf dem allerletzten Platz. Laut Kassenärztlicher Vereinigung Westfalen-Lippe fehlen nur in dieser Region 200 Hausärztinnen und Hausärzte. Das ist keine gute Nachricht, keine gute Nachricht für die Menschen, die in den Teilen von Westfalen-Lippe leben, die offensichtlich unterversorgt sind. Terminstau oder lange Wartezeiten sind Situationen, die wir schon kennen – unabhängig davon, wo wir wohnen, selbst dann, wenn wir in einer Region mit einem besseren Versorgungsgrad leben. Die Tatsache, dass die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe sagt: Naja, unsere einzelnen Praxen sind halt leistungsfähiger und wir hatten immer schon ähnliche Situationen, ist nichts, was uns als Politik beruhigen darf – insbesondere nicht im Hinblick darauf, was noch kommen wird. (Beifall von der SPD) Denn eins ist klar: Der Bedarf wird nicht geringer, im Gegenteil. Zusätzlich zu den neuen Zahlen aus dem Bundesarztregister hat zuletzt auch die Studie der Barmer zusammen mit der Bertelsmann Stiftung im Oktober 2025 eine schlechte Prognose für die hausärztliche Versorgung bis 2040 ausgestellt. Mehr Patientinnen und Patienten, weniger Sprechstunden, das wird nicht funktionieren. Dieser offenkundige Mangel an Hausärzten und Hausärztinnen bedeutet insgesamt mehr Druck auf das Gesundheitssystem in der Region, denn die Menschen müssen irgendwo hin und sie müssen irgendwo versorgt werden. Wenn beim Hausarzt kein Termin zu bekommen ist, dann wird der Druck vielleicht irgendwann so groß sein, dass man direkt den Notruf wählt oder ins Krankenhaus geht. Auch das ist nicht in unserem Sinne, insbesondere wenn wir uns die aktuellen Diskussionen zu Rettungsfahrten vor Augen führen. Die Zahlen aus dem Bundesarztregister sind aber auch keine guten Nachrichten für Sie, Herr Minister Laumann. Sie sind als Gesundheitsminister jetzt bald zehn Jahre für die Gesundheitssituation in Nordrhein-Westfalen verantwortlich. Das darf Sie nicht zufriedenstellen. (Beifall von der SPD) Ich vermute, dass Sie Ihre Redezeit gleich nutzen werden, um noch einmal Ihr Eckpunktepapier vorzulesen, das Sie bereits neulich vorgestellt haben. Das haben wir mit Interesse gelesen und, das würde ich auch behaupten, durchaus konstruktiv begleitet. Aber was uns fehlt, ist der konkrete Plan dahinter, Landtag insbesondere auch der konkrete Zeitplan. Wann werden diese Ankündigungen konkret umgesetzt? Als junger Mensch kommt man ganz gut ohne Termine beim Hausarzt aus. Man geht vielleicht nur einmal im Jahr in die Praxis. Aber je älter man wird, desto öfter ist man auf dieses System angewiesen. Das betrifft dann nicht nur den Einzelnen, denn man ist nicht nur für sich selbst verantwortlich, sondern es betrifft ganze Familien: Wer behält die Arzttermine der Schwiegermutter im Blick? Wer fährt den fast 80- jährigen Onkel in die Praxis? Wer kümmert sich um all die Rezepte, die zum Beispiel bei einer Behandlung von Parkinson notwendig sind? Für Menschen, die sich kümmern, ist diese Versorgungslage ein akuter Stresstest. Jetzt kann man sagen: Die Versorgungslage in Westfalen-Lippe war immer schon schwierig. Früher haben die Ärzte, damals auch fast ausschließlich Männer, einfach länger oder mehr gearbeitet. Aber – Spoiler –: Wir leben nicht mehr in den 80ern. Das Leben und auch das Arbeitsleben hat sich verändert, und zwar zu Recht. Was sich aber nicht verändert hat, ist, dass die Situation a) dramatisch ist, dass wir b) dringend mehr Hausärzte und Hausärztinnen in Westfalen-Lippe brauchen und dass c) auch endlich von Politik und Gesellschaft anerkannt wird, dass wir nicht mehr in den 80ern leben. Wir haben jetzt mehr Frauen, die Medizin studieren und auch Hausärztin werden, die aber – was bei Frauen in allen Bereichen der Fall ist – oft nicht nur einen Hut, sondern ganz viele aufhaben, nicht nur den medizinischen, sondern sie sind zusätzlich Mutter, Tochter, Trainerin usw. Sie sind völlig zu Recht nicht mehr bereit, auf ein eigenes Leben zugunsten der Arbeit zu verzichten. Wir brauchen aber diese Frauen als Fachkräfte. Wir brauchen diese Frauen als Ärztinnen. (Beifall von der SPD) Verehrte Kolleginnen und Kollegen, Herr Minister, ich denke, wir sind uns alle einig, dass die gesundheitliche Versorgung in Deutschland insgesamt zwar auf einem hohen Niveau stattfindet, aber auch massiv unter Druck steht. Deshalb ist es auch fatal, dass die Krankenkassen den Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ab dem 1. April weniger zahlen wollen. Mal abgesehen davon, dass das genau in die falsche Richtung geht, weil wir bei der psychotherapeutischen Versorgung ohnehin einen Mangel haben, gerät das Gesundheitssystem damit auch insgesamt noch weiter unter Druck – Druck, der sich schlussendlich auch bei unseren Hausarztpraxen weiter manifestieren wird. Deshalb gebe ich auch gerne den Hinweis, dass vor dem Landtag gleich eine Demo von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten stattfinden wird, die auf diese Situation aufmerksam machen – nicht 19.03.2026 in erster Linie für sich selbst, sondern für ihre Patientinnen und Patienten. (Beifall von der SPD) Es gibt Lösungen, die weiter gehen müssen als Ihr 15-Punkte-Plan, Herr Minister Laumann. Dazu gehören: eine gute Kita-Versorgung statt fehlenden 83.000 Plätzen im U3-Bereich; eine gut ausgestattete OGS, die gesetzlich verankert ist; ausreichend Tagespflegeplätze, um Familien, die pflegen müssen, zu unterstützen; ein Abbau von Bürokratie. Zu den Medizinischen Versorgungszentren, die da sicherlich helfen können, wird mein Kollege Thorsten Klute gleich noch etwas sagen. (Kopfnicken von Thorsten Klute [SPD]) Sehr geehrter Herr Minister, Sie haben als Teil der Landesregierung die Chance, tätig zu werden und dem Praxissterben einen Riegel vorzuschieben. Werden Sie jetzt tätig, nicht irgendwann! – Herzlichen Dank. (Beifall von der SPD)
