Dilek Engin
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Lehrerin oder Lehrer zu sein, heißt heute nicht nur, Wissen zu vermitteln, 30.01.2026 sondern auch Verantwortung zu tragen – Verantwortung für Kinder und Jugendliche, für ihre Zukunft, für ihr Aufwachsen zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern. Lehrkräfte sind längst mehr als Fachvermittelnde, sie sind Vertrauenspersonen, sie sind Vorbilder, und für viele junge Menschen sind sie der einzige verlässliche Halt im Alltag. Am Ende entscheiden Lehrkräfte ganz wesentlich darüber, wie junge Menschen ihren Lebensweg gehen und wie sie unsere Gesellschaft von morgen prägen. Genau deshalb ist der Lehrkräfteberuf einer der wichtigsten Berufe in unserem Land, und genau deshalb ist es so alarmierend, dass diese Landesregierung seit Jahren dabei zusieht, wie die Ausbildung angehender Lehrkräfte an der Realität vorbeigeht. (Beifall von der SPD) Nordrhein-Westfalen erlebt einen dramatischen Lehrkräftemangel. Über 8.000 fehlende Lehrkräfte – das klingt abstrakt. Die Folgen sind es nicht. Unterricht fällt aus, Schulen arbeiten dauerhaft am Limit, Schulleitungen und Kollegien gehen auf dem Zahnfleisch. Die Landesregierung behauptet, sie handele. Sie wird gleich auf ihr Drittes Gesetz zur Änderung des Lehrerausbildungsgesetzes verweisen. Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen – wir haben am Mittwochabend darüber debattiert –, das ist nicht der große Wurf. Kleine Anpassungen, wie zum Beispiel fünf Tage mehr Praxis, sollen ein strukturelles Problem lösen, das seit Jahren bekannt ist. Das ist kein Neuanfang. Das ist Kosmetik. Und Kosmetik heilt keinen systematischen Mangel. Bereits im Studium bricht fast jede zweite potenzielle Lehrkraft ab – nicht, weil sie ungeeignet ist, sondern weil sie nicht ausreichend auf die Realität in unseren Schulen vorbereitet wird. Das Lehramtsstudium in seiner jetzigen Form ist für viele ein Praxisschock mit Ansage, und dieser Schock kostet uns jedes Jahr Tausende angehende und engagierte Lehrkräfte. Studierende lernen Theorien, Modelle und Konzepte und stehen dann plötzlich vor Klassen, in denen Inklusion, sprachliche Vielfalt, emotionale Belastungen und multiple Krisen Alltag sind. Diese Realität trifft sie oft unvorbereitet, spät, abrupt und geballt im Referendariat, in einer Phase, die ohnehin von enormem Druck geprägt ist. Der Antrag der SPD-Fraktion setzt genau hier mit einem durchdachten Reformansatz, der sich an den Realitäten von Schule, Universität und Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung orientiert, an. Theorie und Praxis müssen verzahnt werden und dürfen nicht einzeln betrachtet werden. Studierende müssen diese Verzahnung erleben und echte Selbstwirksamkeit entwickeln. Wir wollen den Praxisschock abfedern, bevor er überhaupt entsteht. Wir wollen, dass angehende Lehrkräfte früh erfahren, wofür sie lernen, Landtag dass sie merken: „Ja, ich kann das“, oder auch ehrlich feststellen: Nein, das ist nicht mein Weg. – Beides ist legitim. Beides ist besser als ein späterer Abbruch nach Jahren der Überforderung und Überlastung. Konkret schlagen wir Ihnen vor, dass Universitäten, Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung und Schulen endlich sinnvoll miteinander verzahnt werden, und zwar ohne Mehrbelastung, ohne neue Parallelstrukturen, aber mit echter Zusammenarbeit und klaren Ausbildungszielen. Im Zentrum steht eine stärkere Praxisorientierung im Masterstudium. Das Praxissemester soll durch eine kontinuierliche, begleitete Praxiserfahrung ersetzt werden, eng verzahnt mit Studium und Wissenschaft. Das Referendariat wird gestärkt, besser begleitet, zeitlich entzerrt und sinnvoll integriert. Stellen Sie sich vor, wie toll es wäre, wenn Studierende ihre Erfahrungen aus der Schule direkt in die Universität einbrächten. Theorie würde greifbar, Wissenschaft würde lebendig. Das wäre eine echte und spürbare Aufwertung der Ausbildung. Die Attraktivität des Lehrerberufs entscheidet sich nicht erst im Schuldienst, sie entscheidet sich im Studium. Liebe Frau Ministerin, liebe Kolleginnen und Kollegen, unser Antrag ist ein Angebot, ein seriöser, wissenschaftlich fundierter und verantwortungsvoller Weg, um Studienabbrüche zu reduzieren und langfristig mehr gut ausgebildete Lehrkräfte zu gewinnen. Nehmen Sie unser Angebot an, und lassen Sie uns gemeinsam den Beruf des Lehrers attraktiver gestalten, und das von Anfang an. – Vielen Dank. (Beifall von der SPD)
