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Nina Andrieshen

SPD 29.01.2026 Sitzungen 18/116

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte meine Redezeit nutzen, um eine Perspektive in den Mittelpunkt zu stellen, die viel zu oft zu kurz kommt, nämlich die der betroffenen und bedrohten Mädchen und Frauen selbst. Da ist die neunjährige Aminata, die ihrer Lehrerin vor den Sommerferien voller Vorfreude von einem Fest im Familienurlaub im Heimatland erzählt. Ihre Lehrerin wundert sich zwar, warum Aminata nach den Ferien nicht mehr am Sport teilnehmen möchte, sich zurückzieht, wesensverändert ist. Auf die Idee, dass eine Beschneidung stattgefunden hat, kommt sie jedoch nicht. Da ist die 15-jährige Blessing, die durch Verbrühung mit heißem Wasser schwerste Vernarbungen am Genital davongetragen hat. Es ist eine Praktik, die neben beispielsweise Elektroschocks oder heißen Eisen verwendet wird, etwa wenn eine Beschneidung nicht durchführbar ist. Gemeinsam mit ihrem Vormund kämpft sie um die Anerkennung als von FGM/C Typ IV Betroffene. In NRW kann man aber die Ärztinnen und Ärzte, die zu dieser anspruchsvollen Diagnostik imstande sind, an einer Hand abzählen. Da ist die 21-jährige Mariam, die bereits drei Jobs verloren hat, weil der Toilettengang aufgrund ihrer Beschneidung schon einmal 20 bis 30 Minuten dauern kann. Anvertraut hat sie sich aus Angst und Scham bisher noch niemandem. Da ist die 23-jährige Fatou, die mit vier Jahren nach Typ I und mit 13 Jahren in Vorbereitung auf eine Zwangsverheiratung nach Typ II beschnitten wurde. Nach jahrelanger psychischer, physischer und sexueller Gewalt ist sie vor ihrem Ehemann nach Deutschland geflohen, als ihre beiden Töchter beschnitten werden sollten – nur um dann in die Fänge von Menschenhändlern zu geraten, die sie hier zur Prostitution zwingen. Diese Geschichten sind keine Ausnahmen, sondern die Lebensrealitäten von Frauen und Mädchen, die hier in NRW, hier in unserer Mitte bei Beratungsstellen Hilfe suchen. Was betroffene und bedrohte Frauen und Mädchen berichten, macht deutlich: Genitalbeschneidung ist kein abstraktes Problem, keine 29.01.2026 einmalige Gewalttat. Für viele Frauen und Mädchen ist FGM/C ein lebenslanges und für viel zu viele ein wiederkehrendes Kontinuum aus Gewalt, Angst, Scham und Schmerz, eng verbunden mit Früh- und Zwangsverheiratung, häuslicher Gewalt, Zwangsprostitution und vergleichbaren Gewaltformen. Die Frauen- und Kinderrechte geben uns entscheidende Perspektiven und Instrumente, um zu erkennen, worum es letztlich geht und wo die größten Lücken in Prävention, Intervention und Nachsorge bestehen. Viele davon sind bereits im vorliegenden Antrag formuliert. Er ist deshalb ein wirklich wichtiger Schritt, aber er darf nicht der letzte sein. Er muss den Auftakt zu einem Prozess bilden, der in den Mittelpunkt stellt, was wirklich zählt: die Partizipation von Betroffenen sowie der Einbezug der Expertise von Organisationen und Menschen, die diese bereits stützen. Ich nenne an dieser Stelle stellvertretend stopmutilation, agisra e. V. und die Lobby für Mädchen. (Beifall von der SPD, der CDU, den GRÜNEN und der FDP) Für die 9-jährige Aminata, die in den Ferien in ihrem Heimatland beschnitten wurde, wünsche ich mir die Sensibilisierung und Weiterbildung aller Bereiche öffentlicher und sozialer Infrastruktur: von Polizei, Schulen, Kitas, Bildungsträgern, Sportvereinen und sozialen Angeboten. Für die 15-jährige Blessing, die keine adäquate medizinische Versorgung findet, wünsche ich mir, dass der medizinische Sektor gestärkt wird, denn Sensibilisierung allein reicht nicht aus. Es fehlt der Zugang zu qualifizierter und medizinischer Versorgung, welche Diagnostik, Beratung und Eingriffe wie Defibulation und Rekonstruktion beinhaltet. Diese sind hochkomplex und werden bislang kaum gelehrt. Hier braucht es dringend entsprechende Qualifizierungsstrukturen, aber auch eine angemessene Vergütung. Für die 21-jährige Mariam, die still ihr Leid mit sich trägt, wünsche ich mir Beratungs- und Hilfestrukturen, denen sie sich mit ihren Problemen anvertrauen kann. Gerade migrantische Frauen- und Betroffenenorganisationen sind hier unverzichtbar, weil sie Vertrauen schaffen und kultursensibel vermitteln können – aber nur, wenn sie finanziell abgesichert sind und systematisch einbezogen werden. Für die 23-jährige Fatou und ihre Kinder wünsche ich mir, dass sie nach ihrer Flucht nach Deutschland endlich in Sicherheit leben können. Hierzu braucht es ein Verständnis von Schutz- und Hilfsmechanismen, vor allem auch in Aufnahmeeinrichtungen, die eng mit Strukturen gegen häusliche Gewalt, Zwangsverheiratung, Menschenhandel und Zwangsprostitution verzahnt sind. Unser Ziel muss ein System sein, das hinschaut, das zuhört und das da ist, wenn es gebraucht wird – nicht irgendwann, sondern jetzt, im Interesse einer der wahr-Landtag scheinlich vulnerabelsten Gruppen in unserer Gesellschaft hier in NRW: der von FGM/C bedrohten und betroffenen Frauen und Mädchen. – Vielen Dank. (Beifall von der SPD, der CDU, den GRÜNEN und der FDP)

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