Dilek Engin
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Künstliche Intelligenz ist keine Zukunftsmusik mehr. Sie ist längst Realität in unseren Städten, in unseren Wohnzimmern, in unseren Klassenzimmern. Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte nutzen längst KI-Anwendungen, aber viel zu oft – so hat es auch die FDP gerade berichtet – ohne klare Leitplanken, ohne pädagogisches Konzept, ohne landesweite Strategie. Genau hier liegt das Problem, über das wir heute sprechen. Im Antrag der FDP werden einige richtige und wichtige Punkte benannt. Aber bevor wir über flächendeckende KI reden, müssen wir ehrlich sagen: Solange das WLAN ausfällt, Geräte fehlen und der Support nicht funktioniert, ist jede KI-Strategie nur ein weiteres Konzept ohne Wirkung. Für uns ist klar: Digitale Bildung darf keine Frage des Geldbeutels oder der Postleitzahl sein. Wenn KI-Werkzeuge nur dort eingesetzt werden können, wo engagierte Lehrkräfte privat bezahlen oder Kommunen zufällig finanziell gut aufgestellt sind, zementieren wir die bestehende Ungleichheit. Dann ziehen die Kinder mit qualitativ hochwertiger und schneller digitaler Ausstattung davon, während andere zurückbleiben. Das ist kein Fortschritt, das ist Verfestigung von Ungleichheit. Genau das müssen wir verhindern. (Beifall von der SPD) 06.11.2025 Der FDP-Antrag trägt den Titel „Von der Kreide zur KI“. Das zeigt, dass wir alle wissen, wie groß der Wandel ist, vor dem unsere Schulen stehen. Digitalisierung in der Bildung ist eine langfristige Aufgabe, die Planung, Unterstützung und Verlässlichkeit braucht. Das muss die Landesregierung beachten. Wenn sie die Strategie umsetzen möchte, die unser Land braucht, dann muss sie drei Dinge konsequent zusammendenken. Erstens: die Infrastruktur. Noch immer fehlen in vielen Schulen funktionierende WLAN-Netze oder der entsprechende IT-Support. Noch immer sind viele Endgeräte bereits veraltet oder gar nicht für alle vorhanden. Wir als SPD – ich denke, auch die FDP – fordern deshalb eine echte Eins-zu-eins-Ausstattung für alle Schülerinnen und Schüler und für alle Lehrkräfte. Vor allem Lehrkräfte brauchen eine Ausstattung, die ihnen wirklich hilft, ohne in irgendeiner Weise technisch eingeschränkt zu sein, weil irgendwelche Lizenzen fehlen. Zweitens muss die Fortbildung mitgedacht werden. Ein Tablet allein macht noch keinen modernen Unterricht. Lehrkräfte brauchen Zeit, Schulungen und Austausch. Nur wer versteht, wie KI funktioniert und wo ihre Grenzen liegen, kann sie sinnvoll und kritisch einsetzen. Drittens: die Bildungsgerechtigkeit. Es reicht nicht, KI verfügbar zu machen. Wir müssen sie auch gerecht verfügbar machen, sodass jedes Kind die Chance hat, die Kompetenzen zu erwerben, die in der digitalisierten Welt nötig sind, und zwar Medienkompetenz, kritisches Denken, Urteilsfähigkeit und digitale Verantwortung. Längst gibt es hierzu moderne Kompetenzmodelle, die die Anforderungen an die moderne Arbeitswelt berücksichtigen. Hierfür reicht ein Blick in den Lernkompass 2030 der OECD. Liebe Kolleginnen und Kollegen, eines darf man nicht vergessen: KI ist kein Wundermittel. Technologie allein macht keine gute Schule. Entscheidend ist, wie wir sie einsetzen. Der Erfolg unserer Schulen – und damit auch der Bildungserfolg von Schülerinnen und Schülern – hängt nicht davon ab, wie viele Programme wir installieren, sondern davon, wie gut wir die Schülerinnen und Schüler befähigen, selbstbestimmt und kritisch mit diesen Technologien umzugehen. Das bedeutet: Kinder müssen lernen, zu verstehen, was KI kann und was sie nicht kann, wie sie trainiert wird, wo sie Fehler macht und wie man sie kritisch hinterfragt. Das ist die wahre Zukunftskompetenz: kritisches Denken statt blindes Vertrauen. (Beifall von der SPD) Wie wir in den letzten Wochen mehrfach lesen konnten, produziert KI keine Wahrheit, sondern sie produziert Wahrscheinlichkeiten. Gerade deshalb müssen wir jungen Menschen beibringen, zu prüfen, zu vergleichen und kritisch zu denken. Landtag Wenn wir das ernst nehmen, dann geht es im Kern um eine viel größere Frage: Welche Aufgabe hat Schule in einer Zeit, in der Computer Texte formulieren, Bilder gestalten und sogar Lernprozesse begleiten können? Ich sage es Ihnen: Schule muss der Ort bleiben, an dem Kinder lernen, wer sie sind, was sie können und wie sie Verantwortung übernehmen. Es geht um Neugier und Wissensdurst, um Mitgefühl und Kooperation, um den Mut, eigene Gedanken zu entwickeln. All das kann keine Künstliche Intelligenz ersetzen. Deshalb muss der Einsatz von KI immer die menschliche Entwicklung fördern. Er soll ergänzen, nicht ersetzen. Aber so habe ich Sie auch verstanden, Frau Müller-Rech. (Franziska Müller-Rech [FDP]: Ja!) Wir wollen Schulen, in denen KI unterstützt, aber der Mensch im Mittelpunkt bleibt. Wir wollen Schulen, in denen Kinder durch den sinnvollen Einsatz digitaler Werkzeuge lernen, Probleme kreativ zu lösen, kritisch zu denken und empathisch zu handeln. Wir brauchen Zeit, um Lehrkräfte und Schulen auf diesem Weg mitzunehmen. Denn wir sehen schon heute, wie unterschiedlich der Umgang mit digitalen Anwendungen an unseren Schulen ist. Diese Uneinheitlichkeit führt zu Unsicherheit und zu Ungleichheit. In diesem ganzen Zusammenspiel braucht es auch ein IT-Landesamt für Schulen: endlich zentrale Standards, verlässlichen Support und gleiche Bedingungen für alle. Digitalisierung braucht Ordnung, Verlässlichkeit und politischen Willen. Ein KI-Aktionsplan, wie ihn die FDP fordert, löst dieses strukturelle Problem leider nicht. Wir konnten es Ihrer Rede entnehmen, Frau Müller-Rech, aber in Ihrem Antrag fehlt die Infrastruktur. Die haben Sie leider nicht erwähnt. Sie setzen mit Ihrem Antrag auf kurzfristige Werkzeuge, aber übersehen, dass die Basis fehlt. Wir brauchen zuerst das Fundament, dann die Werkzeuge. Ich möchte aber an dieser Stelle betonen: Wir sind keine Gegner von KI im Klassenzimmer – im Gegenteil. Wir sehen die Chancen, und sie sind groß. KI kann Lernprozesse personalisieren, Lehrkräfte entlasten und neue Formen des Unterrichts ermöglichen. Dafür braucht es Mut, dafür braucht es Willen. Wir sind bereit und fordern die Landesregierung auf, endlich die Schulen in das 21. Jahrhundert zu versetzen. – Vielen Dank. (Beifall von der SPD)
