Franziska Müller-Rech
Ganz herzlichen Dank. – Frau Präsidentin bzw., mitten im Wechsel, Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Erinnern Sie sich an Ihre eigene Schulzeit und daran, wie Ihr Klassenbuch damals aussah? Es hat ein bisschen gemüffelt, war zerfleddert, hat sich an den Ecken schon einmal hochgerollt. Sie alle haben es noch vor Augen. Ich sehe der Kollegin Engin an: Sie kennt das sogar noch. (Heiterkeit von Dilek Engin [SPD]) Die erschreckende Nachricht ist: Auch heute noch arbeiten viele Lehrkräfte mit eben solchen Papierklassenbüchern, mit einem Füller auf Papier, wie vor 100 Jahren. Wenn Geld für den Klassenausflug eingesammelt werden muss, machen das Lehrer mit Bargeld, in Briefumschlägen, mit Zettelwirtschaft und Füller auf Papier, wie vor 100 Jahren. Wenn Lehrer Klausuren korrigieren, machen sie das auch mit Füller auf Papier, wie vor 100 Jahren. Und wenn die mündlichen Prüfungen im Abitur in NRW abgenommen werden, muss immer auch ein Lehrer Protokoll führen – mit Füller auf Papier, wie vor 100 Jahren. Diese Liste lässt sich beliebig fortführen, aber das erspare ich uns allen. Damit will ich Folgendes deutlich machen: Wir hinken hinterher. In unseren Schulen findet Innovation immer nur sehr schleppend und sehr viele Jahre später statt. Genauso ist es auch mit der Künstlichen Intelligenz: 62 % der Jugendlichen nutzen KI-Anwendungen regelmäßig, vor allem für die Schule und für Hausaufgaben. Lehrkräfte dagegen sind oft noch zurückhaltender. Vor allem werden sie noch mit der neuen Realität alleingelassen, denn wenn ein Lehrer KI einsetzt, macht er das auf eigene Kappe, auf eigenes Risiko und übrigens auch auf eigene Kosten. Das Ergebnis ist, dass die Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrkräfte KI in Nordrhein-Westfalen völlig ungesteuert verwenden. Dabei wünschen sich die meisten von ihnen genau das Gegenteil: dass man KI systematisch in der Schule aufgreift, dass man den Umgang damit vermittelt bzw. lernt und dass alle dazu in der Lage sind, KI sinnvoll und sicher einzusetzen. Das macht deutlich: KI ist längst Bestandteil unseres Alltags, aber eben nicht überall. Aktuell ist es Glückssache, ob in einer Schule KI-Unterricht stattfindet oder nicht. Wie reagiert die Landesregierung darauf? Sie reagiert mit einem Pilotprojektchen. KIMADU klingt richtig gut. Inhaltlich kann ich wirklich nur zustimmen. Wir hören auch gleich von den Kollegen ausführlich, warum das so toll ist. Aber das Problem an diesem niedlichen Projektchen ist, dass daran nur 25 Schulen teilnehmen – 25 Schulen von 5.500. Das sind weniger als 0,5 % aller Schulen in Nordrhein-Westfalen, (Dilek Engin [SPD]: 0,37 %!) Landtag die anderen Schulen leider nicht. Dieses Pilotprojekt läuft noch bis Mitte 2027. Danach wird evaluiert und geschaut, was man davon anwenden kann. Dann ist der Zug leider längst abgefahren. Diese Initiative zeigt wie so viele der Landesregierung: Da war die Schlagzeile wichtiger: Die Landesregierung macht etwas mit KI an Schulen. Das war wichtiger, als dass tatsächlich etwas in der Sache und an allen Schulen in NRW passiert. Das Thema ist mir so wichtig, weil es auch eine Frage der Bildungsgerechtigkeit ist, denn im 21. Jahrhundert sind die Kernkompetenzen nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern es gilt auch, digitale und KI-Kompetenzen zu erlernen. Damit das an allen Schulen klappt und damit das nicht von Elternhäusern und vom Engagement der Eltern oder einzelner Lehrer abhängt, braucht man politischen Willen. Dazu braucht man Mut, und der fehlt der Landesregierung mal wieder. Genau das wollen wir ändern. Es scheitert aber schon an der Digitalisierung. Wir haben das Jahr 2025. Dass das zu Beginn erwähnte Klassenbuch vollständig digitalisiert ist, ist kein Luxus, das sollte selbstverständlich sein. Dass die Lehrer, das Personal der Landesregierung, keine Briefumschläge mit Geld einsammeln müssen, sondern dass das auch mit einer App geht, ist kein Luxus, das sollte selbstverständlich sein. Dass Lehrer keine handschriftlichen Protokolle mehr führen müssen, ist auch kein Luxus; auch das sollte im Jahr 2025 selbstverständlich sein. Das sind nur die kleinen Beispiele, die Sie in kürzester Zeit lösen können. Es besteht bei dieser Landesregierung aber nicht der geringste Wille, die Situation zu verbessern, auch nicht bei diesen kleinen, so schnell umsetzbaren Dingen. Wenn ich übrigens von „diesen Dingen“ spreche, reden wir noch von Digitalisierung. Da sind wir noch gar nicht bei Künstlicher Intelligenz. Das macht es insgesamt noch viel bitterer. Wir brauchen einen KI-Aktionsplan für alle Schulen, denn KI bietet zwei riesengroße Chancen. Erstens: KI im Klassenzimmer. Wenn wir KI für die Bildung einsetzen, klappt es besser mit der individuellen Förderung. Dann kann ein Lehrer, eine Lehrerin individuelle Hausaufgaben oder Vertiefungsmöglichkeiten geben. Wir können den Schülern einen KI-Lernbegleiter zur Seite stellen, der sinnvoll ergänzt, was in der Schule unterrichtet wird. Wir können auch Sprachbarrieren überwinden. Das ist ein Riesentopf an Chancen der KI im Klassenzimmer. Zweitens bietet KI große Chancen in der Schulverwaltung. Wir wollen doch alle, dass die Lehrkräfte raus aus den Büros und wieder rein in die Klassenzimmer kommen. Was kann man da mit KI helfen! KI kann helfen, Elternbriefe zu formulieren, Eltern-06.11.2025 sprechtage zu organisieren, Statistiken zu führen, Unterricht zu planen, Prüfungen zu erstellen etc. Wozu führt es, wenn wir Lehrkräfte von Bürokratie und solchen nicht zum Unterricht gehörenden Aufgaben entlasten? Sie haben wieder Freiräume für den menschlichen Kontakt. Sie haben wieder Zeit für ihre Schülerinnen und Schüler, um mit ihnen zu sprechen, ihnen zuzuhören und Bindung herzustellen. Das ist die zweite riesengroße Chance, die KI in unseren Schulen bietet. (Beifall von der FDP) Ich möchte, dass wir genau dafür jetzt die Weichen stellen, also zum Ersten rechtliche und organisatorische Voraussetzungen dafür schaffen. Deswegen fordern wir eine landesweite, datenschutzkonforme und leistungsfähige KI-Infrastruktur für Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler sowie rechtliche, pädagogische und technische Rahmenbedingungen dafür. Außerdem ist es notwendig, in die Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte zu investieren und zum Beispiel auch mit außerschulischen Partnern zu kooperieren, damit die Lehrkräfte diese Kompetenzen flächendeckend im ganzen Land erwerben. Ferner brauchen wir landesweite Standards statt Insellösungen auf kommunaler Ebene. Auch das ist wieder ein Chancengerechtigkeitsthema. Schulen müssen die technische und rechtliche Rückendeckung sowie das Know-how haben, damit KI einwandfrei funktionieren kann. Aber es darf eben nicht von der Finanzkraft der einzelnen Stadt abhängen, ob eine Schule Zugang zu KI-Bildung hat oder nicht. Auch deswegen brauchen wir landesweite Lösungen. Mir ist wichtig, festzuhalten, dass wir hier nicht unberechtigt herummeckern. Es lohnt der Blick in die anderen Bundesländer. Dort sieht man, was möglich ist. Bremen, Hamburg und Brandenburg setzen bereits auf flächendeckende KI-Lösungen, zum Beispiel „telli“ oder „fobizz“. „telli“ soll auch in NRW kommen, aber verzögert sich jetzt. Und das Schlimme ist: Wenn es kommt, dann kommt es auch erst einmal nur für die Lehrkräfte. Warum macht man es denn nicht direkt – wie in den anderen Bundesländern – auch für die Schülerinnen und Schüler nutzbar? Das kann ich wirklich nicht verstehen. Schulen brauchen keine Ankündigungen. Schulen brauchen Werkzeuge, und zwar jetzt und für alle. (Beifall von der FDP) KI verändert die Welt. Sie verändert Arbeit, Kommunikation und Wissen. Unsere Kinder und unsere Lehrer haben mehr verdient als Zettelwirtschaft, veraltete Technik und Kreidestaub. Deswegen müssen wir Schule neu denken. Landtag Durch KI können wir – das ist mir wirklich das Wichtigste – Lehrkräften mehr Freiräume geben. Wir können ihnen Zeit für ihre Schülerinnen und Schüler geben; für mehr Aufmerksamkeit und für viele wichtige Themen, die in Schule sonst oft zu kurz kommen. Die Zeit rennt uns davon. Digitalisierung ist eigentlich – darüber habe ich auch gesprochen – längst ein Thema von gestern und trotzdem noch nicht in der Schule angekommen, und bei KI droht uns wirklich der Zug abzufahren. Deswegen lautet unser Appell: Schließen Sie sich unserem Antrag an. Beenden Sie die Kreidezeit. Treten Sie mit uns in die KI-Zeit ein. Seien Sie mutig, und tun Sie unserem Land etwas Gutes. Nehmen Sie die Zukunft und unseren Antrag an. – Vielen Dank. (Beifall von der FDP)
