Christian Loose
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Nordrhein-Westfalen braucht keine Träume aus heißem Plasma, sondern eine ehrliche, marktorientierte Energiepolitik, die sich an dem orientiert, was funktioniert, und nicht an dem, was sich gut anhört. Dieser Antrag zur Kernfusion soll wie die Wasserstoffanträge der FDP schlicht von der Realität ablenken. Die Antragsteller wollen damit suggerieren: Ihr braucht keine Kohlekraftwerke mehr; ihr braucht keine Kernkraftwerke mehr; Zukunft heißt jetzt Kernfusion. Kernfusion klingt nach Fortschritt, nach grenzenloser Energie. Doch in Wahrheit ist die Realisierung dieses Landtag Konzepts 30 Jahre entfernt. Diese Aussage gilt zu jedem beliebigen Zeitpunkt. Man nennt diese 30 Jahre bis zur Realisierung „Fusionskonstante“. Sie wird als Witz unter den Kernphysikern verbreitet. Das galt bereits 1995, als ich mein Abi mit Physik als Leistungskurs abgeschlossen habe, und es wird auch noch in 20 Jahren gelten. Seit 75 Jahren verbrennen Generationen von Forschern Milliarden an Fördergeldern für die Fusionstechnologie. Dennoch hat bis heute kein einziger Reaktor auf dieser Erde auch nur eine Kilowattstunde Strom ins Netz eingespeist. Die USA haben allein für vier Projekte zwischen 1986 und 2013 inflationsbereinigt insgesamt 1,2 Milliarden US-Dollar ausgegeben. All diese Projekte sind beerdigt worden. Die EU hat zwischen 1958 und 2008 inflationsbereinigt bereits über 5 Milliarden Euro für gescheiterte Fusionsprojekte ausgegeben. In dieser gesamten Zeit ist es lediglich gelungen, in einem einzelnen Teilschritt für wenige Nanosekunden mehr Energie zu erzeugen, als in den Prozess hineingesteckt wurde. Dieser berühmte Teilschritt, bei dem mehr herauskam, als hineingesteckt wurde, war nur ein winziger Schritt, und zwar einer der früheren physikalischen Schritte, die insgesamt nötig sind; noch sieben oder acht große Ingenieurschritte sind nötig. Ein Beispiel: Der Laser braucht etwa 300 Megajoule. In einem Teilprozess wurden 2 Megajoule hineingesteckt, und es kamen 5 Megajoule heraus. Bei diesem Teilschritt kam mehr heraus, als hineingesteckt wurde, bei allen anderen Schritten nicht. Aber die Fusionsenergie wird kommen – in 30 Jahren. Grundlagenforschung zur Kernfusion ist allerdings zu begrüßen. Niemand bestreitet, dass die Erforschung solcher Prozesse faszinierend und technisch herausfordernd ist. Vor der Marktreife oder einem Durchbruch steht man jedoch bei der Fusionstechnologie nicht. Deshalb sollten wir uns in Deutschland dem Machbaren widmen. In den USA reaktivieren Technologiekonzerne wie Google alte Kernkraftwerke, um zuverlässig günstigen Strom zu erhalten. Auch in Deutschland könnten die Kernkraftwerke in drei bis fünf Jahren reaktiviert und wieder aufgebaut werden. Andere Technologiekonzerne wie Amazon lassen gleich zahlreiche neue Kernkraftwerke bauen. In unserem Nachbarland Schweiz wird der erste atomare Flüssigsalzreaktor gebaut. Diese Technologie kann alte radioaktive Abfälle wiederverwerten und gleichzeitig emissionsfreien Strom liefern. Das ist technisch machbar, wirtschaftlich interessant und innerhalb eines Jahrzehnts lieferbar. Der Reaktor soll in einen Lkw-Container passen und jahrelang autonomen Strom produzieren – mit einer 05.11.2025 thermischen Leistung von 100 MW. Damit Sie einmal eine Vorstellung bekommen: Die Stadt Essen bräuchte insgesamt sieben dieser kleineren Reaktoren, also sieben Lkw-Container, um den Wärmebedarf der Stadt Essen zu decken. Das alles wäre in zehn Jahren realisierbar. Doch solche Konzepte lehnt die FDP ab. Stattdessen will sie jetzt ein Fusions-Ökosystem in Nordrhein-Westfalen aufbauen, mit Clustern, Hubs und einer landesweiten Koordinierungsplattform – also die üblichen Netzwerke, die üblichen Subventionen und neue staatliche Gesellschaften, in denen abgehalfterte Ex-Politiker einen Posten bekommen können. Kernfusion wäre eine großartige Sache, genauso wie aus Blei Gold zu machen. Solange aber die Kernfusionskonstante gilt, konzentrieren wir uns bitte auf das, was tatsächlich zur Verfügung steht – auf moderne, sichere und saubere Kernenergie, die weltweit längst wieder als Zukunftstechnologie erkannt wird. Nordrhein-Westfalen braucht keine neuen Träume aus heißem Plasma, sondern eine ehrliche Energiepolitik mit realistischen Technologien für Freiheit, Wohlstand und Vernunft. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD)
