landtag.nrw.de ↗

Jonathan Grunwald

CDU 09.10.2025 Sitzungen 18/104

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Enquetekommission „Chancengleichheit in der Bildung“ hat über zwei Jahre hinweg mit über 50 Sitzungen, umfangreichen Stellungnahmen, Anhörungen und vielen Stunden an Beratung intensiv gearbeitet. Das war keine akademische Fingerübung, sondern eine gemeinsame Kraftanstrengung für nichts Geringeres als die Zukunft unserer Kinder, unseres Landes. Mein ausdrücklicher Dank gilt allen Eltern, Erziehern und Lehrkräften sowie allen, die tagtäglich engagiert 09.10.2025 und mit Herzblut daran arbeiten, unsere Kinder auf ihrem Bildungsweg zu begleiten. Viele haben wir im Rahmen unserer Kommissionsarbeit kennengelernt und wertvolle Anregungen von ihnen erhalten. Ebenso gilt mein Dank den Sachverständigen, den Gutachtern, den Mitarbeitern sowie den Kolleginnen und Kollegen aller Fraktionen für die konstruktive und kollegiale Zusammenarbeit. Uns alle eint das Ziel, die Bildungspolitik in Nordrhein-Westfalen nachhaltig zu verbessern. (Beifall von der CDU, den GRÜNEN, der SPD und Franziska Müller-Rech [FDP]) Der Abschlussbericht der Kommission atmet diesen Geist und bietet mit seinen fast 250 Handlungsempfehlungen dafür eine belastbare Grundlage. Wir geben uns mit den Ergebnissen von PISA oder IQB nicht zufrieden. Wir akzeptieren nicht, dass bis zu einem Drittel der Viertklässler in Nordrhein-Westfalen die Mindeststandards beim Lesen, Schreiben und Rechnen nicht erreicht und die Zahl der Auffälligkeiten beim Sozialverhalten zunimmt. Es ist ein unhaltbarer Zustand für die betroffenen Kinder, aber auch für unsere Gesellschaft, dem wir uns gemeinsam mit unserem Abschlussbericht stellen. (Beifall von der CDU) Ein zentraler Bestandteil ist die Objektivierbarkeit von Bildung – datenbasiert, technologieoffen und fokussiert. Wir kleben nicht an ideologischen Wunschbildern. Wir setzen auf Klarheit, auf Struktur und auf einen messbaren Anspruch auf Bildungserfolg. Das beginnt mit einem realistischen Blick auf die Situation vor Ort. Wenn lediglich 76 % der drei- bis sechsjährigen Kinder mit Migrationshintergrund eine Kita besuchen und zunehmend Kinder eingeschult werden, ohne richtig Deutsch zu sprechen, sind die Startchancen im Schulleben mehr als ungleich verteilt. Das ist ein Wettbewerbsnachteil für das Kind selbst, aber auch für die gesamte Lerngruppe. Wir lassen weder die Kinder zurück, die kaum ein Wort Deutsch sprechen, noch bremsen wir diejenigen, die schon vor der Schule nach Wissen dürsten. Gute Bildung muss beides leisten: fördern und fordern. Nur wenn wir Leistung und die Lust auf Bildung in das Zentrum unseres Handelns rücken, werden wir die Talente unserer Kinder entfalten und die Anschlussfähigkeit unserer gesamten Volkswirtschaft sichern können. Begabung und Fleiß sind keine Gegensätze zur Förderung schwächerer Kinder, sondern ein selbstverständlicher Teil von Chancengleichheit. Dafür braucht es klare Regeln und nicht falsch verstandene Rücksichtnahme. (Beifall von der CDU, den GRÜNEN und der SPD) Landtag Deshalb sagen wir klar: Bildung beginnt vor dem ersten Schultag. Wir fordern verpflichtende Sprachstandserhebungen mindestens ein Jahr vor der Einschulung und darauf aufbauend eine gezielte verbindliche Förderung. Nennen wir es Frühförderung, Sprachbrücke oder Chancenjahr – entscheidend ist, dass wir früh genug individuell, verbindlich und auf der Basis klarer Daten anfangen. Der von Ministerin Dorothee Feller initiierte Schulkompass NRW 2030 ist hier ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Dieser Schulkompass bringt ein einheitliches digitales Screeningverfahren zur Schulanmeldung auf den Weg – verbindlich, strukturiert und transparent. Damit erkennen wir frühzeitig, wo Kinder stehen und wo eine gezielte Förderung notwendig ist. Auch die zusätzlichen Lernstandserhebungen wie die im Rahmen des Schulkompasses zu bestehenden VERA-Tests sind ein wichtiges Instrument, um Lernstände nicht mehr nur punktuell, sondern systematisch zu erfassen und die Förderung zielgerichtet anzupassen. Doch diese Erhebungen sind nur dann sinnvoll, wenn wir die Kapazitäten und Strukturen haben, sie auszuwerten und zu nutzen. Deshalb setzen wir uns für ein umfassendes Datendashboard ein, das die Schulen, die Schulaufsicht und die Bildungsverwaltung in die Lage versetzt, auf der Grundlage von Evidenz zu steuern. Die Schulaufsicht muss sich dafür von der Aufsicht zur evidenzbasierten Beratungsinstanz weiterentwickeln. Nur so können Maßnahmen zielgerichtet angepasst und Bildungserfolge langfristig gesichert werden. Ein zentrales Element dafür ist auch die Einführung einer landesweiten Schüler-ID, die es erlaubt, Lernbiografien, Förderbedarfe und Stärken über die gesamte Bildungslaufbahn hinweg zu erfassen. Beginnend mit dem Schulkompass der Landesregierung leiten wir den erforderlichen strategischen Paradigmenwechsel ein. Diesen wollen wir entschlossen und überfraktionell weiterführen. (Beifall von der CDU, den GRÜNEN und Christin Siebel [SPD]) Wenn wir Bildung gerecht machen wollen, brauchen wir Präzision. Mit Schüler-ID und Datenintelligenz sowie am Sozialindex orientiert tauschen wir die Gießkanne gegen den Gartenschlauch. Wir fokussieren auch bei den Ressourcen auf den größtmöglichen Hebel, die größtmögliche Effizienz: hinschauen, analysieren und handeln. (Beifall von der CDU und den GRÜNEN) Damit sind wir beim Thema „Künstliche Intelligenz“, das der Abschlussbericht zu Recht mit einem eigenen Kapitel und durch ein eigens in Auftrag gegebenes Gutachten würdigt. Wir sind davon überzeugt, dass KI die Bildung und die Schule substanziell 09.10.2025 verändern wird. Sie ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug zur Individualisierung, zur besseren Förderung und für eine spürbare Entlastung der Lehrkräfte. Mit dem bereits im Februar 2023 veröffentlichten Handlungsleitfaden zum Umgang mit textgenerierender KI und mit KIMADU hat Nordrhein-Westfalen bei KI bundesweit eine Vorreiterrolle eingenommen. Unterricht anpassen, Lernlücken identifizieren, Lehrkräfte im Alltag entlasten – diese Potenziale wollen wir landesweit nutzbar machen. Gepaart mit der Schüler-ID und der Ausweitung der Lernstandserhebung wollen wir gemeinsam den Bildungsturbo zünden. (Beifall von der CDU – Vereinzelt Beifall von den GRÜNEN) Der Weg zu mehr Chancengleichheit für unsere Kinder ist kein staatlicher Alleingang. Wir werden das Ruder nur herumreißen können, wenn wir Bildung als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe begreifen. Zahlreiche Handlungsempfehlungen richten sich daher auch an Kommunen und andere Akteure. Auch die Eltern wollen wir wieder stärker in die Pflicht für die Erziehung und Bildung ihrer Kinder nehmen. Wenn Eltern mehr Zeit mit dem Smartphone als mit ihren Kindern verbringen oder Elternabende und Entwicklungsgespräche als Nice-to-have angesehen werden, dann haben wir ein Problem, das Kita und Schule alleine nicht lösen können. Die in Nordrhein-Westfalen geschaffenen Familienzentren leisten hier bereits eine ausgezeichnete Arbeit. Wir brauchen aber auch eine echte Bildungspartnerschaft zwischen Schule und Elternhaus. Außerdem richten wir den Blick über das Elternhaus hinaus, denn wir wollen außerschulische Partner verstärkt einbinden. Mentoringprogramme und Ausbildungsinitiativen wie die „Meckenheimer Garantie für Ausbildung“ leisten hier bereits gute Arbeit und zeigen, wie es geht. Lassen Sie mich zum Schluss noch etwas zur Schulstruktur sagen. Die Frage der Chancengleichheit entscheidet sich nicht an der Schulform. Es ist nicht entscheidend, ob ein Kind auf die Förderschule, auf die Haupt-, die Real- oder die Gesamtschule oder auf das Gymnasium geht. Entscheidend ist, welche Haltung, welche Qualität, welche Standards dort vermittelt werden. Wir brauchen eine schulformübergreifende Änderung des Mindsets mit klaren Bildungszielen, top ausgebildeten und motivierten Lehrkräften und einer Didaktik und Methodik, die für Bildung und Leistung begeistern. Die Bildung unserer Kinder entscheidet über nichts Geringeres als über die Zukunftsfähigkeit unseres Landes, über unseren Wohlstand, über unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt und schlussendlich über die Fähigkeit, unsere Werte von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in einer multipolaren Landtag Welt zu verteidigen, in der ökonomische Marktanteile genauso wie Wertesysteme zur Disposition stehen. Gelingen wird uns dies, wenn wir alle Kinder, ob hier geboren oder zugewandert, in ihrer Einzigartigkeit annehmen und sie mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln bestmöglich auf ein selbstbestimmtes und erfolgreiches Leben vorbereiten. (Beifall von der CDU und den GRÜNEN – Ver- einzelt Beifall von der SPD und den GRÜNEN) Es sind alle unsere Kinder, und wir haben den gemeinsamen Auftrag, entschlossen zu handeln. Der Abschlussbericht der Enquetekommission „Chancengleichheit in der Bildung“ des Landtags von Nordrhein-Westfalen gibt dazu mehr als nur Anregungen. In diesem Sinne: Vielen Dank für die gemeinsame Arbeit. Sie war gut und wichtig. (Beifall von der CDU, der SPD, den GRÜNEN und der FDP)

Alle Reden von Jonathan Grunwald Protokoll ↗