Julia Kahle-Hausmann
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Die AfD malt uns heute ein ganz hübsches Bild: Jugendliche, die tagsüber lachend Kühe melken, fröhlich umhertanzen und Gemüse ernten, (Heiterkeit von der SPD) um abends dann glücklich beseelt ins Strohlager zu fallen. Super, oder? (Beifall von der SPD – Thomas Röckemann [AfD]: Da sind Sie raus, ne? – Gönül Eğlence [GRÜNE]: Und die Frauen in Kluft!) Es ist ein Idyll in freundlichen, hellen Farben, fast wie aus einem Werbeprospekt „Ferien auf dem Bauernhof“. Ich jedoch möchte mich in den Farben des Regenbogens darüber übergeben. (Heiterkeit und Beifall von der SPD – Beifall von Gönül Eğlence [GRÜNE]) Dieser Antrag ist nicht weniger als ein durchsichtig verbrämter Angriff auf junge Menschen, denn er beruht auf einem komplett reaktionären Weltbild. Obwohl ich von rechts nichts Konstruktives erwarte, will ich anhand von ein paar Fakten doch erläutern, warum dieser Antrag Blödsinn ist. (Thomas Röckemann [AfD]: Ja!) Anschließend werde ich auf die Metaebene dieses Antrags wechseln und auf die Ideen im Hintergrund zu sprechen kommen, (Zuruf von Thomas Röckemann [AfD]) denn die verquere Grundhaltung lässt mich einfach nur gruseln. (Sven Werner Tritschler [AfD]: Ich bin ge- spannt wie ein Flitzebogen, Frau Kollegin!) Vier Punkte. Punkt eins: Freiwilligendienste sind Bildungsjahre und keine billige Arbeitskraftreserve. (Beifall von der SPD und Markus Höner [CDU] – Vereinzelt Beifall von den GRÜNEN) Es gibt im FÖJ ausschließlich ökologische Betriebe, die sich an strenge Standards halten, übrigens auch im Pädagogischen. Studien zeigen: Ohne pädago-19.09.2025 gische Begleitung gibt es keinen Mehrwert, außer für die Betriebe, die Arbeitskräfte sparen wollen. (Zuruf von Zacharias Schalley [AfD]) Lesen Sie das bei Baaken et al. 2022 nach. Das steht dort alles detailliert beschrieben. (Zuruf von Thomas Röckemann [AfD]) Zweiter Punkt: Entlastung für Betriebe? Quatsch! In der Praxis entstehen Kosten für die Unterbringung, die Versicherung und die Betreuung. Verbände warnen genau davor. Offenbar haben Sie die Studien des Familienministeriums dazu aus dem Jahr 2015 nicht mal partiell gelesen. (Gönül Eğlence [GRÜNE]: Ach, mit Studien hat man es da nicht so!) Ich schon. Wer glaubt, man könnte strukturelle Probleme mit unbezahlter Jugendhilfe lösen, rechnet falsch oder will es bewusst falsch darstellen. (Beifall von der SPD und Gönül Eğlence [GRÜNE]) Überhaupt bin ich gespannt, ob ich Ihre Kinder in den nächsten Jahren als Spargelstecher oder während der Erdbeersaison als Erntehelfer auf den Höfen wiederfinde. (Zuruf von Thomas Röckemann [AfD]) Das wäre mal ganz gut. Nun zur reichlich schlecht vertuschten Metaebene: Das FÖJ, getragen von einer breiten institutionellen Landschaft aus öffentlichen Anbietern und anerkannten NGOs mit pädagogischer und ökologischer Qualität, soll erst gleichgesetzt und dann offenbar schleichend umgebaut werden in – nennen wir es beim Wort – Stallhilfe auf Zuruf. Hauptsache tief stechen und weit werfen, oder? (Heiterkeit von Thorsten Klute [SPD]) Gleichzeitig sollen Jugendliche von Menschen, die weder ökologisch noch pädagogisch ausgebildet sind, gegen NGO-Propaganda immunisiert werden. (Zuruf von Zacharias Schalley [AfD]) Sie sind so leicht durchschaubar: Es geht Ihnen um NGOs als Feindbild, nicht um junge Menschen und schon gar nicht um die Landwirtschaft, sondern ausschließlich um Ihre ideologische Obsession. (Beifall von der SPD und Dr. Patricia Peill [CDU] – Vereinzelt Beifall von den GRÜNEN) Dritter Punkt: Was steckt wirklich dahinter? Das von Ihnen gemalte, vermeintlich ach so freundliche Idyll kippt schnell in eine Dystopie, wenn man nur ein ganz kleines bisschen am Lack kratzt: Jugendliche als billige, ungeschützte Arbeitskräfte; Betriebe mit mehr Aufwand statt Entlastung; ein Freiwilligendienst, der seinen Bildungsauftrag verliert; eine Landtag Partei, die lieber Feindbilder pflegt als Lösungen bietet. Sie wollen junge Menschen als ideologisches Vieh in Ihren politischen Stall treiben. (Sven Werner Tritschler [AfD]: Und das von der SPD!) Die sind aber keine Ressource für Ihre Experimente, sondern haben Anspruch auf Bildung, Teilhabe und echte, tragfähige Zukunftschancen. (Beifall von der SPD – Vereinzelt Beifall von den GRÜNEN – Zuruf von Zacharias Schalley [AfD]) Vierter Punkt: Das hatten wir alles schon mal, und es war Mist. Ich zitiere Rüdiger Hoffmann: (Zuruf von Zacharias Schalley [AfD]) „Ich weiß gar nicht, ob Sie’s wussten.“ Ab 1934 (Zacharias Schalley [AfD]: Oh, ja!) gab es in Deutschland das Landjahr: Pflichtdienste auf Höfen kombiniert mit ideologischer Indoktrinierung. (Sven Werner Tritschler [AfD]: Endlich! – Thorsten Klute [SPD]: So! „Endlich“ hat er ge- sagt!) Damals hieß es: Erziehung zum Volksgenossen. Genau das ist es, was Sie anstreben. Sie nennen es bloß: Schutz vor NGO-Propaganda.
