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Franziska Müller-Rech

FDP 18.09.2025 Sitzungen 18/101

Vielen Dank. – Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich fange schnell an. Stellen Sie sich eine junge Schülerin vor; nennen wir sie Anna. Sie geht auf die Hauptschule. Anna war schon immer eher praktisch veranlagt, wollte Dinge ausprobieren, anpacken, etwas herstellen. In der Grundschule hatte sie manchmal Schwierigkeiten mit der Theorie, die nicht so ganz ihr Ding ist. Liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist völlig normal. Das kann passieren. Menschen haben ganz unterschiedliche Stärken und Schwächen. Das macht uns doch auch als Gesellschaft aus. Aber darauf müssen wir als Gesellschaft eben auch viel besser reagieren. Grundsätzlich versteht unser gegliedertes Schulsystem, dass es diese unterschiedlichen Lebenswege gibt. Wir haben ein perfektes Angebot für jede Schülerin und jeden Schüler mit ihren unterschiedlichen Stärken und Schwächen. Die Empfehlung für eine Hauptschule sollte keine Enttäuschung auslösen. Daran sollten wir dringend arbeiten. Ich war selbst vor ein paar Jahren den ganzen Tag an einer Hauptschule. Dort habe ich mit den Schülerinnen und Schülern diskutiert und auch von meiner Arbeit erzählt. Dann sagte ein Junge in der ersten Reihe: Super, ich möchte auch Politiker werden. – Das Problem war, dass eine Mitschülerin aus der letzten Reihe dann rief: Du kannst nicht Politiker werden; du bist Hauptschule. Das habe ich mir gemerkt, weil es mir das Herz gebrochen hat. Ich habe natürlich versucht, das aufzu-18.09.2025 fangen, habe von Kolleginnen und Kollegen hier im Haus erzählt und habe gesagt, dass man auch mit einem Hauptschulabschluss Landesminister werden kann. Aber das hat mich nachhaltig geprägt und mich auch dazu bewegt, dass wir unsere Hauptschulen dringend besser unterstützen müssen. (Beifall von der FDP) Kein Kind und auch nicht unsere Anna darf sich abgestempelt fühlen, weil es auf eine Hauptschule geht. Die Hauptschule sollte eine tatsächliche Chance für Anna und die vielen anderen Jugendlichen sein, ihr Potenzial, zum Beispiel auch ihr praktisches Potenzial, auszuschöpfen. Deswegen glauben wir, Praxis kann der Schlüssel sein, damit Jugendliche ihre Talente und Zukunftschancen entdecken und ergreifen können. Ich möchte, dass wir am Ende einer Hauptschulreform erreicht haben, dass Betriebe sagen, für die Ausbildung bei uns im Handwerk oder in der Industrie stelle ich am liebsten jemanden von der Praxisschule ein. Die sind fit für die Ausbildung, die können anpacken, die wissen, worauf es im Betrieb ankommt. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir als Freie Demokraten finden: Praktische Talente müssen doch genauso viel wert sein wie akademische. Sie werden in unserem Land genauso gebraucht. Deswegen verdienen unsere Hauptschulen ein Update, und deswegen möchten wir Hauptschulen zu modernen Praxisschulen weiterentwickeln. (Beifall von der FDP) Wir erleben, wie der Fachkräftemangel das Handwerk und die Industrie schwächt. Dabei nutzen wir heute noch nicht alle Instrumente, dieser Entwicklung etwas Wirksames entgegenzusetzen. Wir haben so viele begabte junge Menschen in unserem Land, und die Weiterentwicklung der Hauptschule kann ein Weg sein, diese Menschen abzuholen und ihnen eine neue Richtung, eine neue Perspektive zu geben, und zwar in die Richtung erfolgreicher Lebensweg. Denn Handwerk und Industrie bieten gute, sichere, gut bezahlte Arbeitsplätze und auch zahlreiche Karrieremöglichkeiten. Die Hauptschulen sind unserer Ansicht nach keine Auslaufmodelle, sondern haben enormes Potenzial, dass sie zu Talentschmieden für genau diese Bereiche werden. Da, wo Hauptschulen erhalten geblieben sind, sehen wir auch ihr Potenzial. Wir sehen auch das Potenzial von kleineren Systemen mit besonderen Vorteilen. Die Gesamtschule hat ihre Berechtigung, aber Hauptschulen können eben ein ganz anderes Umfeld bieten, familiärer, etwas größere Flexibilität. Genau das ist doch die Stärke in unserem Land, dass wir ein vielfältiges Schulsystem haben. Wir sehen an den nach wie vor bestehenden Hauptschulen doch auch schon erfolgreiche Kooperationen mit Betrieben und auch mit der Jugendhilfe. Das Landtag beweist doch: Die Hauptschulen werden weiterhin gebraucht. – Sie sind weiterhin ein wichtiger Teil unseres Schulsystems, und deswegen wollen wir sie aufwerten. Drei Punkte möchte ich heute in der Debatte hervorheben. Das ist zum einen das Thema „Langzeitpraktika“. Die wollen wir im Curriculum fest integrieren. Wir sehen Schulen, die das schon einsetzen und damit richtig tolle Erfolge haben. Man kann in den Abschlussjahrgängen schon intensiver Ausbildungsluft schnuppern, Betriebe und die Arbeitswelt besser kennenlernen, herausfinden, was einem liegt und was nicht, Praxisfeedback bekommen. Genau deswegen wollen wir, dass diese aufgewertet werden, offiziell benotet und anerkannt werden, also einen wirklichen Wert bekommen. Zweitens wollen wir, dass der Unterricht einen stärkeren praktischen Bezug bekommt, zum Beispiel durch die Einbindung von außerschulischen Lernorten, dort lebensnahe Erfahrungen sammeln, die auf die reale Berufswelt vorbereiten, und zum Beispiel auch mehr Bildungslotsen in die Hauptschulen holen, die einen Einblick in ihre Arbeit geben, auch für Ausbildungen werben und damit dann eben auch Geschmack auf Ausbildung machen. Drittens müssen aber dafür die Voraussetzungen stimmen. Deswegen fordern wir zum Beispiel auch für die Hauptschulen einen durchgängigen Ganztag, um die optimale Förderung der Schülerinnen und Schüler sicherzustellen. Nicht zuletzt werden flexible Schulbudgets und die rechtliche Sicherheit dafür den Hauptschulen helfen. Ich komme zum Schluss. Die Hauptschule hat das Potenzial, eine echte Chancenschule zu werden, und wir möchten sie genau dazu machen, nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Können und Selbstvertrauen stärken. Wir wollen daraus eine Schule machen, die attraktiv ist, eine Schule mit Charakter, keine Notlösung, sondern eine echte Alternative. Ich freue mich, wenn wir das weiter im Ausschuss miteinander diskutieren. – Ganz herzlichen Dank. (Beifall von der FDP)

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