Lisa-Kristin Kapteinat
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Stellen Sie sich bitte einen Moment lang Folgendes vor: Ein kleiner Junge geht in die zweite Klasse einer Grundschule. Er kommt morgens mit leerem Magen in die Schule. Entweder war niemand da, der ihm etwas zum Frühstück machen konnte, der Kühlschrank war schon leer oder es gab schlicht nichts, was er essen wollte – kein Frühstück, kein Pausenbrot, und das Schulessen vor Ort kostet gerne einmal bis zu 5 Euro, und zwar jeden Tag. Das ist Geld, das viele Eltern in Nordrhein-Westfalen nicht haben. Dieses Kind lernt nicht. Es verbringt die Zeit in der Schule im Schwerpunkt damit, Hunger zu haben. Vielleicht schämt es sich. Es zieht sich zurück. Szenarien wie diese passieren leider viel zu häufig in einem reichen Land wie Nordrhein-Westfalen. Das ist nicht nur zutiefst ungerecht, das ist beschämend. Erst im Juni hat IT.NRW neue Zahlen veröffentlicht: Fast jedes vierte Kind in Nordrhein-Westfalen lebt in einem einkommensarmen Haushalt. Vor zwei Jahren haben Sie als Landesregierung den Startschuss für einen Pakt gegen Kinder- und Jugendarmut gegeben. Das war eine richtig gute Idee. Was ist daraus geworden, Frau Ministerin Paul? Was ist daraus geworden, Herr Minister Laumann? Die Zahlen zeigen uns: leider nicht besonders viel. Vielleicht waren Sie in den letzten Jahren zu beschäftigt damit, nach Berlin zu zeigen. Sie haben keine substanziellen Maßnahmen auf den Weg gebracht, um gegen Kinder- und Jugendarmut in Nordrhein-Westfalen vorzugehen – (Zuruf von Gönül Eğlence [GRÜNE]) trotz großer Ankündigungen im Koalitionsvertrag. Dieses Versprechen wurde zwar geräuschlos gebrochen, aber es wurde leider gebrochen. Landtag (Beifall von der SPD) Wir möchten Sie damit nicht klammheimlich davonkommen lassen. Wir fordern ein kostenfreies Mittagessen für alle Kinder und Jugendlichen in Kitas und Schulen in Nordrhein-Westfalen. Essen ist keine Extraleistung. Essen ist ein Grundbedürfnis. (Beifall von der SPD) Es ist eine Voraussetzung für konzentriertes Lernen in der Kita und der Schule. Bildung beginnt mit einem vollen Magen. Ein kostenloses gemeinsames Mittagessen hat viele weitere Vorteile. Es fördert die soziale Interaktion und hilft Kindern dabei, Anschluss zu finden. Es ist wichtig für die Schulatmosphäre und damit für das Wohlbefinden und auch für die soziale Integration von Kindern und Jugendlichen. Ein qualitativ hochwertiges Ernährungsangebot kann außerdem einen substanziellen Beitrag zur Gesundheitsförderung leisten. Es kann langfristig Ernährungsgewohnheiten junger Menschen und ihrer Familien prägen und damit auch Dingen wie Adipositas entgegenwirken. Es gibt Studien über Modellprojekte, in denen das genau so herausgefunden wurde. Ein gesundes Mittagessen für alle Kinder und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen bedeutet echte Chancengleichheit, liebe Kolleginnen und Kollegen. (Beifall von der SPD) Die Chancen hier in Nordrhein-Westfalen auf ein solches Mittagessen sind aber leider ziemlich ungleich verteilt. Die Infrastruktur unterscheidet sich enorm. Während es an einigen Schulen gut ausgebaute Mensen und Cafeterias gibt – zum Beispiel mit einem finanzstarken Förderverein dahinter, der gerade auf die Kinder guckt, bei denen es finanziell knapp ist –, gibt es an anderen Schulen bestenfalls ein kleines Bistro. Dieses Flickwerk darf so nicht sein. Wir brauchen gleiche Bedingungen für alle Kinder und Jugendlichen hier in Nordrhein-Westfalen. Es ist Aufgabe dieser Landesregierung und dieses Landesparlaments, für gleiche Bildungschancen zu sorgen – egal, was die Eltern verdienen. (Beifall von der SPD) Das können wir schaffen, auch in Bezug auf ein kostenloses Mittagessen an Schulen und Kitas. Wir müssen aber leider sagen: Mit dem Bildungsund Teilhabepaket schaffen wir es aktuell nicht. Die Förderung ist viel zu bürokratisch und erreicht viele Familien nicht. Nicht umsonst verfallen jedes Jahr rund 40 % der Mittel. Wir schaffen es leider auch nicht mit dem Härtefallfonds „Alle Kinder essen mit“. Das ist nicht genug. In Nordrhein-Westfalen zahlen viele Eltern aktuell 4 bis 5 Euro täglich für ein Schulessen. Das sind im Monat mehr als 100 Euro pro Kind. Das ist einfach 10.07.2025 zu viel. Kostenloses Schulessen ist kein Luxus, sondern bedeutet Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit für uns alle. Deshalb frage ich Sie zum Abschluss, verehrte Kolleginnen und Kollegen: Wie viel ist Ihnen ein voller Teller wert? – Ich bitte um Unterstützung für unseren Antrag und bedanke mich herzlich. (Beifall von der SPD)
