Susanne Schneider
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Frauenherzen schlagen anders als Männerherzen. Das meine ich jetzt auch nicht romantisch. Die Wissenschaft hat das inzwischen herausgefunden. Ich hatte zu diesem Thema auch eine Kleine Anfrage gestellt, in deren Beantwortung das noch einmal bestätigt wurde. Wir frotzeln immer wieder darüber, dass Frauen eine schwere Erkältung einfach durchziehen, während die Herren meistens an der sogenannten tödlichen Män-22.05.2025 nergrippe erkranken. Allein daran sehen wir, dass es Unterschiede gibt, die wir uns auch ein bisschen genauer anschauen wollen. Schon bei der Vorsorge ticken Frauen völlig anders als Männer. Sie nehmen beispielsweise viel häufiger an Früherkennungsuntersuchungen teil. Männer gehen meistens erst dann zum Arzt, wenn es wirklich wehtut oder sie gar nicht mehr weiterwissen. Gerade im Hinblick auf die geforderte Stärkung der geschlechtersensiblen Medizin in NRW stellt sich deshalb die Frage, inwiefern Prävention und Gesundheitsförderung heute geschlechtergerecht im Sinne von passgenau und wirksam gestaltet sind. Es gibt daher genug Anknüpfungspunkte, die bei dieser Thematik aufgegriffen werden können. Der Antrag der Regierungskoalition kommt auf den ersten Blick auch recht gefällig herüber. Er betont die Notwendigkeit eines inklusiven und gerechten Gesundheitssystems, das die spezifischen Bedürfnisse aller Geschlechter berücksichtigt. Schaut man hingegen genauer hin, findet man ziemlich viel Oberflächlichkeit. Aspekte wie bessere Datengrundlagen, Studienbeteiligungen oder geschlechterspezifische Krankheitsverläufe werden nur kurz angesprochen und ohne systematische Strategie behandelt. Gerade bei der Verbesserung der Grundlagenforschung oder einer besseren Verankerung von geschlechtersensiblen Ansätzen in der Aus-, Fort- und Weiterbildung bleibt der Antrag vage und unkonkret. Ein Bereich des Antrags hat mich aber besonders irritiert: die Einbeziehung von Geburtshilfe und Schwangerschaftsabbrüchen in den Themenkomplex der geschlechtersensiblen Medizin. Da werden zwei völlig unterschiedliche Politikfelder vermischt. Geschlechtersensible Medizin betrifft eine qualitativ und quantitativ gerechte medizinische Versorgung aller Geschlechter auf Basis biologischer und sozialer Unterschiede. (Beifall von Angela Freimuth [FDP]) Schwangerschaft, Geburt und Schwangerschaftsabbruch sind Fragen von körperlicher Selbstbestimmung, reproduktiven Rechten und Versorgungsstrukturen, welche als eigenständige Herausforderungen bearbeitet werden müssen. Eine Vermischung beider Themen birgt die Gefahr, dass ein völlig falscher Zungenschlag hineinkommt. Frauen dürfen auch nicht auf ihre Reproduktionsfähigkeit reduziert werden; dagegen wehre ich mich vehement. (Beifall von der FDP) Dadurch konterkariert dieser Antrag auch den Anspruch auf eine geschlechtersensible Medizin, Frauen Landtag eben nicht nur auf ihre Rolle als Mütter oder potenziell Gebärdende zu beschränken. Geschlechtersensible Gesundheitsversorgung ist auch mehr als nur Frauengesundheit. Frauen sind anders, Männer aber auch. Wer „Frauengesundheit“ sagt, muss auch „Männergesundheit“ sagen. Gesundheitsfördernde Maßnahmen müssen ebenso daraufhin überprüft werden, wie Jungen und Männer besser für Vorsorge und Prävention erreicht werden können. Wenn dabei Fortschritte erzielt werden, erhöht sich vielleicht auch die Lebenserwartung von Männern. Weil ich gerade bei Perspektivenvielfalt bin: In diesem Antrag finden weder inter- und transgeschlechtliche noch nichtbinäre Personen Berücksichtigung. Diese Personengruppe hat es lediglich in die Fußnote geschafft – mit dem Hinweis, dass man sich um eine bessere Datenlage zur Gesundheit bemühen wolle. Dabei zeigen Forschungsergebnisse bereits jetzt signifikante Unterschiede in der Wahrscheinlichkeit von physischen und psychischen Erkrankungen zwischen Gruppen unterschiedlicher sexueller Identität. Hinzu kommen Diskriminierungserfahrungen, die sich negativ auf die Gesundheit auswirken können. Wir müssen bei diesem Thema noch viel anpacken. Ich bin gespannt, wie ernst es den regierungstragenden Fraktionen damit ist. Frau Kapteinat hat schon darauf hingewiesen, dass der Antrag zum Klimakterium, zu den Wechseljahren, abgelehnt wurde. Ich hatte einen Antrag zum Thema Lipödem gestellt, von welchem überwiegend Frauen betroffen sind. Dieser Antrag wurde ebenfalls abgelehnt. In dem hier vorliegenden Antrag lese ich viele Absichtserklärungen und „man müsste, sollte, könnte prüfen“. Ich würde mich freuen, wenn wir für die Geschlechtergesundheit in Nordrhein-Westfalen tatsächlich mehr erreichen, und freue mich auf die Diskussion im Ausschuss. – Vielen Dank. (Beifall von der FDP)
