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Dilek Engin

SPD 30.01.2025 Sitzungen 18/87

Vielen Dank. – Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Grunwald, Sie haben unseren Antrag nicht verstanden. Ich versuche, es Ihnen jetzt noch mal zu erklären. Die Bildungsforscherin Frau Professor Dr. Tracy von der Universität Mannheim sagt: Mehrsprachigkeit ist in einer globalisierten Welt eine bedeutende Ressource. Weiter sagt sie: Mehrsprachigkeit ist, weltweit betrachtet, der Normalfall und ein individueller Glücksfall. Dass Mehrsprachigkeit ganz normal ist, sehen wir auch an unseren Schulen, denn 43 % der Schülerinnen und Schüler haben eine internationale Familiengeschichte. An Hauptschulen sind es sogar 60 %. In Deutschland wird mittlerweile – so konnten wir es gerade heraushören und werden es wahrscheinlich auch gleich hören – die Mehrsprachigkeit nur dann als Prestige und förderungswert angesehen, wenn die Kinder aus einer englischen oder französischen Familie stammen. Wenn die Kinder aus einer türkischen oder arabischen Familie stammen, dann tun einige sogar so, als sei dies ein Hindernis. So behauptet zum Beispiel Friedrich Merz im Deutschlandfunk, dass Mehrsprachigkeit schuld an den schlechten PISA-Ergebnissen sei; dass man Mehrsprachigkeit unterbinden müsse, um Bildungserfolge zu schaffen. Liebe CDU und lieber Herr Grunwald – Sie hören zwar gerade nicht zu –, (Jonathan Grunwald [CDU]: Ich höre zu!) Sie und Ihr Parteichef widersprechen aber allen Erkenntnissen der Wissenschaft, sei es in der Pädagogik, sei es in der Sozialforschung oder auch in der Sprachforschung. Frau Professor Tracy und viele andere Forscherinnen haben nachgewiesen: Wenn Kinder in ihren Erstsprachen alphabetisiert werden, dann können sie dieses Sprachbewusstsein auch auf andere Sprachen übertragen. Das bedeutet: Wenn wir Mehrsprachigkeit fördern, fördern wir auch die Deutschkenntnisse an unseren Schulen. Und dann werden wir auch bei den PISA-Studien besser. (Dr. Christian Blex [AfD]: So ein Unfug!) Die Förderung der Mehrsprachigkeit erhöht die Lernmotivation und die Konzentration, stärkt die Identität und verbessert das soziale Klima. Diese Erkenntnisse haben uns auch die Expertinnen und Experten – zum Beispiel der Landesintegrationsrat – in der Anhörung bestätigt. Liebe CDU und Grüne, Sie können also nicht behaupten, dass eine Förderung der Mehrsprachigkeit sich nicht auszahlen würde. Landtag Aber was müssen wir jetzt dafür tun? Das Gute ist – da widerspreche ich Ihnen, Herr Grunwald –: Wir haben in NRW bereits viele wichtige Grundsteine gelegt. Jetzt müssen wir diese Grundsteine mit einem ganzheitlichen Konzept unter ein Dach bekommen und Mehrsprachigkeit zu einer wichtigen Ressource machen. Das Fundament ist der Herkunftssprachliche Unterricht. Ja, den gibt es verstreut in NRW, zum Beispiel in Polnisch, Schwedisch oder auch Türkisch. Doch viele Kinder nehmen gar nicht erst am HSU teil. Oft findet er spät am Nachmittag statt, sogar in einer fremden Schule, ist unbenotet und hat nichts mit dem Regelunterricht zu tun. Das müssen wir ändern. Der HSU soll ein Bestandteil des Regelunterrichts werden. Hätten wir ein Ausführungsgesetz dazu, wäre auch der Offene Ganztag, für welchen 2026 der Rechtsanspruch eintritt, eine Möglichkeit, HSU zu etablieren. Die Bezirksregierung in Köln hat es mit dem KOALA-Projekt vorgemacht. Sie hat gezeigt, dass HSU und Regellehrkräfte gut zusammenarbeiten und gemeinsam in Teams unterrichten können. Das Konzept ist evaluiert worden und kann flächendeckend eingesetzt werden, auch bis in die Sek. II hinein. Wir könnten damit HSU-Lehrkräfte auch für andere Schulfächer befähigen. Dazu müssen wir bessere Weiterbildungen anbieten und die Besoldung der HSU-Lehrkräfte erhöhen. Die Lehrkräfte stehen bereit, sie warten. Außerdem müssen Schulfächer von Herkunftssprachen als versetzungsrelevante Fächer angeboten werden. Und dafür brauchen wir auch mehr bilinguale Schulangebote und nicht nur in Englisch oder Französisch. So können nämlich die Schülerinnen und Schüler das Potenzial ihrer Herkunftssprache bis ins Abitur hinein als ihre Stärke entwickeln und später damit arbeiten. Das Stichwort hier lautet: globalisierte Welt. Ein weiterer Baustein ist die Lehrkräfteausbildung. Wir müssen neue Lehramtsstudiengänge für diese Schulfächer fördern und dabei Hochschulen einbinden. Und damit gewinnen wir auch Lehrkräfte für unser Schulsystem, die wir sonst vielleicht nicht gewinnen könnten. Wir sehen also, Mehrsprachigkeit neu zu denken, heißt nicht, alles neu zu machen. Es heißt, Mehrsprachigkeit als Potenzial anzuerkennen und vorhandene Ressourcen zusammenzubringen. Denn Mehrsprachigkeit ist ein individueller Glücksfall. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass alle mehrsprachigen Schülerinnen und Schüler auch von ihrem Glück profitieren dürfen. Dafür brauchen wir diesen Antrag. Ich hoffe, dass Sie heute noch zustimmen werden. Und wenn Sie dann noch Ergänzungen zu diesem Antrag haben, dann 30.01.2025 können wir das berücksichtigen. Sie hatten allerdings genug Zeit, dass wir das besprechen können. Sie haben bis heute keine Vorschläge gemacht. Meine Hoffnung liegt auf den Grünen, dass Sie, weil Sie in Ihrem Wahlprogramm immer wieder zum Ausdruck gebracht haben, dass Mehrsprachigkeit sehr wichtig ist, heute diesem Antrag zustimmen. – Vielen Dank. (Beifall von der SPD)

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