Lisa-Kristin Kapteinat
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Zunächst danke ich Ihnen herzlich, dass es mit Ausnahme einer Fraktion durchaus möglich ist, zu diesem sehr wichtigen Thema konstruktiv und kritisch in den demokratischen Diskurs zu gehen. Das beruhigt mich seit gestern wieder ein wenig. (Beifall von der SPD und Bianca Winkelmann [CDU]) Liebe Frau Kollegin Winkelmann, liebe Frau Kollegin Woestmann, liebe Frau Ministerin Feller, wir stellen nicht infrage, dass es Maßnahmen bzw. Programme gibt und dass man versucht, an Schulen etwas für die Kindergesundheit und die Gesundheit von Jugendlichen zu tun. Niemand von Ihnen kann nach dem Bericht, über den wir heute sprechen und mit dem wir uns alle beschäftigt haben, aber infrage stellen, dass das eben nicht ausreicht und – die Kollegin Engin hat die, wie ich finde, wirklich bedrückende Zahl genannt – dass die derzeitige Situation sowie alle bestehenden Programme immer noch dazu führen, dass 400.000 Kinder morgens hungrig in die Schule gehen. Das darf nicht unser Ansatz sein. (Beifall von der SPD) Landtag Ja, das alles kostet Geld, Frau Ministerin Feller. Das ist uns völlig klar. Ja, wir befinden uns in einer Wirtschaftskrise – auch darüber haben wir viel gesprochen –, aber wir leben in einem immer noch sehr reichen Land. 1,9 Millionen Euro im Haushalt von Nordrhein-Westfalen … (Dorothee Feller, Ministerin für Schule und Bil- dung und Dilek Engin [SPD]: Milliarden!) – 1,9 Milliarden Euro sind viel Geld, aber das ist in einem Haushaltsplan von Nordrhein-Westfalen vertretbar. Man muss sich nur vor Augen führen, wofür wir sonst Geld ausgeben und dass es in diesem Fall um Geld für unsere Jüngsten geht. Da investieren wir, damit in der Schule nicht der Bauch knurrt, sondern der Kopf sich konzentrieren kann. (Beifall von der SPD) Beim Thema „Gesundheit“ haben wir Erwachsenen einen recht großen Gestaltungsspielraum. In zwei Tagen beginnt der Februar. Wahrscheinlich wird sich der eine oder andere Anwesende in diesem Raum freuen, den Dry January beenden oder mal wieder in einen Schokoriegel beißen zu können. Das ist ein Beispiel dafür, wie wir als Erwachsene unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit mit kleinen Entscheidungen beeinflussen können. Es ist auch ein Beispiel dafür, welche Bedeutung den Themen „Gesundheit“ und „Healthy Lifestyle“ in unserer Gesellschaft beigemessen wird. Dieser Trend wird zu einem großen Teil von den sozialen Medien befördert, und das ist erst mal nichts Schlechtes. Die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen unterliegt aber anderen Voraussetzungen. Sie sind nun mal keine Erwachsenen. Kinder und Jugendliche haben nur bedingten Einfluss auf ihre Ernährung und ihren Lebensstil. Vieles wird von den Eltern vorgegeben und vorgelebt. Wenn das Kind nach Schulschluss nicht mehr in der Einrichtung bleibt, aber auch niemand zu Hause ist, der ein gesundes Mittagessen kocht oder neben der Arbeit ausreichend Zeit hat, für die Kinder vorzukochen, dann wird häufig zu den ungesünderen Alternativen gegriffen. Wichtig ist auch: In den Social Media kursieren nicht nur Fakten. Neben der Schwierigkeit, die umfangreiche Datenlage zu filtern, wird in den sozialen Medien leider auch richtig viel Müll promotet. Diesem Chaos aus nützlichen Hinweisen und Tipps auf der einen sowie Profitgier und Desinformation auf der anderen Seite sind unsere Kinder und Jugendlichen verstärkt ausgesetzt. Klammer auf: Auch wir Erwachsenen sind davor natürlich nicht gefeit. Wir müssen aus diesen Rahmenbedingungen aber die richtigen Schlüsse ziehen. Die Stiftung Kindergesundheit zielt in ihrem Bericht auf eine zentrale Stellschraube ab, nämlich die Schule. Das ist nichts, was wir uns ausgedacht 30.01.2025 haben. Ich möchte noch mal betonen: Die Schule ist ein zentraler Lebensraum, in dem wir Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Altersklassen, Einkommenssituationen und Lebensstilen erreichen. Kinder und Jugendliche verbringen dort einen großen Teil ihres Lebens. Bildung und Gesundheit sind eng miteinander verbunden. In der Schule besteht die einmalige Chance, Kindern wichtige Grundlagen der gesunden Lebensführung zu vermitteln. Das ist von besonderer Bedeutung für diejenigen, die zu Hause in diesem Bereich wenig mit auf den Weg bekommen, ob es in Form von Broten oder von Wissen ist. Wir wissen, dass unsere Lehrkräfte schon wahnsinnig viel zu tun haben und es Aufgabe der Eltern ist, die Grundlagen einer gesunden Lebensweise zu vermitteln. Mit der entsprechenden Unterstützung können aber wir alle – Kinder, Eltern und die Gesellschaft – von einer guten Gesundheitsbildung in den Schulen profitieren. Den Vorschlag der Stiftung Kindergesundheit, das Lehrpersonal an Schulen mit Gesundheitsfachkräften zu unterstützen, finde ich wirklich hervorragend. Wir entlasten damit die Lehrerinnen und Lehrer und schaffen gleichzeitig die Möglichkeit, den Lebensraum Schule für die Ausbildung von Gesundheitskompetenz zu nutzen. Frau Ministerin, Sie sagten gerade: Wir haben ohnehin Fachkräftemangel. Woher sollen wir die noch holen? – Lassen Sie uns doch erst mal anfangen. Lassen Sie es uns erst mal aufzeigen. (Beifall von der SPD) Wir als Politik können nicht sagen: Die Lage ist schwierig, also legen wir die Hände in den Schoß. – Wir müssen uns überlegen, erst mal anzufangen. Wir müssen Wege aufzeigen. Wir müssen sagen, wohin wir wollen, und dann Schritt für Schritt gehen. Niemand von uns erwartet, dass es übermorgen oder in einem halben Jahr geregelt ist. Aber wir müssen zeigen, dass das unsere Prioritäten sind. (Beifall von der SPD) Ganz nebenbei entlasten wir auch die Eltern, wenn wir ein gesundes, kostenloses Mittagessen in den Schulen anbieten. Die Sorge und den Druck insbesondere berufstätiger Eltern, neben der Arbeit für eine gesunde Ernährung der Kinder sorgen zu müssen, könnten wir zumindest hinsichtlich des Mittagessens lindern. Viel zu oft wird vergessen – es ist vorhin schon angesprochen worden –, dass die Lebensrealität in vielen Haushalten nicht mehr derjenigen der 80er- oder 90er-Jahre entspricht, als in der Regel ein Elternteil, wahrscheinlich die Mutter, zu Hause blieb und sich ausschließlich um die Versorgung der Familie kümmerte – der Emanzipation sei Dank, aber auch, weil Landtag sich nur noch sehr wenige Familien das Einverdienermodell leisten können. Laut Kindergesundheitsbericht leiden 20 % der Schülerinnen und Schüler an einer seelischen Erkrankung, die behandlungsbedürftig ist. Über die seelische Gesundheit reden wir immer noch zu wenig, und vor allem tun wir zu wenig dagegen. Eine Studie der Robert Bosch Stiftung zeigt, dass die seelische Gesundheit und das Wohlbefinden immer noch weit unter dem Niveau vor Corona liegen. Wir haben im Januar 2023 einen Masterplan Kindergesundheit eingefordert und dieses Thema zur Debatte in den Landtag eingebracht. Wir fordern Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, mit diesem Antrag erneut dazu auf, sich mit dem Themenkomplex „Kindergesundheit“ zu beschäftigen. – Herzlichen Dank. (Beifall von der SPD)
