Dilek Engin
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir haben nun schon lange darüber gesprochen, was passiert, wenn es jungen Menschen nicht gut geht: Krankheit, Leistungsdruck, aber auch Gewalt und Konflikte. Jetzt müssen wir darüber sprechen, wie wir die tiefliegenden Ursachen bekämpfen können. Dazu brauchen wir einen neuen Leitsatz für unsere Schulpolitik. Er lautet: Die Gesundheit und das Wohlbefinden an Schulen müssen die höchste Priorität haben. Schulen sind mehr als nur Lernorte. Sie sind zentrale Lebensorte. Das haben wir heute schon mehrfach gehört. Gerade deshalb haben Schulen die Chance, die körperliche Gesundheit, das seelische Wohlbefinden und die soziale Integration zu fördern. Dass wir dort strukturelle Probleme haben, zeigt uns auch die Stiftung Kindergesundheit in ihrem neuen Kindergesundheitsbericht. Sie zeigt uns, dass vorhandene Potenziale nicht ausreichend genutzt werden. In NRW herrschen eine chronische Unterfinanzierung des Schulsystems, mangelnde Personalsteuerung und ein fehlendes Personalmanagement. Schaut man sich die Studie genauer an, dann sieht man, dass 15 % der Schülerinnen und Schüler von Übergewicht betroffen sind, (Dr. Christian Blex [AfD]: Es werden immer mehr!) und fast genauso viele sind Opfer von Mobbing und Cybermobbing, nämlich 14 %. Eine besonders alarmierende Zahl ist, dass jedes fünfte Schulkind eine ernste, behandlungsbedürftige seelische Erkrankung hat. Rechnet man das auf eine durchschnittliche NRW-Schulklasse runter, dann haben allein in dieser Klasse vier Kinder Übergewicht, vier Kinder Probleme mit Mobbing und ca. fünf Kinder eine seelische Erkrankung. Und am anderen Ende des Klassenzimmers steht eine Lehrkraft, die als Klassenlehrerin das alles lösen soll. Das ist nicht möglich. 30.01.2025 Die Gesundheit der Kinder darf nicht alleinige Aufgabe der Lehrkräfte sein. Sie muss eine Aufgabe des Landes Nordrhein-Westfalen sein. (Beifall von der SPD) Deswegen müssen wir ein ganzheitliches Konzept entwickeln, in dem Gesundheit die oberste Priorität hat. Und ich will eines vorwegnehmen: Sie werden gleich in Ihrer Rede bestimmt wieder auf das Programm „MindOut“ verweisen, im Rahmen dessen Schülerinnen und Schüler an Projekttagen den Umgang mit negativen Gefühlen lernen sollen. Wenn sich das Programm als wirksam herausstellt, sind solche Ansätze nicht verkehrt. Ich verweise noch mal auf die Grundschule in Wuppertal, die das schon seit zehn Jahren macht, und das nicht nur an einem Projekttag. Denn ein Projekttag reicht für die fünf Schülerinnen und Schüler in der Klasse mit einer seelischen Erkrankung natürlich nicht aus. Frau Feller, ich will Ihnen sagen, was helfen würde: Es wäre hilfreich gewesen, wenn Sie im Haushalt zumindest eine einzige neue Stelle für die Schulpsychologie geschaffen hätten. Aber schon wieder gibt es in diesem Jahr keinen einzigen neuen Schulpsychologen in ganz NRW. Damit zeigen Sie Ihre Prioritätensetzung. Wir als SPD setzen andere Prioritäten. Deshalb müssen wir als ersten Schritt dringend in die Schulpsychologie investieren, das heißt mehr Stellen und mehr Zusammenarbeit mit Jugendämtern und Jugendpsychotherapeutinnen. (Beifall von der SPD) Die Landesregierung muss Bedarfspläne für Psychotherapieplätze erheben und aufzeigen, wie viele Plätze wir für Kinder und Jugendliche denn benötigen. Dazu müssen wir Bewegung und Sport an den Schulen fördern. Hier haben Sie als Landesregierung die Aufgabe, die Kommunen so zu entlasten, dass Sporthallen und Schwimmbäder saniert und gebaut werden. Der nächste Schritt ist der Aufbau von multiprofessionellen Teams an Schulen. Ich werde nicht müde, das immer wieder zu sagen: Wir brauchen mehr Lehrkräfte, mehr Schulpsychologinnen und Schulpsychologen, aber auch Ergo- und Physiotherapeuten und Logopädinnen. Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter können ein echtes Gesundheitsnetz an unseren Schulen bilden. Aber wir machen jetzt den Vorschlag besser. Lassen Sie uns Gesundheitsfachkräfte an Schulen einführen. Gesundheitsfachkräfte können dieses Gesundheitsnetz verwalten und weiterentwickeln. Sie kümmern sich auf der einen Seite um die Gesundheit der Schülerschaft, auf der anderen Seite um das Schulpersonal und die Lehrkräfte. Das führt zu einer enormen Entlastung. Landtag Wir brauchen auch eine gesunde Ernährung für Kinder und Jugendliche. Dem Bericht können wir entnehmen, dass Ernährung und Übergewicht mit der sozialen Herkunft zusammenhängen. Diese Teufelsspirale können wir mit einem gesunden und kostenlosen Mittagessen für alle Schülerinnen und Schüler sofort durchbrechen. Studien belegen, dass in NRW jedes fünfte Schulkind hungrig zur Schule geht. Das sind 400.000 junge Menschen, die keine Mahlzeit vor oder während der Schule zu sich nehmen. Dass diese krank werden und ihre Leistung nicht abrufen können, dürfen wir nicht länger zulassen. Doch die CDU hat daran gar kein Interesse. Getreu dem Motto „Dann sollen sie doch Kuchen essen“ wurde unser Haushaltsantrag für ein Mittagessen im letzten Haushalt schon wieder abgelehnt. Den Grünen war das im eigenen Wahlprogramm noch heilig. Und jetzt? Na ja, im Dezember waren sie uns keine Hilfe und haben uns nicht unterstützt. Daher sagen wir heute, liebe Landesregierung, liebe Frau Feller: Für die 400.000 Kinder in NRW, die kein warmes Mittagessen bekommen, sind Sie alle im Plenarsaal mit verantwortlich. Sie können aber gerne diesen Missstand beenden. Sie können mehr für das Kindeswohl in NRW sorgen. Denn die Gesundheit unserer Kinder darf nicht an ideologischen Sparplänen scheitern, liebe Kolleginnen und Kollegen. Die Gesundheit muss an erster Stelle stehen. Dazu gehört das gesunde und kostenlose Mittagessen für alle, genauso wie ein Gesundheitsnetz mit multiprofessionellen Teams an Schulen. (Beifall von der SPD) Auch jetzt sage ich, wie ich das schon zuvor in meiner Rede gesagt habe: Wir müssen deshalb im Schulausschuss über ein ganzheitliches Konzept zur Stärkung der Kindergesundheit sprechen. Wir als SPD-Fraktion stehen Ihnen zur Verfügung. – Vielen Dank. (Beifall von der SPD)
