Bianca Winkelmann
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Was einige als Erfolg für den Artenschutz ansehen, ist für andere die reinste Katastrophe, die jeden Tag schlimmer werden kann. Es geht auch hier bei uns im Plenum einmal mehr um die Wiederansiedlung des Wolfes. Nach über 180 Jahren ist das größte Landraubtier Deutschlands, Canis lupus, in unserer Landschaft wieder heimisch geworden. Auch wenn wir in Nordrhein-Westfalen noch nicht eine so große Wolfspopulation haben wie beispielsweise Niedersachsen oder die Bundesländer im Osten, sind die Konflikte und Schäden mittlerweile auch in unserem dicht besiedelten Bundesland nicht mehr zu übersehen. Auf der Internetseite wolf.nrw ist dokumentiert, wann und wo Angriffe auf Nutztiere erfolgt sind und – sobald die Ergebnisse der genetischen Untersuchungen vorliegen – welcher Wolf für den Riss verantwortlich war. Wurden anfangs immer noch die genauen Stückzahlen getöteter, verletzter und später euthanasierter Tiere aufgeführt, findet man immer häufiger nur noch den Hinweis „Nutztierriss“. Die genaue Zahl und Art der getöteten Weidetiere kann man an dieser Stelle leider nicht mehr nachverfolgen. Landtag Wann und wo wie viele Wölfe von Wildkameras aufgenommen oder anderweitig gesichtet werden, wird ebenfalls auf den Tag genau dokumentiert. Ich gebe Ihnen einen kurzen Auszug. Am 27. August in Herscheid: sechs Wölfe. Am 2. September: sieben Wölfe, ebenfalls in Herscheid. Bereits am 24. Juli dieses Jahres wurden acht Wölfe in Schleiden im Kreis Euskirchen gesichtet. Die Zahl der Wölfe bei uns in Nordrhein-Westfalen steigt also kontinuierlich. Auf der anderen Seite wissen wir um den wichtigen und wertvollen Beitrag der Weidetierhaltung für ein Mehr an Biodiversität. Dort, wo noch Rinder, Mutterkühe und ihre Kälber auf den Weiden gehalten werden, gibt es Nahrung für Insekten. In den Mittelgebirgslagen kann die Landschaftspflege ohne Mutterkühe nicht funktionieren. Man kann aber an den Hängen keine wolfsicheren Zäune errichten. Das geht einfach aufgrund der Topografie nicht. Eine weitere sehr wichtige Bedeutung kommt den Schafhaltungen in unseren Mooren und auf den Deichen zu. Die kleinen Wiederkäuer sorgen für die Stabilität der Deiche. In den Moorschutz und die Renaturierung unserer Moore wird viel Energie und auch Geld investiert, aber ohne die Schafe kann die Landschaft nicht offengehalten werden, und alle Maßnahmen und Aktionen würden ad absurdum geführt werden. Gerade die kleinen Wollproduzenten stehen auf der Speisekarte des größten Beutegreifers, der außer dem Straßenverkehr keinen natürlichen Feind hat, ganz oben. Auch immer mehr Milchvieh haltende Betriebe, die eigentlich am Weidemilchprogramm ihrer Molkereien teilnehmen möchten, um die beliebte Weidemilch aus Freilandhaltung zu produzieren, lassen ihre Tiere aus Angst vor einem Wolfsangriff nicht mehr aus dem Stall, obwohl die Weidetierhaltung die natürlichste Form der Tierhaltung überhaupt ist. Diese müssen wir unbedingt erhalten. Was aber seit einiger Zeit auf den Weiden in Nordrhein-Westfalen geschieht, hat mit Tierschutz nichts mehr zu tun. (Beifall von der CDU) Das Internet ist mittlerweile voll mit den furchtbarsten Bildern und Videos von ausgeweideten, angefressenen Tieren, teilweise noch lebend mit aufgerissenen Bauchdecken. Wir müssen uns fragen, wie viel Tierleid wir auf den Weiden in Nordrhein-Westfalen noch zulassen wollen. Machen wir uns ehrlich: Der Wolf ist in unsere Kulturlandschaft zurückgekehrt, und er wird nicht wieder verschwinden. Deshalb sind wir gefragt, zu handeln, um die Konflikte, die im Zusammenhang mit der Weidetierhaltung entstehen, nicht noch weiter zu verschärfen. Uns ist wichtig, die bereits bestehenden Herdenschutzmaßnahmen, die vom Land finanziell gefördert 14.11.2024 werden, noch weiter auszudehnen und beispielsweise Rissentschädigungen auf weitere Tierarten auszuweiten. Galt der Wolf in der Berner Konvention bislang als streng geschützte Art, gibt es nun auf EU-Ebene den Ansatz, den Status auf „geschützt“ herabzustufen. Ist dies geschehen, muss eine Herabstufung des Schutzstatus des Wolfes in der FFH-Richtlinie erfolgen. Dann liegt der Ball direkt im Spielfeld des Bundesumweltministeriums, welches diese Änderung dann in das Bundesnaturschutzgesetz einpflegen muss. Das ist eine ganz wichtige Aufgabe für die nächste Bundesregierung. Ebenfalls auf Bundesebene muss sichergestellt werden, dass bereits jetzt alle europarechtlich zur Verfügung stehenden Möglichkeiten des Wolfmanagements übernommen werden, damit ein Abschuss von Wölfen, die mehrfach den vorgeschriebenen Herdenschutz überwunden haben, rechtssicher möglich ist. In der letzten Sitzung des Ausschusses für Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz haben die Fraktionen der FDP und der SPD bereits einen Antrag auf eine Anhörung gestellt, und das ist auch gut so. Ich danke dafür. Wir sollten gemeinsam diese Anhörung nutzen, um anschließend das weitere Vorgehen zu beraten. Ich bin überzeugt: Nur wenn wir die Regeln konkretisieren, vereinfachen und verschärfen, wird ein dauerhaftes Zusammenleben zwischen den Weidetieren und dem Wolf in Nordrhein-Westfalen möglich sein. Das sollte nach wie vor unser erklärtes Ziel bleiben. – Danke schön. (Beifall von der CDU)
