Zacharias Schalley
Frau Präsidentin! Werte Damen und Herren! „Alsdann fahr’n ma jung und fesch zum Heurigen hinaus“, dichtete der österreichische Komponist Robert Stolz in seiner Operette „Reise um die Erde in 80 Minuten“ aus dem Jahre 1937. Diese Textzeile zeigt die Beliebtheit der Heurigen, Buschenschenken, Besen- oder Straußwirtschaften und auch, welchen beinahe institutionellen Status sie in einigen Ländern besitzen. Hier bei uns in Nordrhein-Westfalen gibt es diese Tradition nur in einigen Landstrichen an der Grenze zu Rheinland-Pfalz und Hessen. Erst seit 2012 besteht, übrigens auf private Initiative einiger Obstbaumwiesenbewirtschafter, in Nordrhein-Westfalen die rechtliche Möglichkeit zum Betrieb einer Straußwirtschaft für Wein- und Obstbauern. Die Anbaufläche für Wein in NRW ist mit etwa 40 ha sehr klein. Auch Obstanbaubetriebe kommen nur auf 10.10.2024 eine Gesamtfläche von 2.700 ha. Zum Vergleich: Freilandgemüse wird in NRW auf fast 29.000 ha angebaut, davon 4.000 ha allein für Spargel. Es zeigt sich, dass die ungenutzten Potenziale für Straußwirtschaften vor allem bei landwirtschaftlichen Betrieben liegen, die weder Most noch Wein produzieren. Auch wenn immer viel von Hofläden und Direktvermarktung gesprochen wird, muss man einmal festhalten, dass es nur wenige landwirtschaftliche Erzeugnisse gibt, die ohne größere Verarbeitungsschritte dort verkauft werden können, zum Beispiel Eier, Gemüse, Obst und in gewisser Weise auch Milch. Bauern, die hauptsächlich Getreide anbauen oder Vieh mästen, haben also keine Möglichkeit, einen attraktiven und rentablen Hofladen zu eröffnen, weil kein Direktverbraucher ein Ferkel oder einen Scheffel Weizen kauft. Wenn der Schweinemäster jedoch saisonal die Erlaubnis erhält, eine Kurzzeitgastronomie wie eine Straußwirtschaft zu eröffnen, und dort Schweinebraten anbietet, wenn der Gemüsebauer sein eigenes Gemüse im Rahmen eines richtigen Menüs anbieten darf, dann birgt dies ungeahnte Potenziale und hat schon etwas von Erlebnisgastronomie. Die Verbraucher haben direkten Einblick in die Bewirtschaftung des Hofes und die Produktion ihrer Lebensmittel. Morgens ist der Bauer noch auf dem Feld oder im Stall, und am Abend serviert er Speisen und Getränke. Einen direkteren Austausch zwischen Verbraucher und Produzent kann man sich schwerlich vorstellen. Insbesondere durch die saisonale und regionale Natur dieser Vertriebsform ist eine hohe Umweltverträglichkeit gesichert, wodurch zusätzlich die bäuerliche Kultur erhalten und gefördert wird. Dass die heimische Landwirtschaft dringend gefördert werden muss, ist angesichts des bestehenden Strukturwandels und des nach wie vor anhaltenden Höfesterbens dringend geboten. Mit der Erweiterung des Rechts auf Betreiben einer Straußwirtschaft können alle Landwirte neue Einkommensmöglichkeiten erschließen und sich so ein zusätzliches Standbein aufbauen. Diese Form der Direktvermarktung ist nicht nur für Wein- und Mostbauern interessant, sondern kann jedem Landwirt die Möglichkeit geben, seine Erzeugnisse direkt zu verkaufen. Eine temporäre Gaststätte auf einem landwirtschaftlichen Betrieb kann als zusätzliches Standbein dessen langfristiges Bestehen sichern. Dabei ist es gleichgültig, ob der Betrieb nach ökologischen oder konventionellen Grundsätzen geführt wird. Hier gibt es keine Landwirtschaft zweiter Klasse. Entscheidend sind die Saisonalität und die Regionalität. Auch ortsansässige Verarbeitungs- und Veredelungsbetriebe wie Metzgereien, Bäckereien und Käsereien, welche die vor Ort produzierten Produkte nach Landtag der regionalen Tradition und mit kurzen Lieferketten weiterverarbeiten, werden stark profitieren. Vielen Verbrauchern wurde angesichts der Coronakrise klar, wie wichtig die Stärkung regionaler Anbieter ist, um auch in Krisenzeiten die Verfügbarkeit bestimmter Lebensmittel sicherzustellen. Denn der während Corona oder durch die Blockade des Suezkanals gestörte internationale Warenverkehr hat die Verwundbarkeit globaler Lieferketten gezeigt und den Menschen ins Gedächtnis gerufen, wie wichtig ein hoher Selbstversorgungsgrad ist. Die Verbraucher haben erkannt, dass kleinräumige und damit auch umweltverträgliche Wirtschaftskreisläufe systemrelevant sind, und wollen diese bewusst stärken. Dieser Trend ist nicht neu. Bereits seit mehreren Jahren steigt die Tendenz der Verbraucher, bewusst Lebensmittel aus regionaler Produktion zu kaufen. Ja, sie bevorzugen sogar die regional produzierten gegenüber Bioprodukten. Es scheint, als habe die Globalisierung der Märkte gegenteilige Effekte zur Folge. Die ständige Verfügbarkeit exotischer Produkte aus der Ferne hat den Reiz des Neuen verloren. Beständigkeit und Übersicht treten nach vorn. Eine urige Straußwirtschaft auf einem alteingesessenen Bauernhof weckt die alte Sehnsucht nach Heimat, die in dem am Anfang erwähnten Lied von Robert Stolz mitschwingt. Lassen Sie uns der Landwirtschaft zu einem zusätzlichen Standbein verhelfen und ungenutzte Potenziale entfesseln. Wir freuen uns auf die Diskussion im Ausschuss. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD)
