Dr. Martin Vincentz
Vielen Dank. – Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Es ist schon erstaunlich, dass wir im Jahr 2024 immer noch über grundlegende Dinge wie die zahnmedizinische Versorgung in Nordrhein-Westfalen debattieren müssen. Dabei wird doch stets betont, wie weit entwickelt unser Gesundheitssystem ist. Doch diesen Zahn muss ich Ihnen leider ziehen. Ein Blick auf die Realität zeigt mittlerweile ein gänzlich anderes Bild. Überlastete Zahnärzte, unterversorgte ländliche Regionen und eine Abwanderung junger Absolventen – das ist die traurige Realität. Das System hat so viele Löcher, da hilft kein Bleaching. Hier brauchen wir eine Wurzelbehandlung. Rund 9.000 Vertragsärzte versorgen die 18 Millionen Menschen in Nordrhein-Westfalen. Das klingt erst einmal abstrakt, aber wenn wir genau hinschauen und nachrechnen, stellen wir fest: Die Quote liegt in vielen Gebieten deutlich über dem empfohlenen Verhältnis von 1.280 bzw. 1.680 Einwohnern pro Zahnarzt. Die Folge: Sagenhafte 74,4 % der Zahnärzte fühlen sich laut einer Umfrage der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung ausgebrannt. Das ist nicht nur eine persönliche Tragödie für jeden Einzelnen, sondern hat massive Auswirkungen auf die Qualität und natürlich auch auf die Quantität der Versorgung, insbesondere in den ländlichen Regionen. Nun mag sich manch einer von Ihnen denken: Das liegt doch in der Natur der Sache. – Aber ist es wirklich hinnehmbar, dass wir hier einfach zusehen, wie sich die Versorgungslücke immer weiter vergrößert? Die Altersstruktur der Zahnärzte tut ihr Übriges. Der Zahn der Zeit – so könnte man sagen – nagt zusätzlich an der Versorgung. Bis 2030 wird voraussichtlich jeder zweite Zahnarzt in den Ruhestand gehen. Schon jetzt wandern viele junge Absolventen außerdem lieber ins Ausland ab, weil die Bedingungen in anderen Regionen schlichtweg attraktiver sind. Und was tut die Landesregierung? Nichts als Flickschusterei, Provisorien statt tatsächlicher Füllungen. Unsere Lösung ist klar und pragmatisch: ein Landzahnarzt-Stipendium ab dem fünften Semester, um Zahnmedizinstudenten gezielt zu fördern und an die Region zu binden. Mit 800 Euro monatlich schaffen Landtag wir einen echten Anreiz, den Beruf in unterversorgten und von Unterversorgung bedrohten Regionen auszuüben. Das ist keine Fantasterei, sondern eine konkrete Maßnahme, die funktioniert, wenn man sie ernsthaft umsetzt. Das zeigt nicht zuletzt analog das Hausärzteprogramm, das hier von der Landesregierung gefördert wird. Genau so könnte man es auch bei den Zahnärzten anwenden. Damit nicht genug: Bürokratische Hürden müssen abgebaut werden. Was bringt es, wenn wir Menschen für den Beruf des Zahnarztes motivieren, sie aber dann im Praxisalltag mit einem bürokratischen Monster allein lassen? Im übertragenen Sinne hilft auch keine Zahnreinigung mehr, wenn der Bürokratiedschungel erst einmal tief genug im Zahnzwischenraum sitzt. Die Landesregierung ist hier in der Pflicht, eine Strategie zu entwickeln, um die überbordenden Anforderungen auf das notwendige Maß zu reduzieren. Auch das würde dringend benötigte Zeit in der direkten Patientenversorgung verschaffen. Nicht zuletzt müssen wir endlich dafür sorgen, dass die Digitalisierung – oder wie es hier im politischen Jargon so gerne heißt: die Telematikinfrastruktur – keine Belastung, sondern endlich eine Hilfe für die Praxen darstellt. Ein Ausfall nach dem anderen, unausgereifte Anwendungen und immense Kosten: Das ist im Moment die bittere Realität, der sich viele Zahnärzte im Alltag ausgesetzt sehen. Deshalb fordere ich Sie alle auf – Sie wollen auch morgen noch kräftig zubeißen –: Stimmen Sie unserem Antrag zu. Die zahnmedizinische Versorgung in Nordrhein-Westfalen ist kein Thema, das man auf die lange Bank schieben kann. Es ist eine Frage der Daseinsvorsorge. Die Menschen vor Ort brauchen uns, und wir haben eine direkte Verantwortung, zu handeln. Lassen Sie uns nicht weiter zusehen, wie die Zahnarztpraxen auf dem Land ausbluten. Lassen Sie uns endlich die nötigen Maßnahmen ergreifen. Aber vermutlich wird auch dieser Vorschlag wieder zerredet. Wer braucht schon einen Zahnarzt, wenn der Schmerz noch nicht stark genug ist? Man handelt erst dann, wenn man es nicht mehr aushalten kann. Au Backe! – Vielen Dank. (Beifall von der AfD)
