landtag.nrw.de ↗

Berivan Aymaz

10.10.2024 Sitzungen 18/77

Für die Landesregierung spricht nun Ministerin Paul. Josefine Paul, Ministerin für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration: Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Die Funktion und Aufgabe von Kitas ist nicht allein die Herstellung von Schulfähigkeit. Frühkindliche Bildung ist eine wichtige und eigenständige Phase der Bildungsbiografie. Hier werden die Grundlagen gelegt. Daher ist es zweifelsohne wichtig, dass die Systeme auch ineinandergreifen. Trotzdem wäre es zu kurz gesprungen, die Kitas auf einen Vorbereitungskurs für die Schule zu verkürzen. Es geht in der frühkindlichen Bildung um ein umfassendes und ganzheitliches Bildungsverständnis. Es geht um Chancengerechtigkeit und Teilhabe. Es geht um Selbstbestimmung und die individuelle Weiterentwicklung. Es geht auch um die Bereiche, die hier in der Debatte schon angesprochen wurden. Eine Fokussierung auf ein reines Schulfähigkeitsprofil greift an dieser Stelle also zu kurz. Spracherwerb spielt in der frühkindlichen Bildung eine wichtige Rolle; denn die sprachliche Kompetenz unserer Kinder ist entscheidend für ihren Bildungserfolg, aber auch und noch viel mehr für ihre gesellschaftliche Teilhabe. Deshalb haben wir die Sprach-Kitas nicht nur fortgeführt, sondern sie auch abgesichert. Wir werden sie mit der Reform des KiBiz gesetzlich absichern, damit dieses erfolgreiche Projekt, dieses erfolgreiche Modell konsequent weitergeführt und darüber hinaus weiterentwickelt werden kann; denn Sprach-Kitas und plusKITAs setzen einen besonderen Fokus bei der Sprachbildung und sind deswegen von besonderer Bedeutung. Landtag Grundsätzlich – darüber haben wir uns in der letzten Ausschusssitzung noch sehr intensiv ausgetauscht – setzen wir in Nordrhein-Westfalen aber auf ein etabliertes und sehr erfolgreiches System alltagsintegrierter Sprachbildung, die nämlich in allen Kitas greift. Damit haben wir ein gutes, bewährtes Instrument der Sprachbildung entwickelt und etabliert, das im Übrigen über Nordrhein-Westfalen hinaus durchaus Anerkennung findet und dort als sehr gutes Tool zur Kenntnis genommen wird. Es fokussiert nicht allein darauf, einmalig eine Testung vorzunehmen, sondern darauf, Sprachbildung in den Kita-Alltag zu integrieren und für alle Kinder gleichermaßen zur Sprachbildung beizutragen. Zusätzlich legen wir weiterhin großen Wert auf die Einbindung der Familien. Unsere über 3.300 Familienzentren und 113 Familiengrundschulzentren leisten dazu einen bedeutenden Beitrag; denn diese Zentren bieten nicht nur Unterstützungsangebote für Kinder, sondern auch Sprachkurse für Eltern mit Einwanderungsgeschichte. Sie bieten im Übrigen einen wichtigen Anknüpfungspunkt für die Kinder, die noch mit dem Delfin-4-Verfahren getestet werden, wenn sie keine Kita besuchen; denn hier können dann die Sprachförderangebote wahrgenommen werden. Vor diesem Hintergrund ist es mir persönlich wichtig, dass wir die Familienzentren dahin gehend weiterentwickeln und strukturell dort noch einmal in die Qualität investieren, wo mehr Familien diese Unterstützung brauchen. Die schon mehrfach angeklungene Frage der Mehrsprachigkeit ist in Nordrhein-Westfalen natürlich von großer Bedeutung. Sie ist im Übrigen ein großer Schatz, den wir hier in Nordrhein-Westfalen haben. Deswegen haben wir mit Griffbereit oder Rucksack KiTa auch Angebote, die konkret die Mehrsprachigkeit stärken und damit im Rahmen der Sprachbildung einen Kontext bilden. Die FDP fordert jetzt die Vorverlegung des Sprachscreenings auf das vierte Lebensjahr. Allerdings existieren bereits umfassende Beobachtungs- und Dokumentationssysteme, die die Entwicklung der Kinder ab Kita-Eintritt festhalten. Wir haben schon an verschiedenen Stellen zu Recht darüber diskutiert, wie sie weiterentwickelt werden können. Ich halte es für sinnvoll, genau hier anzusetzen und dafür Sorge zu tragen, dass zum einen die Übergabe an die Schulen besser geregelt wird und dass wir zum anderen konkret diese Entwicklungs- und Beobachtungsdokumentationen weiterentwickeln. Das ist aus meiner Sicht der nachhaltigere und sinnvollere Ansatz. Wir sind bereits dabei, die Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren in den Kindertageseinrichtungen zu optimieren. Mit dem Projekt BeDo-NRW wurde hier ein wichtiger Schritt getan, um die pädagogische Praxis zu professionalisieren und Möglichkeiten aufzuzeigen, den Dokumentationsaufwand 10.10.2024 verringern. Nun möchten wir die Implementierung der Ergebnisse voranbringen. In einer nächsten Projektphase sollen Kita-Fachberatungen als Multiplikatoren die Erkenntnisse in die Kita-Praxis tragen. Das Ganze ist ein wichtiger und sehr konkreter Schritt, um bei der Sprachbildung und deren Dokumentation weiterzukommen. Eine zweite Maßnahme ist, um den Übergang von Kita zur Grundschule optimal zu gestalten, gemeinsam mit den relevanten Akteuren eine effektive Nutzung der Bildungs- und Entwicklungsdokumentationen zu entwickeln. Drittens prüfen wir den hohen Dokumentationsaufwand dahin gehend, wie dieser reduziert werden kann, ohne die Qualität der Bildungs- und Entwicklungsdokumentationen zu gefährden. Auch da gilt es, differenziert hinzuschauen. Einerseits teile ich absolut den Anspruch, dass wir uns bemühen müssen, den Aufwand geringer zu gestalten. Ich glaube nur, dass es nicht so einfach ist, wie zu sagen: Das und das machen wir jetzt drei Jahre lang nicht mehr. – Vielmehr müssen wir schon differenziert prüfen, was am Ende auch pädagogisch wichtig ist. Ich glaube aber, dass es wirklich den Aufwand wert ist, genau das zu tun. Das machen wir gerade. Vor diesem Hintergrund gehe ich davon aus, dass wir diese Diskussionen auch weiterhin führen werden. Eine reine Verkürzung auf die Schulfähigkeit greift auch mir an dieser Stelle zu kurz. Wichtig ist allerdings, weiterhin über die Sprachbildung in unseren Kitas mit Blick auf eine Teilhabe an der Gesellschaft zu diskutieren. – Herzlichen Dank. (Beifall von der CDU und den GRÜNEN)

Alle Reden von Berivan Aymaz Protokoll ↗