Christin Siebel
Vielen Dank, Herr Präsident. – Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! In unserer modernen Arbeitswelt ist die kontinuierliche Weiterbildung ein entscheidender Faktor. Das beschreiben Sie in Ihrem Antrag durchaus richtig. Ich möchte an dieser Stelle ergänzen, dass wir insgesamt an der Durchlässigkeit im Bildungssystem arbeiten müssen. Das gilt sowohl für den Kinder- und Jugendbereich als auch für den Zugang zur Hochschule auf dem ersten oder zweiten Bildungsweg. Wir diskutieren heute über ein Thema, mit dem ich persönlich bereits vor 13 Jahren in Berührung gekommen bin. Als ich im Jahr 2011 als ausgebildete IT-Systemkauffrau ein fachfremdes Studium Journalismus und Public Relations an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen aufgenommen habe, war ich bundesweit eine von sehr wenigen beruflich Qualifizierten, die von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht haben. Damals hatte ich die Mittlere Reife ohne Qualifikation für die gymnasiale Oberstufe in der Tasche, meine Ausbildung als IT-Systemkauffrau abgeschlossen und mehrere Jahre Berufserfahrung gesammelt. Und dann kam der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass ich eine Veränderung wollte. Ich wollte mich beruflich umorientieren, und nur durch Zufall habe aus der Zeitung von der Möglichkeit des Studiums als beruflich Qualifizierte erfahren. Es gab in meinem Umfeld keinerlei Vorbilder und Beispiele von beruflich 12.09.2024 Qualifizierten, die einen Studiengang aufgenommen und absolviert haben. Ich hatte damals sehr große Hürden zu bewältigen, hatte aber das Glück, dass sich meine Hochschule dem Thema voll angenommen und mich auf dem Weg begleitet hat, und zwar bevor ich überhaupt immatrikuliert war. Ohne diese Unterstützung hätte ich diesen Weg nicht gehen können, und ohne diese Unterstützung wäre ich heute auch nicht hier. Es ist sehr bedauerlich, dass diese Möglichkeit, einen Zugang zur Hochschule zu erhalten, heute wie damals nur sehr wenigen bekannt ist. Viele ergreifen die Möglichkeit entsprechend nicht, auch wenn sie ihnen offenstünde. Wir wollen aber, dass dieser Weg möglichst vielen offensteht. Ich finde es deshalb sehr gut, dass wir als Parlament uns diesem Thema auch widmen. Was mir jedoch nicht ganz klar wird, ist, warum Sie speziell die IT-Branche in den Blick nehmen und mit dem Fachkräftemangel argumentieren, obwohl nahezu alle Branchen davon betroffen sind. Ich möchte an dieser Stelle auf ein Problem bzw. einen Widerspruch hinweisen. Wer den Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte erleichtert, der sorgt nicht automatisch für Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung, auch wenn die Überschrift eines Antrages dies suggeriert. Ich möchte hier keine Missverständnisse aufkommen lassen. Wir stehen hinter der Forderung. Aus Sicht des Individuums wollen wir möglichst viele Bildungsbiografien ermöglichen und die Hürde zwischen den Qualifikationen abbauen. Aus volkswirtschaftlicher Sicht und insbesondere im Hinblick auf den branchenübergreifenden Fachkräftemangel können wir es uns nicht leisten, Menschen, die sich weiterbilden wollen, und ihre Potenziale zurückzulassen. (Beifall von der SPD und von Angela Freimuth [FDP]) Jedoch ist eine besondere Durchlässigkeit nicht automatisch eine gleichwertige Anerkennung der Ausbildungsleistung eines beruflich qualifizierten Menschen. Es reicht also nicht, die Durchlässigkeit zu erhöhen und das Thema dann links liegen zu lassen. Wir müssen darüber hinaus an der gesellschaftlichen Anerkennung von beruflich Qualifizierten arbeiten. Da geht es um Anerkennung von Leistungen, um Hierarchien, um Aufstiegsmöglichkeiten und um Löhne. Hier werden noch einige Diskussionen nötig sein. In diesem Zusammenhang – Raphael Tigges, Sie haben es gesagt – möchte ich noch mal auf die Wichtigkeit einer Aufnahme der Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung in die Landesverfassung hinweisen. Dabei geht es um mehr als reine Symbolpolitik. Es geht darum, die Gleichwertigkeit als Grundsatz unseres Landes festzuschreiben, der nicht von wechselnden Mehrheiten abhängig ist. Landtag (Beifall von der SPD und von Angela Freimuth [FDP]) Lassen Sie mich abschließend noch eine allgemeine Bemerkung machen. Eigentlich befindet sich die Debatte doch längst in einem anderen Stadium. Eigentlich besteht doch unter den demokratischen Fraktionen in diesem Hause Einigkeit darüber, dass die Landesregierung am Zug ist. Es wäre also sicherlich sinnvoll gewesen, wenn das Parlament mit Blick auf den erwarteten Gesetzentwurf der Landesregierung und die Debatte über eine Verfassungsänderung etwas Druck aufgebaut hätte. Dieses Ziel verfehlt der vorliegende Antrag aus unserer Sicht jedoch. Es ist also gut, dass wir in den kommenden Wochen im Ausschuss Zeit haben, darüber zu diskutieren. Der Überweisung stimmen wir natürlich zu. – Vielen Dank. (Beifall von der SPD)
