landtag.nrw.de ↗

Simone Wendland

CDU 12.09.2024 Sitzungen 18/74

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die FDP greift mit ihrem Antrag ein Thema auf, das wichtig ist. Deshalb wurde es in den vergangenen 20 Jahren schon mehrfach – im Übrigen auch auf Antrag der FDP – im Landtag behandelt. Es hat sich überhaupt bereits fast jede Fraktion im Landtag in diese Richtung und mit diesen Zielen geäußert. Wir leben in einer Zeit des rasanten technologischen Wandels, in der die Digitalisierung längst zum Herzstück von Wirtschaft und Gesellschaft geworden ist. Vor allem die künstliche Intelligenz wird in den kommenden Jahren unser Leben, unsere Arbeit und unsere Wirtschaft weiter revolutionieren. Um die Chancen dieser Entwicklung voll auszuschöpfen und den Herausforderungen gerecht zu werden, brauchen wir jedoch mehr als je zuvor gut ausgebildete IT-Fachkräfte. Der Anteil von weiblichen Informatikstudentinnen ist im Vergleich zu ihren männlichen Kommilitonen aber erschreckend gering. Die Unterrepräsentanz von Frauen in IT-Berufen ist so alt, wie die IT selbst. 1969 gründete sich die Gesellschaft für Informatik. Diese Gesellschaft hat seit 1986 eine Fachgruppe, die sich genau mit dem Thema des FDP-Antrags beschäftigt. Diese Gruppe weist auf einen interessanten Aspekt hin, den die FDP gar nicht aufgreift. Es ist richtig, dass der Frauenanteil unter den Studierenden des Studiengangs „Informatik“ nur bei 19,5 % liegt. Beim Studiengang „medizinische Informatik“ liegt er aber bei 46,9 % und beim Studiengang „Bioinformatik“ bei 45,2 %. Ganz ähnlich ist es bei den beruflichen Ausbildungen, bei denen Frauen per se unterrepräsentiert sind. Bei der Ausbildung zum Fachinformatiker beträgt der Frauenanteil nur 9 %. Geht es hingegen um die Ausbildung zur Kauffrau oder zum Kaufmann für Digitalisierungsmanagement, beträgt der Frauenanteil 24,9 %. Die Kombination macht es also aus. Man könnte auch sagen, dass Männer offensichtlich nur der Computer, die Hardware an sich interessiert, während die Frauen nur dann interessiert sind, wenn man mit dem Computer etwas Sinnvolles machen kann. Der Blick zurück zeigt, dass wir offenbar an einem ganz dicken Brett bohren. Im Übrigen zeigt dieser Blick auch, dass deutliche Veränderungen nicht nur möglich, sondern bei IT- und MINT-Berufen sogar wahrscheinlich sind. Die Medizin war über Jahrzehnte bzw. über Jahrhunderte hinweg nur Männern vorbehalten. Es war ihre Domäne. Erst seit 20 Jahren gibt es mehr Medizinstudentinnen als Medizinstudenten, und heute geht es in der Medizin nur noch um die Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen und auf Lehrstühlen. Ärztefunktionäre vertraten vor knapp 20 Jahren eine krude und sehr männlich geprägte Theorie zu den Ursachen für diese Entwicklung. Das Prestige des Landtag Ärzteberufs und die Gehälter seien gesunken. Deshalb wollten die Männer nicht mehr Mediziner werden, und die Frauen würden in die Lücke springen. Vermutlich hat es jedoch mit dem Numerus clausus und den besseren Schulnoten von Abiturientinnen zu tun. Veränderungen sind – gleichwohl welche Theorie stimmt – möglich. Der Antrag der FDP bleibt diesbezüglich allerdings leider sehr oberflächlich. Programme wie „Nächte der Informatik“ und „Science Festivals“ sind sicherlich nette Ideen, aber sie bleiben punktueller Natur. Wir brauchen in unserem Bildungssystem eine systematische dauerhafte Verankerung von IT-Know-how. Das beginnt auch nicht erst mit dem Besuch der weiterführenden Schule. Wir müssen bereits viel früher ansetzen, Mädchen und Jungen im frühen Alter gleichermaßen für technische Berufe zu begeistern, gesellschaftliche Stereotype und Vorbehalte, die Frauen und Mädchen aktuell noch von IT-Berufen fernhalten, konsequent bekämpfen und die Branche für junge Frauen und Mädchen attraktiv und zugänglich gestalten. Tatsächlich gibt es in NRW schon zahlreiche Initiativen. Beispiele dafür sind der „Pakt für Informatik 2.0“, Projekte bei den Handwerkskammern und Stiftungen, die das Land unterstützt. Nicht zuletzt gibt es natürlich den Girls’Day. Mit dem Schulfach „Informatik“ haben wir sicherlich einen ganz wichtigen Schritt getan. Die Überwindung von Stereotypen und Rollenklischees ist im Übrigen aber nicht nur bei der Informatik eine wichtige Daueraufgabe. Denken Sie dabei einmal in beide Richtungen und damit zum Beispiel an die Unterrepräsentanz von Männern in den Kitas. Ich bin sicher, dass die Informatik eine weibliche Zukunft haben wird. Damit das schneller kommt, kann auf allen Ebenen und in den verschiedenen Bereichen etwas getan werden. Was wir als Land tun können, diskutieren wir sehr gerne bei den weiteren Beratungen. Deshalb stimmen wir der Überweisung des Antrags in den Ausschuss zu. Heute freuen wir uns erst einmal über das Eingeständnis der FDP, dass die eben noch zitierte Kraft des Marktes jedenfalls beim Ausbildungsmarkt doch nicht alles zum Guten wendet. – Wir beraten weiter gemeinsam. Vielen Dank. (Beifall von der CDU und den GRÜNEN)

Alle Reden von Simone Wendland Protokoll ↗