Dr. Martin Vincentz
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Die Anzahl von Angriffen im Gesundheitswesen nimmt dramatisch zu. Eigentlich ist es ein absolutes No-Go, diejenigen mit Gewalt zu bedrohen, die selbst helfen wollen. Da ist es vollkommen egal, ob den Arzt, den Krankenpfleger oder das Rettungspersonal. Diejenigen, die anderen helfen, in dieser Art und Weise zu Leibe zu rücken, ist etwas, was wir sozial und gesellschaftlich alle gemeinsam ächten müssen. Nichtsdestoweniger nimmt das Phänomen seit Jahren zu. In diesem Jahr gibt es noch mal eine deutliche Zunahme der Fälle. Da ist es im Prinzip vollkommen egal, in welchem Bereich des Gesundheitssystems wir uns befinden. Egal, ob in der Notaufnahme oder in der Praxis, alle sind betroffen. Das hat wahrscheinlich mehrere Gründe. Zum einen ist das Gesundheitssystem ein Ort, an dem die Emotionen hochkochen, ein Ort der emotionalen Extreme. Nicht umsonst gibt es viele Soaps, die in diesem Bereich spielen. Man kann es sich gut herleiten, egal, ob es eine niederschmetternde Diagnose ist, egal, ob es Drogen sind, egal, ob es Ausnahme-11.09.2024 situationen, vielleicht Sorgen um die Angehörigen sind, die schnell dazu führen, dass Gewalt hochkocht, dass es vielleicht auch zu Übergriffen kommt. Das andere, das viel wesentlicher ist und das für eine deutliche Zunahme an dieser Stelle verantwortlich ist, ist eine gesamtgesellschaftliche Verrohung. Da frage ich mich doch, ob wir beispielsweise mit den im Antrag geforderten runden Tischen oder mit Respektkampagnen noch weiterkommen. Aktuell fährt durch die Stadt Krefeld eine vom DGB gesponserte Straßenbahn, die um Respekt für Menschen im öffentlichen Dienst wirbt, die angegriffen werden, egal, ob es den Fahrkartenkontrolleur oder die Krankenschwester im öffentlichen Gesundheitssystem trifft. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ich irgendeiner der Schläger aus der Notaufnahme diese Straßenbahn anschaut und plötzlich zu der Auffassung kommt, die Krankenschwester demnächst nicht mehr anzugreifen. Ich halte das für viel zu kurz gesprungen. Ebenfalls drücken die gerade schon angeführten Maßnahmen baulicher Natur beispielsweise in den Krankenhäusern, also dass man sich dort mehr oder weniger vor den Patienten verstecken soll, nicht das aus, was man den Menschen eigentlich entgegenbringen möchte: dass man Nähe zeigt, dass man bei den Menschen ist, dass man ihnen helfen möchte. – Wenn man in einen so hochgeschützten Bereich kommt, zeigt das von Anfang an, dass dort eigentlich eher eine gewisse Ablehnung, eine gewisse Distanz zu den Patienten vorherrscht. Man greift hier viel zu spät ein, wenn man über Selbstverteidigungskurse für Krankenpfleger oder den Notfallknopf in der Arztpraxis spricht. Das sind das alles Zustände, die es gar nicht geben sollte. Wir müssten an einem viel früheren Punkt ansetzen, um diese Punkte, die zur Gewalt führen, zu identifizieren: Warum ist das so? Warum kommt es immer häufiger zu Gewalt auch gegen Rettungskräfte? Warum muss man sich teilweise von Rettungskräften anschreiben lassen, die sich ganz verzweifelt privat stichsichere Westen anschaffen, weil sie in gewisse Gegenden nicht mehr ohne fahren wollen? All das sind doch Zustände, die in einer Gesellschaft viel zu lange übersehen wurden, bei denen man viel zu lange weggeguckt hat, bei denen man viel zu lange etwas hat köcheln lassen, was jetzt zu diesen Extremzuständen führt. Da ist man allgemein aufgerufen, noch einmal genauer hinzuschauen, inwieweit man nicht schon viel früher ansetzen muss, um Gewalt zu verhindern. Wenn wir tatsächlich so weit sind, dass wir eine Notaufnahme ähnlich ausbauen wie einen Hochsicherheitstrakt, dann ist das sicherlich das größte Signal dafür, dass in der Gesellschaft etwas gewaltig schiefläuft. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD) Landtag
