Lisa-Kristin Kapteinat
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Stellen Sie sich bitte folgendes Szenario vor: Sie sind Mutter oder Vater von zwei Kindern im Alter von fünf und zehn Jahren. Beide Elternteile sind berufstätig. Heute schließt die Kita der Kleinen um 15:00 Uhr. Schulschluss war beim Großen um 14:00 Uhr. Ihr Partner hat das Abholen übernommen und muss deswegen um 17:00 Uhr noch einmal arbeiten. Um 17:30 Uhr findet eine durchaus jobrelevante Veranstaltung statt, an der Sie teilnehmen müssen – gar nicht mal zwangsläufig vom Arbeitgeber aus, sondern weil Sie vielleicht denken, dass die Veranstaltung wichtig ist, damit Sie Ihren Job gut machen können. Was passiert jetzt mit den Kindern? Ein Tausch mit dem Partner geht nicht. Das haben Sie letzte Woche schon getan. Die Großeltern einzuspannen, ist auch schwierig, denn diese wohnen nicht in der Nähe. Dieses Szenario und ähnliche Szenarien sind tagtäglich für ganz viele Familien in Nordrhein-Westfalen Realität. Was würde in so einer Situation helfen? Helfen würde es, wenn erstens die Veranstaltung tatsächlich während der regulären Arbeitszeit stattfände und zweitens bei der Veranstaltungsorganisation das Thema „Kinderbetreuung“ mitgedacht würde. Wir glauben, dahin müssen wir in puncto „Vereinbarkeit“ kommen. In immer mehr Familien, auch in Nordrhein-Westfalen, arbeiten beide Elternteile, weil sie es möchten und/oder auch, weil sie es müssen. Früher war es oft 11.09.2024 üblich, dass vor allem Frauen bzw. Mütter gar nicht oder weniger gearbeitet haben. Es hat aber ein Wandel stattgefunden, mit dem wir gesellschaftlich – im Familien- und im Berufsleben – noch nicht richtig umgehen können. Die Zeit, die Frauen früher für Care-Arbeit aufgewandt haben, verbringen sie heute teilweise mit Erwerbsarbeit. Die Care-Arbeit kommt dann noch hinzu. Viele Familien versuchen, diese Doppelbelastung im Alltag irgendwie zu kompensieren. Das funktioniert teilweise mit einer guten partnerschaftlichen Aufteilung der Arbeit. Wir müssen aber auch Rahmenbedingungen verbessern, in denen Vereinbarkeit stattfindet. Wir als Gesellschaft verlangen Familien immer mehr ab – ohne Ausgleich. Das Mehr an Arbeitsleben berücksichtigt nicht die Konsequenzen für die einzelnen Familien: Zeit ist knapp. Ohne Zeitmanagement ist alles nichts. Zeit ist auch wertvoll: Zeit mit den Kindern und Zeit in der Familie. Wir wollen Arbeit und Familie statt Arbeit gegen Familie. Ich weiß, der skandinavische Verweis wirkt fast schon wie eine Floskel, aber in Schweden beispielsweise ist es völlig normal, dass kein Arbeitstermin außerhalb der Kita-Öffnungszeiten stattfindet. Dort ist dies gesellschaftlich akzeptiert, weshalb Vereinbarkeit und auch gleichberechtigte Vereinbarkeit gleich viel besser funktionieren. Dort sagt auch mal ein Minister oder ein Staatssekretär im Termin um 15:45 Uhr: Ich muss jetzt los und mein Kind von der Kita abholen. – Und alle akzeptieren das, denn Zeit ist Lebensqualität. Wir müssen viel intensiver darüber nachdenken, wie wir diese Lebensqualität in der Arbeitswelt wieder stärker in den Blick nehmen. Es geht nicht um schicke Begriffe wie „Work Life Balance“ oder „Gen Z“, sondern es geht um die Lebensrealität von ganz vielen Familien. Wer könnte besser vorangehen als der öffentliche Dienst als einer der größten Arbeitgeber? Wir müssen die Bedürfnisse von Beschäftigten viel stärker berücksichtigen. Wir müssen ein Zeichen setzen, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familienalltag ein klares Ziel der Landespolitik, des Landes und der Landesregierung ist. Das Land kann bei den Beschäftigten im öffentlichen Dienst selbst tätig werden. Es hat eine Vorbildfunktion als einer der größten Arbeitgeber im Land Nordrhein-Westfalen. Deshalb schlagen wir in einem ersten Schritt vor, bei Veranstaltungen des öffentlichen Dienstes nach 17:00 Uhr Möglichkeiten für diese Kinderbetreuung zu bieten. Irgendwann müssen wir echte Schritte in Richtung mehr Vereinbarkeit gehen, und dieses Irgendwann sollte heute beginnen. Das wäre ein echtes Signal für viele berufstätige Familien im Land, Landtag und das würde uns auch beim Fachkräftemangel helfen. – Danke schön. (Beifall von der SPD)
