Dilek Engin
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr verehrten Damen und Herren, wissen Sie, wie hoch der tatsächliche Unterrichtsausfall in Nordrhein-Westfalen Landtag ist? Sie könnten jetzt versuchen, die Zahlen der Unterrichtsausfälle der Statistik der Landesregierung zu entnehmen; zumindest hatte das Frau Feller in einem WDR-Interview groß angekündigt. Diese Statistik wird Ihnen aber trotz der Ankündigung der Ministerin nicht weiterhelfen, weil Sie in dieser Statistik weder die langzeiterkrankten Lehrkräfte noch die Lehrkräfte in Elternzeit finden. Es fehlen auch die Unterrichtsstunden, die die Schulen wegen fehlender Lehrkräfte von vorneherein streichen müssen. Erlauben Sie mir, Ihnen ein Beispiel zu nennen. Den Gesamtschulen in Gelsenkirchen oder im Bergischen Städtedreieck fehlen insgesamt 300 Schulstunden. Das bedeutet, dass sie fast in jeder Jahrgangsstufe kürzen müssen. In der Jahrgangsstufe sechs gibt es keinen Sportunterricht. In der Jahrgangsstufe sieben gibt es eine Stunde weniger Mathe pro Klasse. In der Jahrgangsstufe acht gibt es keinen Informatikunterricht und in der Jahrgangsstufe zehn keinen Kunstunterricht mehr. Ein Schuljahr, in dem der Unterricht wie vorgesehen stattfindet, ist in Nordrhein-Westfalen ein Wunschtraum. Das Chaos beginnt schon bei der Planung des neuen Schuljahres. Obwohl der strukturelle Unterrichtsausfall in dieser Statistik nicht erfasst wird, ist die Zahl der veröffentlichten Ausfälle schon jetzt eine Katastrophe. Im ersten Halbjahr des Schuljahres 23/24 fand nur jede fünfte Unterrichtsstunde wie geplant statt. Eigentlich ist die Zahl aber noch schlimmer, als es die offiziellen Zahlen vermuten lassen. Das ist die Realität in Nordrhein-Westfalen. Fragen wir doch einmal die Eltern. Eine repräsentative Elternumfrage zeigt uns, dass mehr als die Hälfte der Eltern von regelmäßigen Unterrichtsausfällen berichtet. Fast ein Viertel der Eltern gibt an, dass der Unterricht an den Schulen ihrer Kinder mehrmals pro Woche komplett ausfalle. Besonders betroffen sind die Hauptfächer. Die Hauptfächer sind die Fächer, die unsere Kinder auf ihre berufliche Zukunft vorbereiten sollen. Diese Fächer fallen einfach weg, und was macht die Landesregierung? Die Landesregierung schweigt, vertuscht und hofft, dass keiner hinsieht. Wir müssen heute schon wieder festhalten, dass CDU und Grüne diese katastrophale Situation an unseren Schulen nicht in den Griff bekommen, geschweige denn, sie ernst nehmen. Die Menschen in Nordrhein-Westfalen fragen sich, wie lange Sie noch zuschauen wollen, bevor Sie etwas tun, das wirkt. Wie viele Kinder müssen noch darunter leiden, dass Unterricht ausfällt, weil es an Lehrkräften mangelt? Wie viele Familien müssen noch improvisieren, weil sie nicht wissen, ob ihre Kinder in der Schule Unterricht bekommen oder nicht? 11.09.2024 Liebe Kolleginnen und Kollegen, stellen Sie sich vor, was in diesem Haus los wäre, wenn nur jede fünfte Plenardebatte ordnungsgemäß durchgeführt oder jede vierte Ausschusssitzung einfach abgesagt würde. Es würde sofort ein Aufstand beginnen. Bei der Bildung unserer Kinder lassen Sie Unterrichtsausfälle aber einfach geschehen. (Beifall von der SPD – Zuruf von Frank Müller [SPD]) Statt endlich konsequent zu handeln, hören wir immer die gleichen leeren Phrasen: Man arbeite an Lösungen. Es gebe Fortschritte. Es werde besser. Ja, wo denn, bitte? Die Zahlen zeigen uns etwas ganz anderes. Wir haben 6.000 unbesetzte Lehrerstellen. Gleichzeitig kündigen immer mehr Lehrkräfte, weil sie die schlechten Arbeitsbedingungen nicht mehr ertragen. Im letzten Jahr haben fast 1.000 Lehrkräfte ihren Dienst quittiert. Frau Ministerin Feller, Sie sagen aber einfach nur, dass diese Zahl nicht auffällig sei. Das ist sehr schade, weil diese Situation verheerende Folgen für unsere Kinder und deren Zukunft hat. Unsere Kinder – hier rede ich besonders von denjenigen, die es ohnehin schon schwer haben – verlieren ihre Chance auf eine gute Bildung; Hauptfächer wie Mathe und Deutsch fallen besonders in sozial schwächeren Gegenden aus. Die Landesregierung lässt die Kinder im Stich. Das ist die Wahrheit, und das werden wir als SPD-Fraktion nicht länger hinnehmen. (Beifall von der SPD) Wir haben klare Forderungen, um das Problem des Unterrichtsausfalls systematisch anzugehen. Lieber Kollege, Sie haben gesagt, dass sei Bullshit. Es ist aber kein Bullshit, was ich hier erzähle, (Zuruf von Mehrdad Mostofizadeh [GRÜNE]) sondern es ist die Realität. Wie in der letzten Legislaturperiode möchten wir Ihnen auch in dieser Legislaturperiode Lösungsvorschläge anbieten. Vielleicht hören Sie einmal zu und setzen diese Lösungsvorschläge endlich um. (Beifall von der SPD – Zuruf von Kirsten Stich [SPD]) Wir müssen die tatsächlichen Zahlen der Ausfälle an den Schulen ermitteln. Die Gründe dafür sind natürlich unterschiedlich. Bei einer Klasse gibt es nun einmal einen Personalmangel. Da muss man anders herangehen und helfen. Demgegenüber haben wir an anderen Schulen genug Personal, aber die Zahl der langzeiterkrankten Lehrkräfte ist zu hoch. Wir müssen schauen, warum diese Lehrkräfte einen Burn-out haben. Warum sind diese Lehrkräfte längerfristig erkrankt? Da fängt man auch an, zu überlegen, was hier falsch läuft. Landtag Ich nenne Ihnen ein paar Beispiele. Die Lehrkräfte haben mehr Verantwortung. Immer wieder bekommen sie neue Aufgaben, aber es wird nichts weggenommen. Außerdem muss der Lehrplan reformiert werden. Das ist eine Sache. Wir müssen deshalb überlegen, wie wir die Lehrkräfte halten können, die im System sind. Die andere Sache ist, wie wir es schaffen, mehr Menschen für den Beruf des Lehrers zu begeistern. Das fängt bereits damit an, zu überlegen, wie man es schafft, dass die Ausbildung und das Referendariat nicht zwei verschiedene Welten sind, sondern eins sind, sodass man nach dem Referendariat das Gefühl hat, dass einem das Studium etwas gebracht hat. Wir haben Ihnen verschiedene Vorschläge dargelegt, wie man das Potenzial des an den Schulen vorhandenen Personals, das nicht unbedingt den normalen Werdegang als Lehrkraft hat, nutzen kann. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Seiteneinsteiger, HSU-Lehrkräfte oder ausländische Lehrkräfte, die einen wichtigen Beitrag leisten können. Das sehen Sie aber gar nicht. Seit Jahren appellieren wir, dass Lehrkräfte etabliert werden. In anderen Bundesländern ist das gang und gäbe, aber bei uns ist das leider noch ein ungenutztes Potenzial. Es ist auch kein Geheimnis, dass sich viele Lehrkräfte überlastet und nicht ausreichend wertgeschätzt fühlen. Gute Arbeitsbedingungen und eine faire Bezahlung sind die beste Werbung für den Beruf und nicht irgendeine Werbekampagne. Wir müssen dringend Maßnahmen ergreifen, um Lehrkräfte im System zu halten. Was macht aber die Landesregierung immer wieder? Das hatten wir auch in der Schulausschusssitzung letzte Woche: Sie lassen den Lehrkräftemangel immer weiter eskalieren. Sie sehen nicht, dass in Fächern wie Musik, Kunst und MINT in Zukunft Tausende Lehrkräfte fehlen werden. Sie ignorieren einfach, dass wir dort einen Mangel haben. Das ist nichts anderes als ein direkter Angriff auf die Zukunft unseres Bildungssystems und die Zukunft unserer Kinder. (Beifall von der SPD) Jede ausgefallene Unterrichtsstunde ist eine zu viel. Es darf nicht sein, dass wir im Jahr 2024 immer noch darüber reden, dass Unterricht ausfällt, als wäre es die neue Normalität. Das darf nicht längerfristig zur Realität werden. Ich mache es jetzt kurz: Wir brauchen Wertschätzung. Wir müssen unbedingt die tatsächlichen Zahlen des Unterrichtsausfalls erheben. Es wird am Anfang wehtun, Frau Feller, das haben wir Ihnen auch immer wieder gesagt. Dann werden Sie nicht sagen, 11.09.2024 dass wir 6.000 Lehrkräfte brauchen, sondern Sie werden von mindestens 10.000 fehlenden Lehrkräften sprechen. Nur so können wir aber gemeinsam aus der Bildungskatastrophe kommen. Unsere Kinder haben was Besseres verdient. – Vielen Dank. (Beifall von der SPD)
