Hendrik Wüst
Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Herzliche Grüße, Herr Landrat Doğan und Herr Bürgermeister Bökenkröger! Musik war sein Leben. Er hat selbst Musik produziert. Er hat die Musik geliebt. Philippos war 20 Jahre alt. Er hatte sein Leben noch vor sich. Erst vor zwei Monaten ist er zu Hause ausgezogen – die erste eigene Wohnung; der erste große Schritt in ein eigenständiges Leben. Seine Mutter hat mir Philippos als fröhlichen jungen Mann beschrieben. Mit seiner jüngeren Schwester war er ganz besonders eng. Die Leidenschaft zur Musik hat beide verbunden. Philippos’ Mutter hat mir von vielen Schicksalsschlägen für ihre Familie berichtet. Aber sie hat mir auch erzählt, dass gerade eine gute Zeit war – mit Neuanfängen, mit ganz viel Hoffnung. Philippos’ Mutter hat mir auch von den Plänen ihrer Kinder erzählt. Sie war sehr stolz. Dass ihre Kinder ihren Weg machen, ist ihr wichtig. Am 22. Juni hat die Familie gemeinsam das Abitur von Philippos’ Schwester gefeiert. Alle waren voll Glück und voll Freude. Kurzum: Alles war gut. Von einem Moment auf den nächsten war dann nichts mehr gut. Die Familie war an diesem Samstagabend vor zwei Wochen eigentlich schon auf dem Sprung nach Hause. Philippos saß noch mit zwei Freunden auf einer Bank im angrenzenden Kurpark von Bad Oeynhausen. Aus dem Nichts – so viel ist aktuell bekannt – wurden die Freunde erst verbal und dann brutal körperlich von einer Gruppe junger Männer attackiert. Der Hauptverdächtige schlug und trat wohl mehrfach heftig gegen Philippos’ Kopf. Philippos erlitt so schwere Verletzungen, dass er zwei Tage später im Krankenhaus gestorben ist. Philippos wurde aus dem Nichts und ohne Grund getötet. Philippos’ Familie hat die Gewalttat nur durch Zufall nicht unmittelbar miterlebt. Die Mutter war gerade noch auf eine Zigarette draußen vor der Tür gewesen und hat ihren Sohn noch aus der Ferne im Park gesehen. Landtag Den unfassbaren Schmerz, den seine Eltern und seine Geschwister empfinden müssen, können wir allenfalls erahnen. In einer solchen Situation kann man der Familie nur wünschen, dass sie Ruhe findet, dass sie Raum findet, das Geschehene zu verarbeiten, dass Raum da ist für Trauer, für Schmerz – vielleicht auch für Wut. Wer könnte ihr das verdenken? Doch die Familie bekommt diese Ruhe und diesen Raum zum Trauern gerade nicht. Der ausdrückliche Wunsch der Familie, dass Philippos’ Tod nicht politisch instrumentalisiert wird, wird vielfach missachtet. Auch heute konnte ihm nicht jeder entsprechen. Rechtsextreme politische Kräfte versuchen, aus Philippos’ Tod politisches Kapital zu schlagen. Statt trauern zu können, muss sich die Familie dagegen zur Wehr setzen. Philippos hatte selbst Wurzeln in unterschiedlichen Kulturen. Die Familie hat Menschen unterstützt, die aus der Ukraine geflohen sind. Philippos war ein aufgeschlossener und weltoffener junger Mann. Jeder Versuch, Philippos’ schrecklichen Tod für politische Zwecke zu missbrauchen, ist inakzeptabel und unerträglich. (Beifall von der CDU, der SPD, den GRÜNEN und der FDP) Noch sind die Hintergründe der Tat nicht vollständig aufgeklärt. Ich bin der Polizei sehr dankbar für die bisherigen Ermittlungsarbeiten. Polizei und Staatsanwaltschaft arbeiten weiter mit Hochdruck und mit Sorgfalt daran, alles aufzuklären. Diese Tat verdient eine harte, eine gerechte Strafe. Das sind wir als Gesellschaft Philippos und seiner Familie schuldig. Die Menschen in unserem Land erwarten in einer solchen Situation, die Dinge beim Namen zu nennen. Wir wollen weiter Menschen unterstützen, die unsere Hilfe brauchen. Wir wollen weiter, dass Integration gelingt. Wir dürfen uns dabei als Gesellschaft nicht selbst überfordern. Damit wir auch in Zukunft Menschen helfen können, die vor Krieg und Vertreibung fliehen, muss irreguläre Migration beendet werden. Doch selbst wenn wir an dieser Stelle schon weiter wären, hätte es an dieser Tat wohl nichts geändert. Nach allem, was wir bisher wissen, ist der 18-jährige Hauptverdächtige vor acht Jahren als Kind im Zuge des Familiennachzugs nach Deutschland gekommen. Er konnte dem Krieg in Syrien entfliehen und zusammen mit seiner Familie sicher in Deutschland leben. Nach allem, was bisher bekannt ist, ist der Tatverdächtige in Deutschland zur Schule gegangen. Wie Landrat Doğan mir eben erzählt hat, sollte er jetzt bald eine Ausbildung machen. Er hatte die Chance auf ein gutes Leben. Diese Chance hat er nicht genutzt. 05.07.2024 Im Gegenteil! Er ist vor Krieg und Vertreibung geflohen und ist wohl selbst zum brutalen Gewalttäter geworden. Diese abscheuliche Tat darf deshalb aber in keiner Weise relativiert werden. Es gibt keine Umstände, die eine solche Gewalttat rechtfertigen können. Es muss besser gelingen, Intensivstraftäter, die keine deutsche Staatsbürgerschaft haben, wo immer das möglich ist, auch abzuschieben. Philippos’ Tod wühlt auf – grundlose, unbändige, tödliche Gewalt. Philippos’ Tod schmerzt und hinterlässt Spuren. Wir sind in Gedanken bei seiner Familie und seinen Freunden. Ihnen wünschen wir die Ruhe und den Raum, zu verarbeiten, zu trauern und irgendwann auch wieder neue Kraft zu schöpfen. Philippos’ Tod muss restlos aufgeklärt und geahndet werden. Er muss Anlass sein, innezuhalten und als Gesellschaft zusammenzurücken. Wir müssen der Versuchung widerstehen, uns auseinandertreiben zu lassen, einen Keil in diese Gesellschaft treiben zu lassen. Würde dies gelingen, wäre das nur die Saat für neue Gewalt. Das dürfen wir nicht zulassen. – Vielen Dank. (Lebhafter Beifall von der CDU, der SPD, den GRÜNEN und der FDP)
