landtag.nrw.de ↗

Lisa-Kristin Kapteinat

SPD 04.07.2024 Sitzungen 18/70

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Frau Oellers, ich kann verstehen, dass es total schwierig ist, sich hier hinzustellen und zu wissen, dass es sich eigentlich um ein gutes Projekt handelt. Beim Thema „Einsamkeit“ haben wir auch kein Erkenntnisproblem. Irgendwie hat man im Moment aber wenig Knete, die man heraushauen möchte. Deswegen sagt man, dass die Ehrenamtlichen es reißen müssen. Man müsste ein wenig stringenter vorgehen. Sie können doch nicht erzählen: Wir haben Angst, dass dann andere Projekte hinten herunterfallen. – Das haben wir mit keinem Satz gefordert. Wir würden auch niemals sagen, dass die unglaubliche Arbeit der Ehrenamtlichen nicht wertgeschätzt und gewürdigt werden soll, oder fordern, sie abzubauen. Wir brauchen nicht einen Ehrenamtlichen weniger, weil deren Arbeit nicht überflüssig wird, wenn wir beim Projekt GemeindeschwesterPlus endlich tätig werden. (Beifall von der SPD) Das größte Risiko für Einsamkeit ist Armut. Das wissen wir. Aber auch Krankheit, Pflegebedürftigkeit, Gebrechlichkeit und Alter machen einsam. Das ist leider in ganz vielen Fällen so. Warum haben so viele Menschen vor dem Älterwerden Angst? Weil wir Angst haben vor äußerlichen Veränderungen, vor Gebrechlichkeit und davor, einsam zu sein. Das trifft nicht auf alle, aber auf ganz viele Menschen zu. Krankheit und Einsamkeit hängen leider auch oft zusammen. Wer nicht mehr so gut gehen kann, geht weniger vor die Tür. Wer einen Stomabeutel braucht, bewegt sich möglicherweise nicht mehr so selbstsicher wie früher unter Leuten. Wer einen Rollator benötigt, dem ist der Weg durchs Viertel vielleicht einfach zu anstrengend geworden. Das gilt nicht nur für Ältere. Aber besonders bei ihnen ist die Gefahr, sozial isoliert zu werden, größer. Ich denke, dass viele von uns das aus dem eigenen Umfeld kennen – von Eltern, Großeltern oder der Nachbarin. Man macht sich schon Gedanken darüber, wie diese Menschen ihre Abende verbringen. In Deutschland leben besonders viele Menschen allein, nämlich jeder Fünfte, wie das Statistische Bun-Landtag desamt diese Woche mitgeteilt hat. Das ist mehr als im EU-Durchschnitt. Besonders viele von ihnen sind Rentnerinnen und Rentner. In Deutschland lebt jeder Dritte über 65 Jahre allein. Das entspricht 34,6 %. Das heißt nicht automatisch, dass sich diese Menschen einsam fühlen. Aber auch das Einsamkeitsbarometer der Bundesregierung schreibt fest, was die Arbeit – hier kommen wir wieder zur Erkenntnis – in der Enquetekommission in der letzten Legislaturperiode gezeigt hat: Ältere Menschen sind am häufigsten von Einsamkeit betroffen. Einsamkeit wirkt sich auf die seelische und körperliche Gesundheit aus. Deshalb bringen wir hier noch einmal das Modell der GemeindeschwesterPlus ins Spiel, weil es nachweislich gegen Einsamkeit wirkt. Ja, es kostet Geld. Ja, es kostet Engagement. Ja, es kostet die Bereitschaft, zu sagen: Wir möchten wirklich etwas gegen Einsamkeit unternehmen. Herr Wüst hat es in der Einsamkeitskonferenz selbst angesprochen: Kekse können ein nettes Zeichen sein. – Kekse und Postkarten sind aber keine strukturelle Hilfe gegen Einsamkeit, sondern maximal ein nettes Signal. (Beifall von der SPD) Dabei wissen wir: Die GemeindeschwesterPlus wirkt insbesondere deshalb, weil es der regelmäßige Besuch ist, der Vertrauen schafft. Außerdem geht sie über die bloße Medizin hinaus und berührt Pflege in einem umfassenden Sinne – Fürsorge für das Gegenüber. Ältere Menschen gehen oft zum Arzt. Nicht alle gehen nur aus medizinischen Gründen dorthin. Manche tun das auch wegen des Kontakts zum Arzt. In den Arztpraxen ist heutzutage aber eigentlich überhaupt keine Zeit mehr für zusätzlichen Kontakt. Die GemeindeschwesterPlus ist eine Maßnahme, die im Alltag beratend und unterstützend wirkt. Es ist ein Angebot, bei dem jemand den Blick ganzheitlich auf eine Person richtet und erkennt, wenn sich die Person einsam fühlt. Die GemeindeschwesterPlus verweist auf Seniorentreffs, Bewegungsangebote und viele ehrenamtlichen Projekte. Dafür schreibt sie nicht nur kurz Termin und Adresse auf, sondern motiviert im besten Fall mit Geduld und ein bisschen Nachdruck dazu, ein solches Angebot in Anspruch zu nehmen. Denn natürlich müssen Hemmschwellen bei den Betroffenen überwunden werden. Je größer die Einsamkeit ist, desto größer ist auch die Hemmschwelle. Professioneller menschlicher Kontakt kann hier besonders helfen. Es ist auch nicht so, dass nur wir die GemeindeschwesterPlus befürworten. Die Gemeindeschwester-Plus ist im Abschlussbericht der Enquetekommission aufgeführt, und viele Sachverständige haben sie in unserer Anhörung am 8. Mai 2024 erneut befürwortet. 04.07.2024 Die Erkenntnis ist wieder: Wir wissen um das Problem, und es geht darum, etwas dagegen zu tun. – Ich war bei der Einsamkeitskonferenz. Meine Meinung zu dieser Postkartenaktion habe ich schon angedeutet. Das Wissen ist, wie gesagt, vorhanden. Allerdings müssen wir etwas tun, was tatsächlich Substanz hat. Es bedarf nicht nur kleiner Gesten und der Hoffnung, dass jemand das ehrenamtlich macht, sondern unsere Aufgabe seitens der Politik ist strukturelle Hilfe und Unterstützung. Dafür sind wir gewählt worden. Sehr geehrte Damen und Herren, ich bitte um Ihre Unterstützung für diesen Antrag. (Beifall von der SPD)

Alle Reden von Lisa-Kristin Kapteinat Protokoll ↗