Susanne Schneider
Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Wer von Ihnen ist denn regelmäßig mit 517 PS unterwegs? Das sind sicher die wenigsten – einige unserer Landwirte allerdings schon, vor allem, wenn sie mit einem der stärksten Standardtraktoren auf ihren Feldern unterwegs sind. Sie sitzen dann auch nicht auf einer unbequemen Metallschale, sondern auf einem richtig bequemen Sitz. Die moderne Traktorkabine ist vollklimatisiert und geräuschisoliert, und dieser ergonomische Komfortsitz ist fast so bequem wie ein Wohnzimmersessel. Oftmals reicht es hier sogar, den Autopiloten zu überwachen, und Lenken ist nur noch manchmal erforderlich. Aber wissen das junge Menschen? Viele werden bei Landwirtschaft nur an Mistgabeln und Kuhfladen denken. Dabei bringt dieses Berufsbild doch so viel mehr mit sich. (Beifall von der FDP) Landtag Die Landwirtschaft ist in vielen Bereichen digitalisiert, automatisiert und hat innovative Ansätze. Beim Digital Farming sind KI und Robotik längst selbstverständlich. Bei der Forstwirtschaft sieht es nicht anders aus. Mittlerweile geht man mit Satelliten auf Borkenkäferjagd, und mit GPS und Tablets werden die Rückegassen optimiert, um die Holzernte möglichst schonend durchzuführen. Auch im Garten- und Landschaftsbau finden schon seit 30 Jahren Digitalisierungsprozesse statt: von der automatischen Überwachung der Pflanzen im Gewächshaus bis hin zur Aussaat mit Robotern. Wenn ich bei mir zu Hause durch meine Straße laufe, in der viele kleine Siedlerhäuser stehen, höre ich immer wieder die Frage: Hast du einen, kennst du einen? – Gemeint ist der Gärtner oder die Gärtnerin, wirklich eine Rarität. Wir brauchen eine moderne Werbekampagne, um für diese Ausbildungsberufe zu werben und die jungen Menschen dort abzuholen, wo sie sind – Kampagnen, die in die angesagten sozialen Netzwerke gehen, Kampagnen, die zielgruppenorientiert und altersgerecht für Ausbildungsberufe werben; statt „Bauer sucht Frau“ einfach mal „Bauer sucht Azubi“. Aber was lese ich hier wieder in dem vorliegenden Antrag? Natürlich wieder mein persönliches Reizwort: Broschüre. (Karl-Josef Laumann, Minister für Arbeit, Ge- sundheit und Soziales: Wo steht das?) Broschüre: Liebe Kolleginnen und Kollegen von Schwarz-Grün, liebe Landesregierung, löst euch endlich von den analogen Lösungen! Informationsangebote aus Papier sind nicht mehr so niedrigschwellig, wie es im Antrag ausgeführt ist. Wir dürfen nicht altbacken für diese modernen Berufe werben. Wie das besser gehen kann, zeigen doch auch etliche Influencer, zum Beispiel Marie Hoffmann. Marie Hoffmann berichtet auf Instagram über moderne Landwirtschaft und hat damit fast 750.000 Follower gewonnen. Sie nimmt uns alle auf ihrem Traktor mit. Wir lernen durch sie andere Werkzeuge kennen und erfahren, wie wir verschiedene Getreidesorten unterscheiden oder – besonders spannend – mit Drohnen Kitze im Feld retten können. Wir finden auch weitere Influencer zu diesem Thema. Schließlich verleiht selbst die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft einen Agri Influencer Award. Mit solchen Influencern müssen wir hier kooperieren, um den eigenen Kampagnen mehr Aufmerksamkeit, Reichweite und Wirksamkeit zu verleihen. Wenn wir dann junge Menschen für die Land- und Forstwirtschaft gewonnen haben, müssen wir auch 04.07.2024 dafür sorgen, dass sie in diesem Beruf bleiben. Rund 30 % lösen ihr Ausbildungsverhältnis wieder auf. In meinem heimischen Kreis Unna gibt es besonders viele Abbrecher im Handwerk und in der Landwirtschaft – knapp 50 %. Das ist natürlich viel zu viel. Die Gründe dafür sind vielfältig. Das hängt auch mit den Rahmenbedingungen der Ausbildung zusammen. Darüber haben wir auch gestern gesprochen. Denn wenn viele Bildungszentren des Handwerks in die Jahre gekommen sind und nicht mehr den aktuellen Standards entsprechen, steigert das nicht die Attraktivität der Ausbildungsberufe. (Beifall von der FDP) Auch für die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung muss dringend mehr getan werden. (Beifall von der FDP) Zudem ist die Finanzierung der gesamten Forderungen aus dem vorliegenden Antrag offen. Aber vielleicht findet sich ja noch mal ein Millionen-Geldsäckchen im Haushalt; bei den Kitas hat das ja auch geklappt. Der vorliegende Antrag könnte aus unserer Sicht inhaltlich deutlich weiter gehen. Aber wenigstens setzt er hier etwas in Bewegung. Trotz aller Skepsis werden wir, die FDP-Landtagsfraktion, heute zustimmen. – Ich danke Ihnen. (Beifall von der FDP und der CDU)
