Julia Kahle-Hausmann
Sehr geehrter Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Sehr gute Überschrift – Respekt! „Fachkräftesicherung und Fortbildungsinitiativen für die Land- und Forstwirtschaft sowie den Gartenbau“ – als ich das in der Tagesordnung gelesen habe, dachte ich: Wir versuchen schon so lange, die Aus-, Fort- und Weiterbildung in den grünen Berufen hochzubooten, den Bachelor Professional im Forstbereich einzustielen oder für mehr Attraktivität der Berufsbilder zu sorgen, und jetzt sind wir richtig zusammen. Landtag Ihr Einführungstext ist auch eine vernünftige Beschreibung der aktuellen Lage. Wir sind auch ganz bei Ihnen, wenn Sie über vereinfachte Zugänge zu den grünen Ausbildungen und Studiengängen schreiben oder die Weiterbildungsangebote anderer Länder in der Lebensmittelverarbeitung für Landwirte loben. Aber dann, liebe Kolleginnen und Kollegen, kommen Sie zu Ihren Forderungen, und ich falle nahezu in ein depressives Loch unerfüllter Erwartungen, die Sie vorher so nett aufgebaut hatten. (Zurufe von der CDU: Oh!) Sie lassen alle Bälle, die Sie vorher in die Luft geworfen haben, schlicht fallen. Die Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse finden wir natürlich super. Wenn die Weiterbildungsangebote für Landwirte und Landwirtinnen in anderen Ländern aber doch so toll sind, warum fordern Sie denn dann nicht genau das in Ihrem Antrag? Haben wir genug Käsereien oder Schlachtereien in NRW? Das wäre mir neu. Wenn Fort- und Weiterbildungsangebote so wichtig sind – das sind sie uns übrigens auch –, warum werden dann ausschließlich die Waldbesitzenden als Nutznießer des Engagements hervorgehoben? Wenn Ihnen der vereinfachte Zugang zum Studium wichtig ist, warum stehen wir dann bei der Planung des waldökologischen Hochschulinstituts noch ganz am Anfang? Stattdessen ergehen Sie sich in Werbemaßnahmen zur Attraktivitätssteigerung; es soll mehr Infos zu Ausbildung und Schulpraktika geben. Das kann man machen, es ist aber ein bisschen anno tuck. Zum einen gibt es Schulpraktika jetzt schon. Zum anderen implizieren Sie, dass junge Menschen alle in die grünen Berufe wollen, aber es irgendwie noch nicht wissen. Wie wollen Sie die Berufe an sich attraktiver gestalten, zum Beispiel durch eine angemessenere Entlohnung, Entwicklungsmöglichkeiten, gezielte Weiterbildungsmaßnahmen und, und, und? Fehlanzeige! Da machen Sie sich doch einen ganz schlanken Fuß. Die Krone des Ganzen und seit einigen Monaten mein Lieblingssatz in sämtlichen Ihrer Anträge, weil er immer wieder kommt: Es soll aus bereiten Mitteln dies oder das gemacht werden. – In diesem Fall soll ein Beitrag zur beruflichen und akademischen Gleichwertigkeit geleistet werden. Wenn ich jetzt böse wäre, würde ich anhand der Meldungen der letzten Wochen postulieren, dass Sie in allen Fachbereichen Fördermittel per Dekret zusammenstreichen und in bunte Faltblätter auf dem nächsten Ausbildungs-Speed-Dating oder Fotos beim Boys’-and-Girls’-Day einfließen lassen. 04.07.2024 (Norwich Rüße [GRÜNE]: Aber Sie sind ja nicht böse!) – Ich bin ja nicht böse; ganz genau. – Trotzdem erhebe ich den Vorwurf, dass Sie absolut unkonkret sind und fahrlässig Chancen aus der Hand geben. Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, wir wissen alle, dass die politische Befassung mit dem Fachkräftemangel bei immer stärkerer Konkurrenz und einer zunehmenden Fülle von Aufgaben in den grünen Berufen absolut wichtig und zielführend ist. Davon konnten wir uns gestern beim Parlamentarischen Abend der GaLa-Bauer noch überzeugen. Trotzdem hätte man das auch Ihrerseits viel besser einstielen können. Warum nicht eine Anhörung von Fachleuten, die uns noch mehr praktischen Input hätte geben können, um einen besseren Beschluss vorbereiten zu können? Stattdessen versuchen Sie, Ihr Engagement ins Schaufenster zu stellen, obwohl Sie wissen, dass Sie eine echte Weiterentwicklung nicht einmal im Ansatz bezahlen können oder werden. Sie versuchen, das durch eine Liste von PR-Maßnahmen, die selbstverständlich auch nicht anständig durchfinanziert sind, zu verdecken. Wir Sozialdemokraten stehen aber zur Wichtigkeit von Bildung, auch in diesen Berufszweigen. Deshalb wollen wir uns nicht verweigern, auch wenn wir den Beschlussvorschlag äußerst mäßig finden. Daher werden wir uns enthalten. (Beifall von der SPD)
