Jonathan Grunwald
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! „It’s the economy, stupid." Wir wissen nicht erst seit dem Wahlkampf von Bill Clinton, wie wichtig ökonomische Bildung gerade für junge Menschen auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Leben ist. Dabei geht es mir aber weit weniger um die Anleitung zum Ausfüllen einer Steuererklärung oder um Anlageempfehlungen für ETFs oder Anleihen, denn in Zeiten von YouTube und TikTok erschließen sich junge Menschen das auch ohne Unterstützung einer Lehrkraft. Mir geht es um etwas Grundsätzliches. Der ökonomische und gesellschaftliche Aufstieg der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg fußt auf den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft. Freiheit und Verantwortung, Subsidiarität und Solidarität waren und sind die elementaren Grundsätze, die unser Land zu dem geformt haben, auf das wir heute zu Recht stolz sind. Die soziale Marktwirtschaft ist weit mehr als eine Wirtschaftsordnung, sie ist auch die zentrale Gesellschaftsordnung unseres Landes. In einer sich immer schneller wandelnden Welt, in der Weltanschauungen und Werte in einem Systemwettbewerb stehen, müssen Errungenschaften aber immer wieder neu erklärt und verteidigt werden. Wenn wir jungen Menschen das Grundprinzip des Förderns und Forderns näherbringen wollen, wenn wir junge Menschen für die Übernahme von Eigenverantwortung oder für die Gründung eines Unternehmens motivieren wollen, dann brauchen wir mehr soziale Marktwirtschaft in den Unternehmen, in den Zeitungen, in den TV-Debatten, in der Politik und auch im Schulunterricht. Deshalb, liebe Kollegen der FDP, freue ich mich, dass Sie sich offenbar so gerne an die gemeinsame Regierungszeit erinnern (Zuruf von Franziska Müller-Rech [FDP]) und den Erfolg des Schulfaches „Wirtschaft“ bzw. „Wirtschaftspolitik“ mit Ihrem Antrag noch einmal unterstreichen. Durch die schrittweise Einführung in den verschiedenen Schulformen ist es uns gelungen, die ökonomische und wirtschaftspolitische Bildung an unseren Schulen zu stärken. Das war richtig, und daran halten wir fest. Wenn wir jedoch über die Stärkung ökonomischer Bildung im Unterricht sprechen, müssen wir die Debatte ehrlich führen. Liebe Kollegen der FDP, Sie verweisen in Ihrem Antrag darauf, dass Wirtschaft häufig fachfremd unterrichtet wird. Die wesentliche Ursache dafür müsste Ihnen jedoch bekannt sein. Infolge der Einführung des neuen Schulfaches wurde das Lehramtsfach Wirtschaft-Politik erst im Studienjahr 2021/22 umgestellt, sodass wir ab 2026 mit den ersten Absolventen rechnen können, die in ihrem Studium wirtschafts-Landtag didaktische Kenntnisse erworben haben. Der Anteil des fachfremden Unterrichts wird infolgedessen in den kommenden Jahren konsequenterweise stetig abnehmen. Gleichwohl teile ich Ihre Politik, in der Lehrerfortbildung ökonomische Bildung stärker abzubilden. Ich bin daher unserer Schulministerin Dorothee Feller ausgesprochen dankbar, dass sie den Mut und die Kraft aufbringt, die über Jahrzehnte in Nordrhein-Westfalen entstandene unübersichtliche Fortbildungslandschaft systematisch mit dem Sechs-Punkte-Plan anzupacken und mehr Verbindlichkeit und mehr Steuerung zu implementieren. (Beifall von der CDU) Geschätzte Kollegin Müller-Rech, Ihren Vorstoß bezüglich eines Abiturfachs Wirtschaft kann ich nur bedingt nachvollziehen, wo doch eine Abiturprüfung mit wirtschaftlichen Bestandteilen bereits heute möglich ist. Das Fach Sozialwissenschaften mit dem Teilbereich Wirtschaftswissenschaften kann sogar als Leistungskurs belegt werden. In den Vorgaben für das Zentralabitur 2024 findet sich in den Grund- und Leistungskursen das Prüfungsfeld Wirtschaft/Politik. Bei einer besonders ausgeprägten Wirtschaftsaffinität können Schüler ihr Abitur zudem an Wirtschaftsgymnasien in Nordrhein-Westfalen ablegen und den Anteil an ökonomischen Themen in ihrem Abitur deutlich erhöhen. Ob „Startup Zukunft!“, JUNIOR Schülerfirmen oder die Schülergenossenschaften – wir haben in Nordrhein-Westfalen bereits zahlreiche praxisorientierte Projekte im Bereich der ökonomischen Bildung an Schulen. Doch es wird nicht reichen, dass wir uns hier in Düsseldorf tolle Projekte ausdenken. Entscheidend ist die Überführung dieser Projekte in die schulische Praxis. Wie dies gelingen kann, zeigt meine ehemalige Schule, das Siebengebirgsgymnasium in Bad Honnef eindrucksvoll. Allein in den letzten Jahren haben die Schüler aus Bad Honnef den bundesweiten Wettbewerb „Business@School“ dreimal gewonnen, einmal den zweiten Platz belegt. Ein Zusammenspiel aus engagierten Lehrern und einer bereits bestehenden Initiative – damit ist die ökonomische Bildung am Siebengebirgsgymnasium bereits heute absolut spitze. Wir müssen also das Rad nicht neu erfinden. Lassen Sie uns vielmehr unsere Kanäle als Abgeordnete viel stärker nutzen, um die bestehenden Angebote noch stärker an unsere Schulen zu bringen, um für mehr ökonomische Bildung zu sensibilisieren. Hier befindet sich der Hebel für eine echte Stärkung der Wirtschaftskompetenz unserer Schülerinnen und Schüler. Einer weiteren Professionalisierung der ökonomischen Bildung an unseren Schulen stehen wir aufge-13.06.2024 schlossen gegenüber und freuen uns daher auf die Beratungen im Ausschuss. Vielleicht finden wir auch Zeit, das Ganze im Rahmen eines Expertengesprächs weiter zu vertiefen. – In diesem Sinne danke ich für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall von der CDU und den GRÜNEN)
