Dr. Ralf Nolten
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Vor 25 Jahren zerschellte der ICE „Wilhelm Conrad Röntgen“ an einer Bahnbrücke in Eschede wegen des Bruchs eines Radreifens; 101 Menschen starben. Drei Jahre später wurde eine Gedenkstätte vor Ort eingeweiht: Für jeden Verstorbenen wurde neben den Gleisen vor der Brücke ein Kirschbaum gepflanzt. Es gibt eine Gedenktafel mit einer Inschrift sowie Namen und Daten der Opfer. Es gibt vor allem einen ganz konkreten Ort des Unglücks. Die Flutkatastrophe vom 14./15. Juli 2021 hat von der Eifel bis nach Südwestfalen unvorstellbare Zerstörungen, menschliches Leid und den Verlust von 49 Menschenleben in Altona, in Bad Münstereifel, in Schleiden und andernorts verursacht. Menschen wurden im Haus, bei der Sicherung des Grundstücks, bei der Überquerung der Straße von den Wassermassen überrascht und starben in den Fluten. Diese Umstände machen die Gestaltung eines einzigen Gedenkortes für die Opfer der Flutkatastrophe unmöglich. Es braucht aber Gedenk- und Erinnerungsorte für das gemeinsame Gedächtnis der Menschen in NRW, für die betroffenen Kommunen, als Dank auch für die überwältigende Solidarität der vielen Helferinnen und Helfer und ganz besonders für die Angehörigen und Bekannten, die um einen geliebten Men-Landtag schen trauern, der so plötzlich aus ihrer Mitte gerissen wurde. Die psychosoziale Belastung aller Betroffenen ist bis heute spürbar. Die Flut ist noch nicht vorbei. So ist auch die Diskussion der Frage nach dem Ort und der Form des Gedenkens, des Erinnerns noch nicht abgeschlossen – weder in Bezug auf den Gedenkort nahe Blankenheimerdorf noch in den betroffenen Kommunen. Der Gedenkort des Landes wurde im Herbst 2022 in der Gestalt einer winkelförmigen Anordnung von 49 Linden in einem Naturschutzgebiet angelegt. An dieser Lage entzündete sich schon bei der Einweihung Kritik. Es gab aber auch begrüßende Stimmen: Bäume als Zeichen des Lebens, der Zuversicht, auf einer Anhöhe in der Nähe der Quellbereiche von Olef, Urft, Erft und Ahr im Kreis Euskirchen, wo mehr als die Hälfte der Getöteten ihr Leben verloren. Das Wasser kam von den Hängen und tötete in den Tälern. Die Flut als Konsequenz des Klimawandels, auch menschengemacht, aber nicht so konkret durch menschliches Versagen wie beim ICE-Unglück damals. Wie nun mit der Kritik umgehen? Jede Gestaltung wird auf Zuspruch und Ablehnung treffen. Dort, wo es am Gedenkort des Landes klar erkennbare Defizite gibt, in der Ausrichtung der Bänke – es gibt Sitzgelegenheiten –, der Beschilderung oder der Schaffung einer Parkmöglichkeit am Zugang zum Naturschutzgebiet, wird das Land sicherlich Abhilfe schaffen. Am offenen Ohr für die Angehörigen der Verstorbenen, der Betroffenen insgesamt habe ich keinen Zweifel. Gerade weil aber jeder Mensch anders trauert, braucht es differenzierte Angebote, die sowohl öffentliche als auch private Formen der Trauerbewältigung unterstützen. Beispiel: In Bad Münstereifel gibt es einen Gedenkstein für einen Getöteten in seinem Wohnort. Die Angehörigen eines anderen Getöteten haben dies abgelehnt. Für sie ist der Friedhof der Ort des Trauerns. Zusätzlich gibt es als Ort des Erinnerns die gestaltete Freitreppe an der Erft. Eine Skulptur neben dem Rathaus ist geplant. Schleiden plant einen Gedenkort mit Ausstellung und gleichgestaltete Stelen in den am stärksten von der Flut betroffenen Orten. Die Kommunen sind insgesamt also noch auf dem Weg. Obwohl sie hinsichtlich der Gedenkorte zentrale Akteure sind, werden sie aber im vorliegenden Antrag nicht erwähnt. Ich bedaure zutiefst, dass es hier keinen gemeinsamen Antrag der Fraktionen gibt, woran es auch gelegen haben mag. Ich habe danach gefragt. Das macht mir auch das Sprechen zum Antrag schwer, weil auch ich keine Politisierung des Gedenkens möchte, sondern nur die Einladung: Lassen Sie uns mit dem 24.04.2024 Ziel sprechen, Orte zur Bewältigung der Katastrophe zu schaffen. – Vielen Dank. (Beifall von der CDU und den GRÜNEN)
