Dilek Engin
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es gibt einen schönen Satz: Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast! – Damit will ich nicht suggerieren, dass die Statistik falsch ist, aber sie spiegelt auch nicht die Realität wider. Vorab möchte ich sagen, dass es gut ist, dass wir den Unterrichtsausfall nach Corona wieder statistisch erfassen. Doch hier sind wir direkt bei der Sache. Warum haben Sie bislang nicht die gesamte Unterrichtsausfallstatistik veröffentlicht, und wann können wir endlich mit den ganzen Daten, also den maschinenlesbaren Rohdaten, der Unterrichtsausfallstatistik rechnen? Dazu müssen Sie uns und der Öffentlichkeit heute eine Antwort geben. Selbst im Schulausschuss haben wir dazu noch nichts gehört. Wir wissen auch nicht, in welchen Fächern, an welchen Schulen oder Schulformen der Unterricht ausfällt oder zu welchen Stunden, welchen Tagen oder ob es die OGS betrifft. Die Schulpolitik der Ministerin ist ein großes Rätselraten. Was sie im Hinterzimmer des Ministeriums bespricht, soll bloß nicht ungeschönt an die Öffentlichkeit kommen. So ging Frau Feller genau dann zur Presse, als wir eine Woche zuvor mit einer Anfrage nach den aktuellen Daten der Ausfallstatistik gefragt haben. Aber immerhin wissen es jetzt alle schwarz auf weiß: Anspruch und Wirklichkeit dieser Landesregierung klaffen weit auseinander. Denn in der Wirklichkeit findet jede fünfte Unterrichtsstunde nicht wie geplant statt. Die Landesregierung verlangt damit von unseren Schülerinnen und Schülern bei nur 80 % Unterricht 100 % Leistung ab – und das in Zeiten von immensen Lernrückständen, Nachwirkungen der Corona-Landtag pandemie und zunehmenden psychischen Belastungen. Diesen Anspruch können Kinder und Jugendliche in diesem System nicht leisten, Frau Feller. Damit nicht genug: Es fallen sogar 5 % der Unterrichtsstunden ersatzlos aus. Da bleibt einfach nichts mehr übrig. Das ist besonders für das OGS-Angebot eine große Bedrohung. Selbst wenn es Vertretungsunterricht oder ein selbstständiges Arbeiten gibt, kann man das nicht mit einer vorbereiteten Unterrichtsstunde einer Fachlehrkraft vergleichen. Das kann ich als Gesamtschullehrerin Ihnen, Frau Feller, auch wenn Sie nie vor einer Klasse standen, garantieren. Ich finde es auch sehr schade, dass Sie in diesem Moment nicht zuhören. (Widerspruch von Dorothee Feller, Ministerin für Schule und Bildung) Aber so ist das auch im realen Leben bei Ihnen. Noch wirklichkeitsferner ging es im Schulausschuss zu, als die Ursachen für den Unterrichtsausfall genannt wurden. Es wurde tatsächlich behauptet, die Lehrerausflüge, Elternsprechtage, verkürzten Schultage aufgrund der Einschulung von I-Dötzchen seien Gründe für den enormen Unterrichtsausfall. Damit nicht genug: Die CDU argumentierte weiter, als würde der Unterricht vor allem aufgrund von Klassenausflügen zu Gedenkstätten ausfallen. Das ist faktisch falsch und grenzt an Wahrnehmungsverlust. (Beifall von der SPD und der FDP) Das waren genau die Worte. Wie gesagt, hinter den Zahlen, die wir kennen, gibt es maschinenlesbare Rohdaten, die die Landesregierung nicht herausrücken möchte. Außerdem nimmt jede Schule an einer Detailerhebung teil, die ebenfalls unter Verschluss gehalten wird. Aber selbst die Zahlen, die wir jetzt kennen, umfassen gar nicht das ganze Ausmaß an Unterrichtsausfall. Im letzten Jahr hatte sich eine Schule in Gelsenkirchen getraut, transparent zu machen, was eigentlich an unseren Schulen passiert: Der Lehrkräftemangel ist inzwischen so eklatant, dass zu bereits Beginn des Schuljahres Stunden von der Stundentafel gestrichen werden müssen. Das heißt: Die Stundenpläne der Schüler werden schon im Voraus eingekürzt, weil man nicht genug Lehrkräfte hat, um den geplanten Unterricht zu erteilen. In Gelsenkirchen wurden 200 von 1.600 Unterrichtsstunden im Voraus eingestampft. Das ist der sogenannte strukturelle Unterrichtsausfall. Auf diesen kommt der Unterrichtsausfall drauf, den diese Statistik erfasst. Wir sprechen also gerade einmal über die Spitze des Eisbergs. Das ist Frau Ministerin natürlich bewusst. Aber sie hat es bislang nicht offen ausgesprochen; denn dadurch wären die Probleme an unseren Schulen plötzlich noch dramatischer. 24.04.2024 Daher sollten Sie als ersten Schritt endlich die vollständigen Rohdaten veröffentlichen und alle weiteren Daten wie die Detailerhebungen preisgeben, um den realen Unterrichtsausfall zu zeigen. Das Einzige, womit die Schulministerin regelmäßig argumentiert, ist das Handlungskonzept, obwohl seit dessen Einführung mehr Lehrkräfte kündigen als vorher. Wir finden es sehr schlimm, dass auch da die Realität nicht gesehen wird, dass das Handlungskonzept dazu führt, dass wir nicht mehr Lehrkräfte haben. Ich gehe auf ein aktuelles Thema ein, und zwar die heute Morgen veröffentlichten Ergebnisse der Robert Bosch Stiftung. Hier kann ich nur Schlaglichter werfen. Jede dritte Lehrkraft gab an, emotional erschöpft zu sein. Jede zweite Lehrkraft beklagt die signifikant gestiegene physische und psychische Gewalt in der Schülerschaft. Auch aus der wachsenden Heterogenität an den Schulen ergaben sich neue Herausforderungen. An erster Stelle der Probleme, die gelöst werden müssen, führen die befragten Lehrkräfte allerdings den eklatanten Personalmangel an. Das Problem ist aber nicht nur, dass zu wenig neue Lehrkräfte ins System nachwachsen; denn immer mehr – nämlich erschreckende 25 % – Lehrerinnen und Lehrer würden die Schule sofort wieder verlassen, wenn sie könnten. Alles hängt mit allem zusammen. Zu wenig Lehrpersonal führt zu Unterrichtsausfall und zur Überlastung des vorhandenen Personals. Diese Erkenntnis ist bislang aber offenbar nicht zur Landesregierung durchgedrungen. Kurzum: Wer entschieden etwas gegen den Unterrichtsausfall an unseren Schulen tun will, muss mit aller Kraft für mehr Lehrpersonal sorgen sowie dafür, dass die vorhandenen Lehrkräfte durch bessere Rahmenbedingungen im System bleiben. Die Wirklichkeit haben wir nun mit den Infos, die uns vorliegen, klargestellt. Frau Feller, jetzt sind Sie an der Reihe: volle Transparenz, vollständige Statistik und volles Handeln. Ich hoffe, Sie erkennen diese Bürde an und stimmen unserem Antrag zu. – Vielen Dank. (Beifall von der SPD)
