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Susanne Schneider

FDP 21.03.2024 Sitzungen 18/59

Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! „Boah, ist die fett!“, „Boah, die könnte vielleicht auch mal ein bisschen mehr Sport machen!“, „Boah, wie wäre es denn mal mit Abnehmen?“ – solche Sprüche, die vorwiegend Frauen hören, finde ich total daneben. Noch mehr daneben sind sie, wenn sie eine Frau betreffen, die eigentlich gar nichts dafür kann, weil sie am sogenannten Lipödem leidet. Sie kann Diät oder Sport machen, aber das nützt ihr überhaupt nichts. Sie kann sich gesünder ernähren – das ist immer eine kluge Entscheidung –, auch das bringt beim Lipödem aber wirklich nicht viel. Die vielen Betroffenen – es sind fast ausschließlich Frauen – ziehen sich dann aufgrund ihrer Erkrankung immer weiter zurück. Sie trauen sich nicht mehr ins Schwimmbad. Sie gehen nicht mehr ins Restaurant, weil es da ja heißen könnte: Jetzt isst die Dicke da noch mal eine Portion. – Um solchen Verletzungen aus dem Weg zu gehen, verlassen viele Betroffene ihre eigene Wohnung gar nicht mehr. Sie leiden unter der gesellschaftlichen Ausgrenzung. So verstärkt sich der Leidensdruck noch zusätzlich. Das Krankheitsbild Lipödem wird häufig nur auf das Aussehen und auf die kosmetischen Auswirkungen reduziert. Dabei sind die seelischen Belastungen oft viel zermürbender. Sie werden auch nicht nur durch die beschriebene Ausgrenzung hervorgerufen, denn die Betroffenen leiden unter chronischen Schmerzen. Jede Berührung wird zur Qual, und manche Betroffene können vor Schmerzen irgendwann nicht einmal mehr schlafen. Das zerrt an der Seele, das zerrt an den Nerven, und es deprimiert die Betroffenen zunehmend. Die Leidensgeschichten sind häufig sehr lang. Obwohl das Lipödem eine verbreitete Krankheit ist, wird es oftmals nicht erkannt. Sehr häufig wird es mit Adipositas verwechselt. So kann ein Diagnose-Gap von oft rund 20 Jahren entstehen. Es sind für Betroffene 21.03.2024 Jahrzehnte des Leidens und der Verzweiflung. Es ist vielfach ein Marathon von Praxis zu Praxis. Die Therapieverzögerung sorgt dafür, dass sich das Lipödem auch noch ausweiten kann. Eine späte Diagnose erschwert zudem eine effektive Behandlung. Die neuesten Lipödem-Leitlinien aus dem Januar 2024 empfehlen in schweren Fällen eine Operation. Das krankhaft massiv vermehrte Fettgewebe unter der Haut an Armen und Beinen soll operativ entfernt werden. Die medizinischen Fachgesellschaften sind sich einig, die Ergebnisse der Liposuktion seien in früheren Stadien deutlich besser. Selbst wenn die Operation nicht gesund ist und belastend sein kann, ist die damit erzielte Erleichterung für die Betroffenen enorm. Sie können sich wieder besser dem Alltag stellen, sind beruflich wieder einsatzfähig und müssen nicht unter orthopädischen Begleiterkrankungen wie Gelenksverschleiß leiden. Ärztinnen und Ärzte müssen daher besser aus- und weitergebildet werden, um das Lipödem frühzeitig und effektiv behandeln zu können. Auch spezialisierte Ärzte gibt es zu wenig. Bei ihnen kommt es dann zu extremen Wartezeiten. Daher können wir über jedes neue Angebot froh sein. So bietet seit vorletzter Woche das Schmerzzentrum der Uniklinik Köln als erstes Zentrum in Deutschland eine Spezialsprechstunde Lipödemschmerz an. Hoffentlich macht dieses Beispiel Schule. Für mich ist es ein Herzensanliegen, das Bewusstsein für das Lipödem in der Gesellschaft zu schärfen. Wir müssen diese Stigmatisierung stoppen und Verständnis fördern. Es ist höchste Zeit, dass wir die Augen nicht länger verschließen. Einen wichtigen Beitrag dazu leistet bereits die Lipödemselbsthilfe. Diese Vereine erbringen eine unschätzbare Arbeit. Sie bieten Informationen, Unterstützung und ein offenes Ohr. Von der Landesregierung haben die deutlich mehr Unterstützung verdient. Wir wissen leider auch immer noch zu wenig über diese chronische Krankheit, über ihre Ursachen und was genau im Körper passiert. Wir wissen noch nicht einmal genau, wie viele Frauen in Deutschland darunter leiden. Die Dunkelziffer ist sicher hoch. Manche Annahmen gehen sogar davon aus, dass jede zehnte Frau betroffen ist. Es ist daher längst an der Zeit, mehr in die Forschung zu investieren. Die Landesregierung sollte daher prüfen, welche Folgestudien über die LIPLEG-Studie hinaus für die weitere Erforschung des Krankheitsbildes sinnvoll sind. (Beifall von der FDP) Hochschulen und Universitätskliniken sind darüber hinaus zu unterstützen, um die Erforschung der Ursachen durch neue Diagnoseverfahren zu ermöglichen und somit bessere Behandlungsmöglichkeiten zu gewährleisten. Landtag Das Lipödem muss raus aus der Tabuzone. Ich bin mir sicher, dass wir in den Beratungen im Fachausschuss zu guten Ergebnissen kommen können, um den betroffenen Frauen besser und effizienter zu helfen. – Ich danke Ihnen. (Beifall von der FDP)

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