Zacharias Schalley
Herr Präsident! Werte Damen und Herren! Ich bin durchaus beeindruckt, wie es die Kollegen der SPD schaffen, derart sicher aufzutreten, obwohl sie, um im Bild der Streuobstwiese zu bleiben, schon im zweiten Satz ihres Antrags Äpfel mit Birnen vergleichen. Dort heißt es, mit dem Rückgang beim Bestand an Streuobstwiesen gehe auch ein Stück unberührter Natur verloren. Nun gebe ich Ihnen gerne ein wenig Nachhilfe in der Kulturgeschichte des Obstes und der Streuobstwiese. Die Römer waren es, die die heute verbreiteten Obstsorten wie Äpfel, Birnen und Kirschen, aber auch die Walnuss nach Mitteleuropa brachten. Diese für hiesige klimatische Verhältnisse nicht sehr geeigneten Gewächse wurden dann über Jahrhunderte der Zucht, zum Beispiel von Mönchen in mittelalterlichen Klöstern, an unsere Breitengrade und die für den Menschen genehmen Eigenschaften wie Ertrag, Lagerfähigkeit, Dörrfähigkeit usw. angepasst. Mit der Zeit entstanden so die heute bekannten Obstsorten. Landtag Ab dem 17./18. Jahrhundert wurden dann auf Druck der Territorialherren um die Dörfer herum die bekannten Streuobstwiesen angelegt. Auch heute ist eine Streuobstwiese mitnichten unberührte Natur, sondern zu 100 % das Produkt von Menschen. Sie ist sogar das Paradebeispiel dafür, dass die Natur bei uns in erster Linie vom Menschen geschaffene Kulturlandschaft ist. Viele Obstsorten müssen veredelt, also beispielsweise mit Reisern auf eine Unterlage aufgepfropft werden. Der so entstandene Obstbaum wird dann vom Menschen entsprechend geschnitten – als Halb- oder Hochstamm oder gar als Spalierobst. Obstbäume müssen jährlich vom Menschen geschnitten werden, damit sie langfristig Früchte tragen und nicht eingehen. Damit sind wir beim entscheidenden Punkt, weshalb die Streuobstwiesen bei uns bedroht sind: Das Wissen um ihre Pflege geht mehr und mehr verloren. Wo früher das Wissen um Pflege und Schnitt der Obstbäume selbstverständlicher Bestandteil einer gärtnerischen oder landwirtschaftlichen Lehre, ja sogar Teil der Hauswirtschaftslehre war, so sind Kenntnisse über Veredelungstechniken und Erziehungs- oder Verjüngungsschnitte beim Obstbaum heute wenigen Spezialisten vorbehalten. Mit dem Obst ist es wie mit Traditionen: Was nicht gepflegt wird, das wird vergehen. In Nordrhein-Westfalen sind allein zwischen den 60er-Jahren und 2005 knapp drei Viertel aller Streuobstwiesen verloren gegangen. Diese dramatische Bestandsentwicklung hat sich lange abgezeichnet. Weil zwischen 1950 und 1990 zu wenig nachgepflanzt wurde, ist ein großer Teil des heutigen Restbestands bereits überaltert und hat nur noch eine begrenzte Lebenserwartung. So kam es in einigen Regionen wieder vermehrt zu Neupflanzungen, aber die Pflege der jungen Bäume wurde oft vernachlässigt, sodass sie erst gar nicht richtig wachsen konnten. Vor diesem Hintergrund ist die schleppende Kartierung natürlich ein schwerwiegendes Hindernis, um den tatsächlichen Zustand unserer Streuobstwiesen zu erfassen. Der Antrag der SPD-Fraktion ist vor dem Hintergrund der geltenden Gesetzeslage aber redundant. Hauptverantwortlich für die Bestandsgefährdungen sind Rodungen für Siedlungsflächen, Überalterung, Verfall, Nutzungsaufgabe oder die fehlende Neuanlage. Darüber hinaus nimmt der Nutzungsdruck auf die verbliebenen Flächen zu, sodass sich eine extensive Nutzung kleinerer Parzellen meist nicht rechnet. Sowohl die SPD als auch die dunkelgrüne Landesregierung kranken beim Thema „Umweltschutz“ an ihrem falschen Verständnis des Begriffs. Wir müssen die Natur als Kulturlandschaft begreifen, die den 30.11.2023 Menschen braucht, wenn sie langfristig erhalten bleiben soll. Wenn dem Schutz der Obstbaumbestände der grünen Landesregierung nur ein Bruchteil der Bedeutung zukommen würde, wie es bei ideologiegeleiteten Projekten gegen den Klimawandel oder dem zweiten Nationalpark als Wildnisentwicklungsgebiet der Fall ist, wäre unsere Kulturlandschaft keiner derartig bedrohlichen Situation ausgesetzt. Rechenspiele wie 30 % Landesfläche unter Naturschutz zu stellen oder die Unterschutzstellung bei 5 % Abnahme der Fläche von Streuobstwiesen offenbaren eine rein technokratische Denkweise von Natur. Die Kulturlandschaft muss vom Menschen gepflegt und genutzt werden. Nur so bleibt sie langfristig erhalten. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD)
