landtag.nrw.de ↗

André Kuper

26.10.2023 Sitzungen 18/46

Vielen Dank, Herr Schalley. – Für die Landesregierung spricht nun Frau Ministerin Gorißen. Silke Gorißen, Ministerin für Landwirtschaft und Verbraucherschutz: Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Vertical Farming ist platzsparend, witterungsunabhängig, verbrauchernah, faszinierend, technisch herausfordernd und eine interessante Option für die Megastädte der Zukunft. Liebe FDP-Fraktion, bis hierhin sind wir uns recht einig. Ich gebe gerne zu, dass ich ein solches Gewächshaus wirklich spannend finde. Ohne Frage ist das Narrativ rund um Vertical Farming interessant. Aber ich hätte mir in dieser Frage doch eine rationalere Beurteilung und einen klareren Blick auf die Realität von der FDP-Fraktion gewünscht. (Beifall von der CDU) Die Idee des Vertical Farmings ist ja nicht neu. Startups dazu sprießen seit nunmehr fast 20 Jahren weltweit aus dem Boden und haben im Übrigen jede Landtag Menge Risikokapital akquiriert, und zwar ganz ohne staatliche Hilfe. Bis in die Discounter hatte es die Idee bei uns auch schon geschafft. In mehreren Supermärkten konnte man bis vor einiger Zeit frische Kräuter aus den Gewächshausschränken der Firma Infarm kaufen. Die werden Sie jetzt nicht mehr finden, weil die harte Realität die gute Idee eingeholt hat. Das mag man bedauern, aber man sollte es auch nicht einfach ausblenden, sondern die Gründe dafür hinterfragen. Sehr geehrte Abgeordnete der FDP, Sie haben in Ihrem Antrag die größte europäische Vertical-Farming-Anlage in Dänemark, die Firma Nordic Harvest, als leuchtendes Beispiel angeführt. Dort werden 1.000 t Gemüse pro Jahr auf nicht einmal 1 ha produziert. Das ist beeindruckend, keine Frage, aber wenn Sie sich einmal ansehen, mit welchem technischen Aufwand diese Produktion verbunden ist, dann werden Sie verstehen, warum man mit der Beurteilung der Wirtschaftlichkeit ein wenig vorsichtig sein sollte. Hier wird unter Reinraumbedingungen produziert, wie man sie sonst eher aus dem Weltraum oder bei der Chipproduktion kennt. Eine solche Produktion erfordert Unmengen an LED-Lichtern, an Pumpentechnik für die Nährlösungen, an Lüftungstechnik, Kühl- und Heizaggregaten usw. Der Strombedarf wird auch nicht dadurch geringer, dass man bei Nordic Harvest ausschließlich Windstrom einsetzt. Die jetzt aus den Discountern verschwundenen Gewächshäuser der Firma Infarm aus Berlin sind, so jedenfalls die Firma, wegen der hohen Energiekosten entfernt worden. Infarm war noch vor Kurzem über 1 Milliarde Euro wert, aber im Dezember wurde mehr als 500 Mitarbeitenden gekündigt. Das Unternehmen hat seinen Angaben nach seine Zukunft nicht mehr in Europa gesehen, und zwar aufgrund – laut Unternehmen – anhaltend hoher Energiekosten. Ich möchte die Idee des Vertical Farmings nicht klein- und schon gar nicht schlechtreden – darum geht es mir nicht –, aber den großen Hype, den die FDP mit ihrem Antrag eventuell auslösen möchte, kann ich an dieser Stelle nicht teilen. (Beifall von der CDU und den GRÜNEN) Wenn ich mir Ihre Forderungen an die Landesregierung ansehe, kann ich auch nur feststellen: Das haben wir alles schon erledigt, da sind Sie sowieso zu spät, lieber Herr Brockes. Modellprojekte zu Vertical Farming gibt es bereits. Die NRW-Forschungsförderung ist so breit aufgestellt, dass damit auch Projekte zu Vertical Farming gefördert werden können, wenn es Antragsteller dafür gibt. Die Investitionshilfeprogramme aus dem Wirtschaftsministerium oder seitens der NRW.BANK stehen selbstverständlich auch für Vertical-Farming-Unternehmen zur Verfügung – zu den gleichen Konditionen wie auch für andere Branchen oder Geschäfts-26.10.2023 ideen. Es kann jedenfalls nicht Aufgabe des Landes sein, mit den offenbar zahlreich vorhandenen Risikokapitalgebern zu konkurrieren. Die Vernetzung und den Austausch der Branche untereinander hat unser Forschungsnetzwerk NRW-Agrar gemeinsam mit dem Kompetenznetzwerk Umweltwirtschaft.NRW schon 2018 angestoßen. Die einzige große Messe zum Vertical Farming findet hier in NRW, nämlich in Dortmund, statt. Dort gibt es eine breite Diskussionsplattform. Auch das ist also schon erledigt. Zum Schluss zum Bau- und Genehmigungsrecht: Wenn es hier tatsächlich ungerechtfertigte Hürden geben sollte – jedenfalls momentan sind uns keine bekannt –, werden wir sie anpacken. Das werden wir gerne tun. Liebe Abgeordnete der FDP, benennen Sie uns diese Hürden dann aber bitte erst einmal konkret und nicht nur in einem Rundumschlag zum Bürokratiebashing. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall von der CDU und den GRÜNEN)

Alle Reden von André Kuper Protokoll ↗