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Julia Kahle-Hausmann

SPD 26.10.2023 Sitzungen 18/46

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Die hängenden Gärten der Semiramis, Bosco Verticale – die Zwillingstürme in Mailand – oder die Forest City in Liuzhou: Es gibt viele Beispiele und Gründe dafür, sich mit Pflanzenwachstum in Städten zu beschäftigen. Wir haben in NRW als bevölkerungsreichstes Bundesland mit großen Ballungszentren schon jetzt ein großes Problem mit Flächenknappheit, und es wird jeden Tag größer, weil es viel einfacher ist, auf der sprichwörtlichen grünen Wiese zu bauen als konsequentes Flächenrecycling zu betreiben. Wir bedienen uns allzu häufig an den Agrarflächen im Land, und was nicht durch Siedlungsbau überplant wird, dient bereits vielen Profiteuren als Spekulationsobjekt. Landtag Verlierer sind hier wie so häufig Landwirte und Landwirtinnen, langfristig aber auch die gesamte Gesellschaft. Denn immer mehr Lebensmittel müssen auf immer kleinerer Fläche produziert werden. Wir müssen endlich mal akzeptieren, dass dieses ewige Wachstum sich wieder mal als Märchen entpuppt, wie in vielen anderen Bereichen auch. Der Ansatz des Vertical Farmings ist gar nicht so neu, aber in NRW noch nicht wirklich ganz auf dem Schirm. Dieser Ansatz kann aber tatsächlich zukünftig den Flächendruck reduzieren. Gerade in Großstädten und Ballungsräumen kann Vertical Farming eine wichtige Ergänzung zur konventioneller Lebensmittelproduktion sein. Insofern begrüßen wir den vorliegenden Antrag als Anstoß für eine tiefergehende Diskussion. Allerdings beschreibt der Antrag nur die idealisierte Schokoladenseite dieser Idee, Herr Brockes. Das reicht uns aber nicht, und deshalb ist er uns auch nicht substanziell genug. Gerade in den letzten zwei Jahren ist in der Agrartechnikszene doch deutlich geworden, wie abhängig diese vertikalen Indoorsysteme von günstiger Energie sind. Für die Nichtagrarier unter uns: Beim Vertical Farming muss das Sonnenlicht ersetzt werden. Es müssen bestimmte Farbspektren erreicht, Bewässerungssysteme durch Pumpen in Gang gehalten werden und Belüftung sowie Temperierung gewährleistet sein. Das alles ist energieintensiv. Bei Salat ist das vergleichsweise günstig. Bei Kartoffeln allerdings geht das noch nicht so richtig. Das lassen Sie aber geflissentlich unter den Tisch fallen. (Zuruf von Dietmar Brockes [FDP]) Jetzt frage ich Sie: Zur Versorgung der Bevölkerung ist Salat passabel, aber Kartoffeln sind vielleicht doch ein bisschen wichtiger, oder? (Dietmar Brockes [FDP]: Das soll das nicht komplett ersetzen! Das habe ich auch gesagt!) Außerdem muss ich Ihnen vorwerfen, nicht ordentlich recherchiert zu haben. Sie fordern Konzepte und Pilotprojekte. Dabei ist die Realität tatsächlich schon viel weiter. Herr Wolters hat es gerade gesagt: Sie haben einen Betrieb besucht. Es gibt bereits einige Vertical-Farming-Piloten in NRW, zum Beispiel OrbiPlant und OrbiLoop vom Fraunhofer Institut in Aachen oder den ALTMARKTgarten auf dem Oberhausener Jobcenter. Auch in Köln wird gerade eine 2.000 m2 große Vertical-Farming-Anlage geplant. Insofern haben wir den Eindruck, dass wir über die Phase der Modell- und Pilotprojekte schon hinaus sind. Eine klare Erfassung aller bereits existierenden Projekte und Ansätze, gerade auch auf kommunaler Ebene, erscheint uns da deutlich zielführender. Das hilft auch bei der Bewertung und Beurteilung dessen, 26.10.2023 was wir landesseitig noch anpacken müssen, gerade auch bei der Finanzierung und den Investitionserleichterungen, die Sie ja völlig zu Recht in den Blick nehmen. Bestehende Förderprogramme für die Landwirtschaft zielen sehr häufig auf den ländlichen Raum. Das ist einerseits richtig, andererseits aber nicht immer passend für urbane Ansätze. So wurden einige Vertical-Farming-Ansätze im Rahmen der Bioökonomie durch das BMBF gefördert. Das bedeutet aber, dass es Schnittstellen zu anderen wichtigen Themen gibt, was Ihnen aber irgendwie durchgegangen ist. Mit Blick auf die Vernetzung stimmen wir Ihnen zu, dass ein Landesdialog gerade in NRW mit seiner Vielzahl an Forschungsinstituten und urbanen Lebens- und Wirtschaftsräumen eine klasse Idee ist. Aber auch hier gilt: Das gibt es schon. Der Foodhub NRW übernimmt die wichtige Aufgabe schon. Vielleicht kann hier ein institutioneller Ansatz auf Landesebene Lücken schließen. Darüber können wir gerne reden. Neue Methoden des Lebensmittelanbaus können einen wichtigen Beitrag zur regionalen Versorgung unserer Städte leisten. Sie werden aber nie die konventionelle Landwirtschaft ersetzen, was Sie auch völlig richtig gesagt haben, Herr Brockes. (Dietmar Brockes [FDP]: Danke!) Sie sollten aber auch nicht als Ausrede für weiteren Flächenfraß herhalten, weil etwas anderes geplant werden kann. Viele Kommunen und Start-ups haben sich bereits auf den Weg gemacht. Es gibt eine ganze Reihe an Firmen und Initiativen, die über das BMBF, das BMEL und teilweise auch über Stiftungen finanziert werden. Gerne werden auch wir von Landesseite aktiv und arbeiten an der Förderung neuer Ansätze. Aber eine ordentliche Diskussion über alles, auch über andere alternative Anbauformen, muss noch vorgeschaltet sein – bitte nicht mit Schnellschüssen, sondern fachlich gut vorbereitet. Daher freuen wir uns auf die Beratung im Ausschuss und stimmen der Überweisung natürlich gerne zu. – Danke schön. (Beifall von der SPD)

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