Dr. Martin Vincentz
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Die SPD legt uns heute eine Fleißarbeit ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiter zum Thema „seelische Gesundheit“ vor, die in der Tat über 100 Forderungen enthält. (Thorsten Klute [SPD]: Oh! – Rodion Bakum [SPD]: Das ist eine Teamarbeit!) Die anderen Fraktionen haben schon erklärt, dass man innerhalb von fünf Minuten kaum alles sinnstiftend abhandeln und Sinn von Unsinn auseinanderdividieren kann. Ich nehme aber an, dass nach der Überweisung noch eine Anhörung stattfinden wird und wir noch viel Gelegenheit haben werden, uns darüber zu unterhalten; denn es ist ein wichtiges Thema. Ich würde gerne die verbleibenden viereinhalb Minuten für einige grundlegende Erörterungen nutzen wollen. (Thorsten Klute [SPD]: Muss nicht sein!) Ich möchte mit der Frage starten, ob Sie mal von Theodore „Ted“ Kaczynski gehört haben. (Zuruf von Thorsten Klute [SPD]) 26.10.2023 Er ist Ihnen vielleicht eher bekannt – zur Not nach der Netflix-Doku, NRW-Abitur – unter dem Namen „Unabomber“. Es ist ein Ökoterrorist – so würde man ihn wahrscheinlich heute beschreiben –, der in den 70er-, 80er- und 90er-Jahren Briefbomben an verschiedene Personen verschickt und damit tragischerweise auch einige Todesopfer verursacht hat. Jetzt könnte man sagen, Fall abgehakt, ein verwirrter Geist, vielleicht ein tragischer Fall psychischer Erkrankung, vielleicht aber auch nur ein Terrorist, und das Ganze wäre gegessen. Wenn man aber ein bisschen weiter in seine Biografie schaut, stellt man fest: Es ist wirklich eine ganz tragische Geschichte. Dieser Mann hat nicht nur als mathematisches Wunderkind begonnen und dann mit einer Juniorprofessur an einer Eliteuniversität in den USA seine Karriere fortgesetzt, sondern er wurde von seiner Regierung aller Wahrscheinlichkeit nach in einem US-amerikanischen Programm gefoltert – eine wilde und wüste Geschichte, die müssen Sie sich angucken –, bevor er sich dann in einer einsamen Kabine in die Natur zurückgezogen und dort ein Manifest geschrieben hat. Nun kann man sagen, das Schreiben eines Manifests ist Terroristen nicht fremd. Allerdings – und das ist recht spannend – wird genau dieses Manifest heute im Zusammenhang mit Digitalisierung, mit ChatGPT und mit Kontrollverlust, was künstliche Intelligenz angeht, von vielen Größen der Techbranche zitiert, sei es Sam Altman, sei es Mark Zuckerberg, seien es andere, die immer wieder auf ihn verweisen. Dieses mathematische Wunderkind scheint also irgendwie, vielleicht auch in seinem Wahnsinn, einen wunden Punkt getroffen zu haben. Was er anspricht, das sind zwei sehr wesentliche Säulen: Zum einen sagt er, dass innerhalb der letzten 200 Jahre, im Prinzip seit dem 19. Jahrhundert, das technische Vorankommen derart rasant war, dass die menschliche Evolution dem offensichtlich nicht gewachsen war. In der Tat spielen wir eigentlich auf einer Hardware, die noch bei einem Menschsein verblieben ist, das eher daran gewöhnt ist, rund ums Lagerfeuer in Kleinstgruppen zwischen Jägern und Sammlern zu sitzen. Unsere gesamte Gestalt, unser gesamtes Wesen basiert im Prinzip immer noch darauf. Bei dem, was in den letzten 200 Jahren rasant passiert ist, sind wir nicht hinterhergekommen. Eine zweite wesentliche Beobachtung stellt er an – das ist nicht ganz falsch, wenn Sie darüber nachdenken –, und zwar dass wir – das ist genau der biologische Kern des Menschseins – offensichtlich mit vielen Facetten der Moderne nicht wirklich klarkommen. Da sind die ständige Lärmbelastung, das Miteinander, die großen urbanen Räume und auch die Arbeitsbelastung, die in einem wunderbaren Chaplin-Film so schön zusammengefasst wurde, die kaum Landtag mehr sinnstiftend ist, sondern eher nur noch als repetitiver Wahnsinn wahrgenommen wird. Viele Episoden der Moderne können fast nur noch als kafkaesk, als orwellianisch, als zynisch beschrieben werden und führen offensichtlich dazu, dass ein nicht unerheblicher Anteil der Menschen mit psychischer Krankheit darauf reagiert. Es ist ja nun wirklich kein Geheimnis, dass wir vielleicht ein Stück weit überdiagnostizieren, dass heute schlichtweg mehr Menschen mit psychischer Krankheit gesehen werden als noch vor einigen Jahren. Es ist auch kein Geheimnis, dass die von Ihnen so geliebten Coronamaßnahmen sicherlich zu einer Explosion der Fälle geführt haben. Dennoch stellt man bei all dem fest, dass immer mehr Menschen unter psychischen Erkrankungen leiden. Die Frage ist doch, woran genau das liegt und ob es nicht viel mehr braucht als eine Zunahme der Psychotherapeutenplätze, wenn wir dieses wichtige Thema diskutieren, sondern tatsächlich eines Masterplans für psychische Gesundheit bedarf, der uns als Gesellschaft in ihrem Tiefsten berührt. Wenn wir uns an dieser Stelle Zeit dafür nehmen, über psychische Gesundheit zu sprechen, dann vielleicht auch, um den alltäglichen Wahnsinn einmal zu reflektieren – das, was wir machen, was Gesellschaft mit uns macht, ob wir uns unter Umständen Lebensbedingungen unterwerfen, die wir als Politiker selbst entwerfen. Der Mensch ist zum Glück sehr anpassungsfähig, aber viele Menschen können das eben nicht vernünftig copen, können nicht vernünftig damit umgehen, sodass man eigentlich nur noch in Verrücktheit verfallen kann. Es gibt immer Stoiker, die mit allem sehr gut zurechtkommen – mit persönlichem Verlust und auch mit Moderne –, aber es gibt offensichtlich einen immer größeren Teil der Menschheit, der nicht sehr gut mit der Moderne klarkommt, sodass wir mittlerweile in US-amerikanischen Ballungsräumen fast von einer Mehrheit von Menschen ausgehen müssen, die Psychopharmaka nehmen. Wenn Sie sich – Herr Bakum hat es ausgeführt – in Ihrer Bekanntschaft, in Ihrer Verwandtschaft umschauen, dann werden Sie feststellen, dass die Fälle derer, die mit Depressionen, mit Ängsten, mit anderen psychischen Erkrankungen reagieren, immer mehr werden. Die Frage bleibt – das möchte ich Ihnen an dieser Stelle mitgeben –: Woran liegt das eigentlich? Vielleicht kann sich ein Masterplan in allererster Linie damit beschäftigen, bevor wir dann an den Symptomen herumkurieren, wie die Politik das gerne macht. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD und Dr. Christian Blex [fraktionslos]) 26.10.2023
