Julia Kahle-Hausmann
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Mittlerweile sind wir im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“; denn es vergeht kaum ein Plenum, in dem wir uns nicht mit der kruden Mischung aus Identitäts- und Landwirtschaftspolitik befassen müssen, die uns die AfD hier auftischt. In der letzten Sitzung ging es um Neobiota. Heute geht es um die Nutzung und Rettung alter Nutztierrassen. Wie auch beim letzten Mal ist Ihr Antrag wirr und unübersichtlich und zeugt von mangelndem Fachwissen. Mal ehrlich: Ist es Ihr Ernst, die kulturelle Identität in NRW von der Hühnerrasse der Westfälischen Totleger oder vom Bentheimer Landschaf abzuleiten? (Beifall von der SPD und den GRÜNEN – Ver- einzelt Beifall von der CDU) Diese Verknüpfung können Sie nur aus irgendwelchen Quellen konstruiert haben, um die wirkliche Fachleute einen Bogen machen. 25.10.2023 Die Konzentration des Zuchtmarkts für Nutztiere auf wenige Konzerne ist zweifellos mit großer Sorge zu betrachten. Ihr Antrag ist dafür aber sicher nicht einmal ein kleiner Schritt zur Lösung. Sie ziehen geradezu eine Schlangenlinie von Tierzucht zu Monokulturen auf dem Acker und einer ausgeräumten Agrarlandschaft. Ich habe schon im letzten Plenum versucht, Ihnen zu erklären, dass es längst nicht eine Monokultur sein muss, wenn nur eine einzige Pflanzenart auf einem Acker steht. Offensichtlich fruchten Fakten bei Ihnen aber nicht. Erklären Sie jetzt einmal wirklich, wie der Erhalt des Siegerländer Kuhhunds oder des Westfälischen Totlegers dazu führt, dass wir diversere und klimastabilere Fruchtfolgen bekommen – die wir übrigens in vielen anderen Bereichen nicht nur fördern, sondern schon längst in der Realität sehen. In der Begründung Ihres Antrags listen Sie weitere Einzelbeispiele von Nutztierarten auf, die alle gefährdet sind, aber überhaupt nichts mit den von Ihnen fokussierten Landschaftsgestaltungen zu tun haben. Erst beim Bentheimer Landschaf kriegen Sie die Kurve und verweisen auf die Dingdener Heide. Ich muss Sie aber enttäuschen. Denn das Bentheimer Landschaf fällt nicht nur bereits unter die Förderung der alten Nutztierrassen, sondern auch niemand aus Dingden und Umgebung verbindet seine Identität untrennbar mit dem Bentheimer Landschaf, so schön diese Tiere auch sind. (Heiterkeit und Beifall von der SPD – Beifall von der CDU und den GRÜNEN) Deshalb frage ich Sie, Herr Schalley: Welche identitätsstiftenden Merkmale verbindet Sie mit diesem Schaf? (Heiterkeit von der SPD und Zacharias Schal- ley [AfD]) Dann schreiben Sie von der wichtigen genetischen Ressource alter Nutztierrassen und Resistenzgenen. Offenbar haben Sie aber nicht verstanden, dass sich dieser Begriff vorrangig auf Antibiotika oder Herbizidresistenzen in der Pflanzenzucht bezieht. Was Sie meinen, ist die Möglichkeit der Einkreuzung von Eigenschaften, die stabiler gegen Parasiten und Tierpathogene machen. Das nennt man Genom Editing. Bitte; gern geschehen. (Heiterkeit und Beifall von der SPD – Verein- zelt Beifall von der CDU und den GRÜNEN) Dass ein größerer und diverserer Genpool gerade mit Blick auf Krankheiten und Toleranz von Begleiterscheinungen des Klimawandels sinnvoll ist, ist unbestritten. Das gilt für Pflanzen genauso wie für Tiere. Genau aus diesem Grund wird auch schon seit Langem auf Bundesebene eine Gendatenbank aufgebaut, die mittlerweile viele Erbgutproben alter und Landtag gefährdeter Nutztiere enthält. Angesiedelt ist diese Gendatenbank beim Friedrich-Loeffler-Institut in Mariensee. Zudem gibt es das nationale Fachprogramm für einheimische Nutztierrassen in Deutschland und das Projekt der Arche-Höfe. Die Schäferei Moorhof ist zum Beispiel an die Biologische Station Zwillbrock im westlichen Münsterland angegliedert; das liegt übrigens in der Nähe von Dingden. Sie beweidet die Moorlandschaft mit Weißen Hornlosen Heidschnucken, vertreibt regionale Produkte und stellt sogar ein Kochbuch bereit. Das heißt im Umkehrschluss: Wir können uns Ihr Pilotprojekt klemmen. In diesem Zusammenhang ist Ihnen offenbar auch entgangen, dass es in NRW kein Biosphärenreservat – danke schön, Herr Dr. Nolten – und insofern auch kein Biosphärenprodukt gibt. Vielleicht beantragen Sie erst einmal die Ausweisung eines Biosphärenreservats, bevor es weitergeht. Hinsichtlich der Aufnahme von Kleinvieh in die Förderprogramme hätten Sie sich die Mühe machen sollen, sich einmal näher mit der Landschaft der vielen Klein- und Rassetierzuchtverbände zu beschäftigen. Das wäre vermutlich zielführender gewesen. (Beifall von Dr. Ralf Nolten [CDU]) Förderungen auf Vereinsebene machen hier deutlich mehr Sinn. Ein Indiz dafür ist schon die Nutzung von Großvieheinheiten als Referenzeinheit. Eine Großvieheinheit sind übrigens um die 320 Hühner. Daran sieht man, dass Sie die gängigen Begriffe zwar gegoogelt haben, aber nicht in der Lage sind, sie mit der Realität abzugleichen oder auf Relevanz zu prüfen. Zusammengefasst: Sie nutzen mal wieder ein landwirtschaftliches Thema, um krude identitätspolitische Thesen zu verbreiten und eine YouTube-fertige populistische Rede zu halten, haben sich aber nicht die Mühe gemacht, vernünftig zu recherchieren, und bieten keine Lösungsansätze. Die Themen „alte Nutztierrassen“ und vor allem „Oligopolie im Zuchtbereich“ kann und muss man diskutieren. Das machen wir auch gern im Ausschuss. Da können Sie vielleicht auch noch etwas lernen. Seltsamerweise findet man Ihre Lernerfahrung leider nie in den Social Media. Im Ausschuss diskutieren wir dann bitte lösungsorientiert und ohne die von Ihnen ausgedachten Bedeutungen für irgendjemandes kulturelle Identität. Die besteht nämlich aus deutlich mehr als Geflügel. Noch eine kleine Replik zu der Lippegans: Ich habe mitbekommen, dass die Lippegans ihren Ursprung in Lippstadt und Umgebung hat – und nicht im Fürstentum Lippe. Bitte schön; dies vielleicht auch noch einmal als Lernerfahrung. – Danke. (Beifall von der SPD, der CDU, den GRÜNEN und der FDP) 25.10.2023
