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Dr. Martin Vincentz

AfD 25.08.2023 Sitzungen 18/41

Vielen lieben Dank. – Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Vielleicht haben Sie folgende Zuschrift ebenfalls erhalten: Meine Tochter Svenja hat Alopecia. Sie verlor vor etwa drei Monaten ihre Wimpern an einem Auge und hat seit gestern zwei große kahle Stellen am Kopf. Die Kleine fängt nun an, sich zu verstecken, sie ist sieben Jahre alt und war bislang ein offenes, selbstbewusstes Mädchen. Sie möchte einfach nur normal aussehen, sie ist total am Boden zerstört. Ich bin es im Übrigen auch. Dieses ist nur eines von Zehntausenden Beispielen, die zeigen, wie einschneidend die Erkrankung Alopecia areata und ihre Unterformen für das Selbstbild, ja für die Psyche der Menschen sein kann. Aber was muss man diesen Menschen nach aktuellen Leitlinien sagen? Alles halb so wild! Dir fallen schließlich nur die Haare aus. Das ist eine Lifestyle-Erkrankung. – So argumentiert zumindest der Gemeinsame Bundesausschuss. Dabei wurde erst im Juni 2022 von der EU-Kommission ein erstes Medikament zur Behandlung von Alopecia areata zugelassen, weitere werden voraussichtlich dieses Jahr noch folgen. Es gäbe also eine Behandlungsmethode, um Tausenden Menschen wie Svenja zu helfen. In Deutschland wird das 25.08.2023 Medikament allerdings als Lifestyle-Arzneimittel abgetan. Die Folge, die daraus resultiert: Die Betroffenen müssen die Kosten selbst tragen. Eine Monatspackung kostet ca. 1.200 Euro. Wer von den Betroffenen soll sich das auf Dauer leisten können? Der GBA ist allerdings der Meinung, dass Svenja als junges Mädchen mit einer Glatze leben muss, da sämtliche therapeutischen Ansätze nur als Mittel zur Verbesserung des Haarwuchses dienen. Von der Psyche wird da gar nicht erst gesprochen. Damit ist der einzige Ausweg für viele schlichtweg die Perücke, oftmals also ein Stück Kunst- oder Echthaar, was jungen Mädchen und Frauen ein Stück Würde im Leben wieder zurückgibt, welche sie sich so sehr wünschen und auch verdienen. Aber auch hier kann die Gesellschaft – vor allem im Kindesalter – sehr gemein sein. Lara, ein neunjähriges Mädchen, hat seit vier Jahren Alopecia universalis. Das bedeutet, sie hat keine Haare mehr auf dem Kopf, ihr fehlen die Wimpern, Augenbrauen und Körperhaare. Ihre Familie ist 2021 umgezogen, und Lara ist auf eine neue Schule gekommen. Ihre Klasse ist zum Glück sehr lieb zu ihr, aber in der Pause gibt es eine Mädchengruppe, die sie hänselt, über sie tuschelt, mit dem Finger auf sie zeigt und sagt, dass ihre Perücke hässlich sei. Lara traut sich seither nicht mehr, in die Pause zu gehen, obwohl der Lehrer mit der Gruppe gesprochen hat. Lara und auch Svenja sind nicht die einzigen beiden Kinder, die an Alopecia areata im Kindesalter leiden. Laut der Berliner Charité erleben 40 % der Patienten bis zum Alter von 20 Jahren einen ersten Krankheitsschub. Wir sprechen dabei von Zehntausenden Patienten. Dabei ist die emotionale Belastung der Kinder oft sehr groß, und eine Verringerung der Lebensqualität ist zu beachten. In diesem Zusammenhang möchte ich vielleicht den Anlass noch einmal nutzen und darauf hinweisen, dass aktuell eine Querschnitts-Beobachtungsstudie der Berliner Charité läuft, die die emotionale Belastung und das Auftreten von Mobbing bei Kindern und jugendlichen Patienten mit Alopecia areata in Deutschland und anderen europäischen Ländern untersucht. Falls Sie also Kinder und Jugendliche kennen, die unter Alopecia areata leiden, wäre es schön, wenn Sie diese auf die Studie hinweisen würden, damit sie auch daran teilnehmen können. Aber kommen wir zurück zum Antrag: Perücken für Frauen und für Kinder werden von den gesetzlichen Krankenkassen zumindest anteilig übernommen. Ziel der Hilfsmittelversorgung ist allerdings nicht die umfassende Rekonstruktion des verlorenen Haares, sondern nur die Sicherung der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, so heißt es. Das bedeutet in den Landtag meisten Fällen: Kunsthaarperücke ja, Echthaarperücke nur in Ausnahmefällen, im Regelfall aber nein. Bei von Alopecia areata betroffenen Männern werden hingegen gar keine Kosten für einen Haarersatz übernommen, da die Kaschierung des Haarverlustes als optische Maßnahme zählt und vom Versicherten selbst zu zahlen ist. Möchte ein Mann allerdings zu einer Frau werden und kann er kein ausreichend weibliches Erscheinungsbild erzielen, übernimmt die Krankenkasse die Kosten für den entsprechenden Haarersatz selbstverständlich sofort. Auch hier zeigt sich, wie diese unterschiedlichen Krankheitsbilder im offenen Widerspruch zueinander stehen. Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Gesellschaft und vor allem auch die Politik muss ein größeres Verständnis für die am häufigsten vorkommende chronische Autoimmunerkrankung Alopecia areata entwickeln. Es geht hier um Würde, Teilhabe und Respekt für Hunderttausende Betroffene. Es gibt ein zugelassenes Medikament, welches sich große Teile der Bevölkerung einfach nicht leisten können. Die Krankheit muss als solche endlich anerkannt und die von der EU-Kommission zugelassenen Behandlungsmethoden dürfen nicht als reine Lifestyle-Mittelchen abgetan werden. Wir hoffen, dass sich die Landesregierung auf Bundesebene dafür einsetzt und den vielen Betroffenen eine Stimme gibt. Ich freue mich auf die Beratung im Ausschuss. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall von der AfD und Dr. Christian Blex [fraktionslos])

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