Dr. Martin Vincentz
Sehr geehrter Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Das Praktische Jahr bezeichnet das letzte Jahr des ärztlichen Studiums. Es trennt einen also sozusagen nur noch eine Prüfung von der Approbation als Arzt. Für Studenten aus wohlhabenderen Familien heißt das dann oft Aufenthalt im Ausland und dort das Praktische Jahr in verschiedenen Tertialen. Da ist steht meistens eher weniger die Ausbildung und mehr die Aufenthaltsqualität im Zentrum. Für die anderen sind es eher die Hiwi-Tätigkeiten in der Klinik um die Ecke: Blut abnehmen, Wunden säubern, stundenlanges Haken-Halten, Schreibkram. Dafür gibt es dann allerdings wenig Lehre. Oft wird es bezahlt mit Essensmarken und vielleicht einer kleinen Aufwandsentschädigung. Die ist man allerdings auch schon wieder los, wenn man beispielsweise im Schwesternwohnheim wohnen möchte, weil man sich die Wohnung nicht mehr leisten kann; denn neben der Vollzeittätigkeit im Praktischen Jahr ist für den Nebenjob oftmals keine Zeit mehr übrig, sodass man sich dann entscheiden kann, ob man entweder das Geld für die Wohnung im Schwesternwohnheim ausgibt oder aber nachts noch den Nebenjob macht. Das ist das aufregende Leben als Jungarzt. Und noch ein Schwank aus der Praxis. In diesem Jahr bekommen Sie 30 Fehltage, und es ist vollkommen egal, ob Sie die für Krankheit, Familie oder Urlaub nutzen; das liegt völlig an Ihnen. Wenn Sie also nachts im Dienst völlig übermüdet die Treppe Landtag runterfallen, sich einen komplizierten Bruch zuziehen und sechs Wochen brauchen, um den auszukurieren, dann ist das Ihr eigenes Pech. Dann ist der Urlaub in diesem Jahr einfach gestorben. Viele Lernplattformen im Internet geben übrigens den Medizinstudierenden folgenden wertvollen Tipp: Wenn ihr über das gesamte Jahr nur zehn Tage frei nehmt, dann habt ihr 20 Tage übrig, die ihr im letzten Tertial nehmen könnt, um noch ein bisschen länger für die letzte Prüfung zu üben. Ein grandioser Tipp! Es ist so, Lehrjahre sind sicherlich keine Herrenjahre. Aber einen Lehrling würde man in dieser Art und Weise niemals behandeln, und zwar zu Recht. Wenn wir über einen Mangelberuf wie über den des Mediziners sprechen, dann sollten wir vielleicht langsam damit anfangen, Mediziner nicht in dieser Art und Weise zu behandeln, sondern ihnen auch Arbeitskonditionen zugestehen, wie man sie zu Recht in jedem anderen Berufsfeld auch zugestehen würde. Und Jungmediziner direkt von Anfang an daran zu gewöhnen, 24 Stunden, 36 Stunden oder wie lange auch immer am Stück zu arbeiten – ich glaube, niemand möchte einen Chirurgen, der so lange arbeitet. Niemand möchte einen Chirurgen, der daran gewöhnt wurde, dass das normal ist und dass diese Arbeitsbedingungen eben auszuhalten sind. An dieser Stelle ist es vollkommen egal, ob es von mir aus die Ampelregierung im Bund ist, die sich bewegt, oder ob es Schwarz-Grün im Land ist, die sich mit einer Initiative des Ganzen annehmen und in der Sache Druck machen. Hauptsache, es geschieht überhaupt etwas. In dieser Art und Weise können wir Jungmediziner nicht weiter behandeln. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD)
