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Dr. Dennis Maelzer

SPD 23.08.2023 Sitzungen 18/39

Vielen Dank. – Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Natürlich geht immer mehr, haben wir gerade gehört. Ja, ich hoffe, dass da deutlich mehr geht. (Beifall von Stefan Zimkeit [SPD]) Wie ist denn die Lage in Nordrhein-Westfalen? Nach fast vier Jahren Grundschule können viele Kinder kaum lesen. Genau das hat uns doch das erschreckende Ergebnis der IGLU-Studie in diesem Frühjahr gezeigt. Die mittlere Lesekompetenz der Grundschüler ist gesunken und etwa 25 % der Kinder erreichen nicht einmal das Mindestniveau beim Textverständnis. IGLU zeigt ebenfalls: Es gibt keine Fortschritte beim Abbau der eklatanten Bildungsungleichheit. Was ist das denn anderes, meine Damen und Herren, als eine Bildungskatastrophe? (Beifall von der SPD) Darum ist es richtig, dass wir heute über das Thema „Sprachförderung“ sprechen, und auch die Forderung nach einem Gesamtkonzept ist richtig. Eigentlich müssten wir die Frage noch breiter angehen, denn bereits im Herbst 2022 ergab der IQB-23.08.2023 Bildungstrend, dass bis zu 30 % der Grundschülerinnen und Grundschüler in Nordrhein-Westfalen in den Kernkompetenzen Lesen, Schreiben, Rechnen und Verstehen nicht die vorgegebenen Mindeststandards erreichen. Die Kernkompetenzen sinken kontinuierlich, nicht erst seit der Coronapandemie. Aber klar muss doch sein: Wer die Probleme, die in der Schule zutage treten, erst in der Schule angehen will, der handelt deutlich zu spät. (Beifall von der SPD – Vereinzelt Beifall von der FDP) Wir müssen die Bedarfe von Kindern frühzeitig erkennen und früh mit der Förderung beginnen; der richtige Ort dafür ist die Kita. Wenn wir jetzt aus dem Schulministerium hören, die Sprachkompetenz solle bei der Schulanmeldung geprüft werden – meine Damen und Herren, die Schulanmeldungen erfolgen bis zum 15. November des Vorjahres –, dann sind es nur noch wenige Monate bis zur Einschulung. Ein Screening zu diesem Zeitpunkt erfolgte viel zu spät, um noch rechtzeitig eingreifen zu können. Das ist genau das Problem, wenn Schule und Kita nicht aufeinander abgestimmt sind. (Beifall von der SPD) Wir als Sozialdemokraten wollen, dass die Förderbedarfe der Kinder frühzeitig festgestellt werden und dass dann aber eben auch Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, um den Kindern zu helfen. Natürlich geht immer mehr, Frau Kollegin. Wir wollen, dass das letzte Kitajahr vor der Einschulung zu einem Chancenjahr mit gezielter individueller Förderung weiterentwickelt wird, damit alle Kinder ihre Fähigkeiten entwickeln können und einen guten Start ins Schulleben haben. Das geht in der Tat nur, wenn Schule und Jugendhilfe Hand in Hand arbeiten. Darum wollen wir beide Seiten an einen Tisch holen, damit es endlich zu einem ressortübergreifenden Handeln und zu einem gemeinsamen Ansatz kommt. Dieses ressortübergreifende Handeln fordert auch die FDP in ihrem Antrag. Ich will an dieser Stelle nur ganz vorsichtig und wirklich freundschaftlich daran erinnern: Vor etwas mehr als einem Jahr waren sowohl das Familienministerium als auch das Schulministerium unter der Leitung der FDP. (Zuruf von Marcel Hafke [FDP]) Man hätte auf den Gedanken kommen können, dass das vielleicht ein guter Zeitpunkt gewesen wäre, den Grundstein für ressortübergreifendes Denken und Handeln von Schul- und Familienministerium zu legen. (Beifall von der SPD) Gleichwohl bleibt dieser Gedanke richtig; ich glaube, wir müssen ihn sogar noch weiterdenken und ihn um das Gesundheitsressort erweitern. Was wir brauchen Landtag sind frühere verpflichtende Untersuchungen zur Feststellung des Entwicklungs- und Gesundheitszustandes. Es muss bereits im Alter von vier bis viereinhalb Jahren durch einen Arzt und durch die alltägliche Beobachtung der Erzieherinnen und Erzieher in den Kitas festgestellt werden, wie die motorische, die sprachliche, die kognitive und die soziale Entwicklung und der Gesundheitszustand der Kinder sind. Am besten kommen dazu die Ärzte des Gesundheitsamtes in die Kitas und machen diese Feststellung auf Grundlage der Bildungsdokumentation, denn Erzieherinnen und Erzieher schreiben sich bei der Bildungsdokumentation die Finger wund und keine andere Institution nimmt das überhaupt zur Kenntnis. Wie soll denn so ein ganzheitlicher Blick auf das Kind erfolgen? (Silvia Gosewinkel [SPD]: Ja!) Genau das ist es doch, was wir brauchen, damit wir daraus spezifische Ergebnisse und Fördermaßnahmen ableiten können, die dann in der frühkindlichen Bildung stattfinden. Die Kinder, die keine Kita besuchen, müssen diese Untersuchung in den Gesundheitsämtern der Kommunen absolvieren – idealerweise in Kooperation mit dem Familienzentrum der nahegelegenen Grundschule. Da geht es auch um das Thema „Verbindlichkeit“. Wenn es nämlich um die Sicherstellung des Kindeswohls geht, dann muss es auch eine Verbindlichkeit der Förderangebote geben – im Regelfall eben in der Kita oder in Kooperation mit dem Familienzentrum an der Grundschule. Und es muss multiprofessionelle zusätzliche Ressourcen in den Kitas geben, und zwar in den Kitas, wo die Bedarfe besonders hoch sind. Das heißt dann „Ungleiches ungleich behandeln“ und war auch mal strittig – zumindest bei der FDP. Wenn wir da jetzt gemeinsam an einem Strang ziehen, ist das sicherlich eine gute Entwicklung. Das letzte Jahr vor der Schule wird dann ein Chancenjahr der intensiven Förderung. Alle Kinder, die einen zusätzlichen Förderbedarf haben, erhalten dann weitere Sprachförderung und weitere Förderung ihrer sozial-emotionalen Kompetenzen sowie diejenigen, auf die es zutrifft, gleichzeitig auch ein mehrsprachiges Angebot zur Stärkung ihrer Muttersprache. Gleichzeitig müssen wir die Sprach-Kitas und die plusKITAs ausbauen. Ich fand es übrigens sehr bemerkenswert, wie stark die plusKITAs und auch die alltagsintegrierte Sprachförderung gelobt worden sind. Beides sind Dinge, die noch zu Zeiten der SPD-Regierung eingeführt worden sind. 23.08.2023 Sprach-Kitas und plusKITAs müssen ausgebaut werden, und die stärkere Vernetzung zu den Familienzentren an den Grundschulen muss stattfinden, denn für uns Sozialdemokraten ist klar, dass wir eine Institution, die die stärkere Verzahnung zwischen Kita und Grundschule hinbekommt, brauchen. Sie haben es gemerkt: Wir sind der Auffassung, dass das Familienzentrum dafür die richtige Institution ist. Zu all dem gehört aber, dass das Land erst mal seine Hausaufgaben macht. Wir haben fehlende Kitaplätze insbesondere in den Quartieren, wo die sozial benachteiligten Familien wohnen. Aber weder Schwarz-Gelb noch Schwarz-Grün ist dieses Problem in den letzten Jahren angegangen. Im Gegenteil: Insbesondere im U3-Bereich haben wir immer neue Negativrekorde, was den Ausbau angeht. Den Rekord gab es unter Stamp. Sie haben den zweitschlechtesten Wert. Das sollte aber kein Grund sein, darauf stolz zu sein. Wir brauchen den Ausbau der Beratungsinfrastruktur durch Familienbüros und aufsuchende Angebote – seit Jahren von der SPD gefordert, weder unter Schwarz-Gelb noch unter Schwarz-Grün angegangen. Jede Schule muss zum Familienzentrum ausgebaut werden – seit Jahren von der SPD gefordert, und seit Jahren steht hier die Landespolitik auf der Bremse. Das alles gehört zu einem Gesamtkonzept dazu. Wenn es Ihnen wirklich ernst ist, dann freuen wir uns auf die Debatte. (Beifall von der SPD)

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